Hans Op de Beeck | Out of the Ordinary

11.08.17

Zwischen Kunstinstallation und Bühnenbild

Wer die Ausstellungen des belgischen Künstlers Hans Op de Beeck betritt, sieht sich konfrontiert mit einer anderen, einer leisen und vielfach farblosen Welt. Der 1969 geborene und in Brüssel arbeitende Installations- und Medienkünstler, Zeichner und neuerdings auch Autor hat sich ganz einer Kunstpraxis verschrieben, mit Hilfe derer er der lauten und geschäftigen Welt Bilder einer anderen Wirklichkeit entgegenhält. Auf der „Suche nach einer tröstlichen Ruhe“, wie der Künstler im Interview mit Alexandra Matzner gesteht, baut er Installationen und dreht Filme, die ihm „einen Moment der Loslösung, einen meditativen Augenblick, eine Stille, eine Phase der Ruhe“ ermöglichen. Dazu nutzt er intensiv Methoden und Möglichkeiten des Bühnenbilds. Settings erzählen von abwesenden Bewohnern, verschiedenfarbige Lichtquellen erzeugen Stimmungen – und über allem liegt ein Hauch Melancholie.

Die Authentizität des Fakes

Befragt nach seinen Inspirationsquellen, erzählt Hans Op de Beeck von Büchern und der Identifikation mit deren Protagonisten. Er liebe die Mischung aus erhabener Tragödie und dem Lächerlichen, oder dem Ernsten und dem Lustigen. Melancholie ist vielen seiner Werke eingeschrieben, das Theatralische ebenso. Ob es sich um Filme, skulpturale Arbeiten, begehbare Installationen oder bildhaft wirkende, weil durch ein Fenster zu betrachtende Skulpturen handelt, immer verweist Hans Op de Beeck auf das Gemachte seiner Werke. Am auffallendsten ist seine Entscheidung, in Grautönen zu arbeiten, dicht gefolgt von Hinweisen, die auf das Kons­truierte der neu geschaffenen Kunstwelt schließen lassen: Dazu zählen unter anderem Bühnenbilder und Rückseiten von Installationen mit ihren Belichtungsquellen, die offensichtliche Konstruktion von Räumen oder deren Größenverschiebungen. Offensichtlich geht es dem Künstler einerseits um einen hohen Grad an Illusionismus und andererseits zerstört er im gleichen Atemzug diesen Eindruck durch die Offenlegung seiner Methoden. Am deutlichsten tritt es in der 20-minütigen Filmarbeit „Staging Silence (2)“ aus dem Jahr 2013 hervor. Zwei Personen kreieren vor der Kamera fiktive Welten im Kleinformat. Sie bauen Skylines aus Würfelzucker oder Plastikflaschen, schnitzen Kartoffeln zu einer japanischen Insel oder hängen Wattewolken und künstliche Sonnen auf. „Ob etwas real oder konstruiert ist, ist für mich keine interessante Fragestellung. Meine Arbeit ist nicht über Simulation, sie dreht sich um Evokation. Es ist immer klar, dass es sich um eine Konstruktion handelt. Jedes Objekt ist handgearbeitet, es handelt sich nicht um Ready-­Made-Objekte“, so Hans Op de Beeck, um später zu ergänzen: „Ich glaube an die Authentizität des Fakes, wenn es gut konzipiert und gut gemacht ist.“

Fiktionsvertrag für Installationen

Hans Op de Beeck stellt Erfahrungsräume zur Verfügung. Die Besucher seiner Ausstellung können, ja müssen sich auf seine Fiktion einlassen, womit dem Belgier eine gattungsübergreifende Verschränkung von Film und Bildhauerei gelingt: Der in der Film- und Literaturwissenschaft so wichtige Fiktionsvertrag, die kurzfristige Übereinkunft der Betrachter, die Fiktion der Erzählung willentlich zu akzeptieren, ist auch für Op de Beecks Installationen von höchster Bedeutung. Die als mögliche Welten konstruierten Räume sind nahe an der Realität entwickelt. Dennoch gibt es Verschiebungen, was die Proportionen (verkleinerte oder vergrößerte Objekte), die Farbigkeit, die Zusammenstellung anlangt. Betrachter können sich in vielen seiner Werke bewegen und werden Teil dieser künstlichen Welten: Bücherregale und Vitrinen mit afrikanischen Masken, ein Seerosenteich und ein Klavier bilden ein etwas kitschiges „The Collector’s House“ (2016 auf der Art Basel erstmals gezeigt). Eine Wohnlandschaft en miniature mit Geschenkpaketen und Christbaum, alles in schwarzen Lack gehüllt, stellt „Christmas“ (2006) dar – zu aalglatt, um kuschelig zu sein, zu schwarz, um das Setting für eine glückliche Familienzusammenkunft abzugeben. „The Amusement Park“ (2015), eine skulpturale Installation auf der Fläche von 240 Quadratmetern, imaginiert einen heruntergekommenen Vergnügungspark in der Nacht, ein melancholisches Bild, das sich für die Betrachter hinter einer Glasscheibe illusionistisch entfaltet. Mit Hilfe von Theatertechnik baut Hans Op de Beeck unlogische Traumwelten, deren poetische Kraft sich aus der Stille, dem Licht und der Dunkelheit schöpft.
„Licht“, erzählt Hans Op de Beeck, „ist extrem wichtig. Es macht den großen Unterschied. In der Malerei, im Film, in der Skulptur. Ich arbeite immer intensiv mit Licht. Als ich in Brüssel Kunst studiert habe, erzählte ich meinen Lehrern, dass ich mit Atmosphären und Stimmungen arbeiten wollte. Meine Lehrer waren Meta-Künstler, Minimalisten und Schöpfer von monochromen Gemälden, und gar nicht von der Idee angetan. Sie dachten, das wäre zu emotional für einen Beginn. Ich denke, sie haben Gefühl mit Sentimentalität verwechselt.“

Ruf an das Theater

Erst vor ein paar Jahren war Hans Op de Beeck vom Frankfurter Schauspielhaus eingeladen worden, sein erstes Bühnenstück zu verfassen. Für das im September 2015 uraufgeführte Stück schrieb der bildende Künstler ein Skript, entwarf Kostüme und Bühnenbild, führte Regie. Das Familiendrama rund um einen erfolgreichen Vater, dessen Tochter, die sich in das Internet zurückgezogen hat, und den gehbehinderten Sohn, der Aquarelle eines fiktiven Gartens malt, zitiert viele Motive aus Op de Beecks filmischem und skulpturalem Werk. Dieses war bislang ohne Worte, bestand mehr aus Andeutungen, die von den Rezipienten selbst gefüllt werden mussten. In ihrer Sprachlosigkeit waren seine Arbeiten doch immer höchst beredt. Dem Plu­tarch’schen Wort – „Poema pictura loquens, pictura poema silens“ (das Gedicht ist ein sprechendes Bild, das Gemälde schweigende Poesie) – folgend, erprobt Hans Op de Beeck die Wirkmacht unterschiedlicher Kunstformen. Ob Theater, begehbare oder bildhafte Installation, immer geht es ihm darum, „mit sehr zeitgenössischen, teilweise auch falschen ,Dingen‘, das Bewusstsein des Betrachters anzustoßen“.

Kunstraum Dornbirn, bis 10. September 2017