handWERK. Tradiertes Können in der digitalen Welt | MAK

16.02.17
Möbelmanufaktur Heinz Baumann, Highboard Pezzo, 2013, Räuchereiche © Stefan Rohner

In sechs Kapiteln spannt die umfassende Ausstellung im MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst den Bogen von der Geschichte zu aktuellen europäischen Perspektiven, beleuchtet das ressourcenschonende Potenzial des Handwerks, zeigt neue Entwicklungen an der Schnittstelle zu digitalen Technologien auf und präsentiert meisterliche Werkstücke aus verschiedenen Sparten. 

„Gewinnt das Konzept die Oberhand – oder etablieren wir eine Renaissance der angewandten Kunst?“, fragte der deutsche Kunsthistoriker Rüdiger Joppien in seinem Vortrag beim Symposion „Quo.Vadis? Kunsthandwerk im digitalen Zeitalter“ im November 2014. „Werden nicht alle Bedürfnisse durch Universalanbieter erfüllt, die sogar noch modischen Mehrwert und soziales Ansehen vermitteln? Ist Handwerk demgegenüber nicht elitärer Luxus?“, so seinen provokanten Fragen, die er jedoch gleich selbst positiv beantwortete, denn, so Joppien: „Gerade der Wunsch vieler Auftraggeber nach dem Besonderen und Individuellen fördert den Anspruch, auch heute einzigartige Dinge herzustellen.“ Aktuell fallen die Begriffe „Handwerk“ und „handmade“ in der Werbung und in Lifestyle-Medien mit inflationärer Frequenz. Das „Maker Movement“ und die Do-it-Yourself-Bewegung sind enorm erfolgreich und schaffen einen weltweiten Hype. Global agierende Luxus-Labels setzen das Handwerk gezielt als Qualitäts- und Distinktionsmerkmal ein. Demgegenüber steht die Realität lokal agierender Handwerker, die um Anerkennung und eine gerechte Bezahlung kämpfen. Mit der Ausstellung „handWERK. Tradiertes Können in der digitalen Welt“ stößt das MAK eine ebenso brisante wie wichtige Diskussion zur Reflexion über die Bedeutung und Wertschätzung des Handwerks als wesentlichen Bestandteil der materiellen Kultur und der kulturellen Identität an. Kuratiert wurde die Ausstellung von Rainald Franz, Kustode der MAK-Sammlung Glas und Keramik sowie von der Gastkuratorin Tina Zickler. Eine Ausstellung, die auch jene grundlegenden Themen benennt, die in der nächsten Vienna Biennale 2017 mit dem Titel  „Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft“ im Fokus stehen werden. PARNASS traf für die Ausgabe 4/2016 den Direktor des Museums, Christoph Thun-Hohenstein, und Kurator Rainald Franz zum Gespräch.

Sind Begriffe wie digitale Technik und Handwerk Widersprüche?

Rainald Franz: Im Gegenteil, denn die Geschichte des Handwerks zeigt, dass sich vor allem das zukunftsträchtige Handwerk mit modernen Technologien befasst hat und oft auch Innovationsträger neuer technischer Entwicklungen war. Deshalb haben wir auch diesen Titel gewählt, weil wir diesen Aspekt in der Ausstellung zeigen wollen – wie sich Handwerk mit digitalen Möglichkeiten auseinandersetzt und diese als Werkzeug innerhalb der handwerklichen Prozesse nutzt. Wir zeigen das anhand von internationalen und österreichischen Manufakturen.

Christoph Thun-Hohenstein: Dahinter steht auch eine große philosophische Frage – eine Frage des Bewusstseins: Weg von den Wegwerfprodukten. Will ich zehn billige Artikel kaufen oder um dasselbe Geld ein hochwertiges Objekt, das ich dann auch pflege, lang behalte und an dessen Qualität ich mich täglich erfreue? Diese Frage muss erneut gestellt werden, denn derzeit wird viel zu viel produziert. Das Ziel muss sein, dass viel mehr Menschen an der Qualität teilhaben können, indem die Preise nicht zu hoch liegen und jene Firmen, die derzeit einen Riesenprofit mit ihren Wegwerfprodukten machen, nicht mehr das Paradies für ihr Geschäftsfeld vorfinden – auch aufgrund geänderter Konsumeinstellung. Dies sind Themen, die wir in der aktuellen Ausstellung, aber auch in anderen Projekten des Museums forcieren.

Der US-amerikanische Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem 2008 erschienenen Buch „The Craftsman“ das Handwerk auch als Gesellschaftsmodell. Für Sennett ist handwerkliches Können weit mehr als nur manuelle Praxis, er beschreibt damit einen fundamentalen menschlichen Impuls – das Bestreben, eine Tätigkeit um ihrer selbst willen möglichst gut zu verrichten. Vom Goldschmied über den Schuster bis hin zum Chirurgen – alle, so Sennett, sollten „ihr Handwerk verstehen“.

CTH: Das Handwerk ist Bestandteil einer Gesamtlebensphilosophie für das 21. Jahrhundert. Das Entscheidende ist das Bewusstsein, dass Handwerk ein Potenzial hat und unsere digitalisierte Gesellschaft ergänzt. In einem digital durchorganisierten Alltag sind Objekte, die Resonanz haben, wesentlich, unabhängig davon, ob diese nur von kurzer Dauer sind wie ein qualitätsvolles Essen oder hochwertige Gegenstände. Das Handwerk spielt dabei eine zentrale Rolle auch im Bereich der Urbanisierung. Es ist ein Teil, um die Lebensqualität einer Stadt weiterzuentwickeln. Die Entwicklung geht derzeit in die richtige Richtung – hin zur Qualität sowie zu einer Umstellung in unserem Konsumverhalten. Dabei muss sich Hochwertigkeit nicht immer im Preis ausdrücken. Auch wenn Handwerk in gewissem Sinne immer ein Luxussegment sein wird, ist vieles allgemein erschwinglich und vor allem eine Frage des Bewusstseins.

RF: Das sieht man in Wien ganz besonders, in der Entwicklung von lokalen Clustern in den Bezirken, an Co-Working Spaces und anderem. Solche Initiativen sind das Substrat, aus dem heraus sich ein Umdenken entwickelt.

CTH: Begriffe wie Caring, Wertschätzung und Sorgen für Personen und Dinge, aber auch Repairing werden in Zukunft eine weit größere Rolle spielen. Es geht darum, die Idee einer Qualitätsgemeinschaft in den Vordergrund zu stellen, um die Lebensqualität für uns alle zu erhöhen. In diesem Kontext liegt die Bedeutung des Handwerks auf der Hand. Initiativen wie Werkraum Bregenzerwald zeigen, wie das Handwerk zum Stolz einer Region beiträgt und wie hart daran gearbeitet wird, diese Qualität auch in der Zukunft produzieren zu können und das Wissen über die Generationen in den Betrieben weiterzugeben. In diesem Beispiel ist viel Interessantes enthalten, woraus man lernen kann.

Die Ausstellung ist in sechs Kapitel eingeteilt, von der Frage der geschichtlichen Verortung von Handwerk bis zu gegenwärtigen Fragestellungen.

RF: In den verschiedenen Kapiteln versuchen wir alle relevanten Themen, die mit Handwerk assoziiert werden, zu zeigen – von der Förderung bis hin zu aktuellen Perspektiven. Wir zeigen europäische Initiativen und Institutionen, die neue Möglichkeiten im Dialog zwischen Handwerk und Design und in den Bereichen Ausbildung und Marketing eröffnen, wie unter anderem Crafts Council, Werkraum Bregenzerwald oder die Compagnons du Devoir aus Frankreich, deren Ausbildungssystem Elemente der Walz beinhaltet. Wichtig ist die Gegenüberstellung von Objekten aus der Sammlung mit aktuellen Produkten von europäischen Handwerkern, um darzustellen, welchen Wert die Objekte der Sammlung repräsentieren, die im besten Sinne auch Wegweiser zukünftiger Entwicklung sind. In einer „Live-Werkstatt“ zeigen insgesamt 20 Handwerker vor Publikum täglich ihr Können. Abgedeckt wird ein breites Spektrum an Disziplinen – vom Dirndlmacher bis zum Metallhandwerker. Ebenso ist dem Thema  „Nachhaltigkeit“ ein Kapitel gewidmet. Ergänzt wird dieses durch ein Forschungs-Lab der Wirtschaftsuniversität Wien, das Effekte rund ums Handwerk in Bezug auf das Kaufverhalten erforscht.

handWERK. Tradiertes Können in der digitalen Welt
14. Dezember 2016 bis 9. April 2017