Großes Kino, ganz still

24.09.14

Hans Op de Beeck: Staging Silence (2), 2013 (Courtesy Sammlung Goetz)

Hans Op de Beeck in der Sammlung Goetz

Schon die erste Begegnung mit dem Werk von Hans Op de Beeck habe sie affiziert, erinnert sich Ingvild Goetz heute. Es war 2004 auf der Art Basel und im Bereich der Art Unlimited war da diese Installation des 1969 geborenen Belgiers. Hinter einer unscheinbaren Türe fand sich die Sammlerin im Inneren eines typischen amerikanischen Diners wieder, vier Tische mit Blick auf eine nächtlich beleuchtete Straße. Nichts rührte sich da draußen, doch schien alles so real, dass man verweilen und die Zeit verstreichen lassen wollte, in der Erwartung doch noch Zeuge einer Aktion auf der Fahrbahn zu werden. Noch lange haderte die Sammlerin mit dem Kauf jener über die Maßen groß dimensionierten „Location (5)“, doch es nützte nichts, die Installation würde schlicht den Rahmen ihrer Institution sprengen. „Ich hatte Feuer gefangen. Wie ein Groupie reiste ich seinen Installationen hinterher und suchte das Gespräch mit dem Künstler“, schreibt Ingvild Goetz nun im Katalog der Ausstellung „Stille Kulisse und wandernde Komparsen“.
 

Über die Jahre ist der Bestand an Arbeiten von Hans Op de Beeck in der Sammlung Goetz kontinuierlich gewachsen, nun da der Künstler selbst mit jener Werkschau auf die ersten 15 Jahre seiner Karriere zurückblickt, stellt er fest, dass die Auswahl inhaltlich wie formal die gesamte Bandbreite seines Œuvres abdeckt: „Es handelt sich um eine der wenigen internationalen Sammlungen, die sowohl Zeichnungen, Aquarelle, Fotografien, Skulpturen als auch große Installationen und Videoarbeiten von mir besitzt.“

Bereits 2009 wurde Thomas Zipp gebeten für seine Schau in der Sammlung Goetz, ein Konzept zu entwickeln, das ganz der Tradition des Gesamtkunstwerkes verpflichtet, die Räumlichkeiten des Herzog & de Meuron-Baues vollkommen für sich vereinnahmen sollte. Nun hat Hans Op de Beeck mit seinem wohldurchdachten Parcours ganze Arbeit geleistet. Das gesamte Areal wurde mit Teppichboden ausgelegt und Wände wurden versetzt – die Abfolge der Exponate auf der rund 700 m2 großen Ausstellungsfläche versteht der Künstler als „Erfahrungsparcours“.  Im Obergeschoss beginnt jene gleichsam traumwandlerische Reise mit drei vollplastischen „Bachelor Still Lifes“ aus dem Jahre 2006. Wenngleich die Skulpturen strahlend weiß gefertigt sind, geben sie doch einiges preis über das Lotterleben der vermeintlichen Bewohner. Die Küchenutensilien sind Billigprodukte, das Arrangement etwas unordentlich, der übervolle Aschenbecher, diverse Speisereste und grüne Trauben sind hingegen nahezu hyperrealistisch farbig gefasst. Man wartet nur darauf, dass sich eine Fliege am Kirschkuchen niederlässt, doch auch ohne Insekt kommen einem Vanitas Stillleben in den Sinn.
 

Auch mit seinen Zeichnungen und Aquarellen schafft es Hans Op de Beeck die Stimmung, die sich eingestellt hat, weiter zu schüren. Ob nun Landschaften oder Interieurs, allen wohnt eine gewisse Trostlosigkeit inne, bisweilen sind entlang der mit Lineal gezogenen Hilfslinien handschriftliche Anmerkungen zu lesen. Jene, „ITS LIKE SOMETHING BAD COULD HAPPEN“ trifft womöglich das Gefühl, das sich beim Betrachten seiner Arbeiten einstellt am treffendsten. Trotz der medialen Vielfalt der Werke, offenbaren sich in den Zeichnungen die Wurzeln des Künstlers, der wie er im Katalog zugibt „in scheinbar endlosen Teenagerjahren“ unermüdlich Cartoons gezeichnet hat, während die Klassenkameraden draußen Fußball spielten. Womöglich ist es diese Einsamkeit, diese unerfüllten Sehnsüchte, die in all den als unbenutzbar ins Werk gesetzten kindlichen Vergnügungsangeboten, leeren Räumen, unbewohnten Architekturen und kargen Landschaften innewohnen. Op de Beeck unternimmt erst gar nicht den Versuch den Rezipienten zu täuschen. Die Konstruktion der Rückseite seiner inszenierten Raumbühnen wie beispielsweise „The Garret“, wird offengelegt. Die Requisiten sind maß­stabsgetreu von Hand gefertigt, einzig die farbigen Brombeeren sind nachgerade übersteigert realistisch, sodass eine natürliche Herkunft höchst unglaubwürdig erscheint. Titel wie „Staging“, „Location“ oder „Construction“ lassen keinen Zweifel über das artifizielle, konstruierte, kulissenhafte und inszenierte von derlei Unternehmungen. Alles ist Bühne, Theater, großes Kino, in dem das Publikum zum Akteur in der eigenen Gefühlswelt wird.

Beim Video „Staging Silence“ darf man überhaupt zwei Händepaaren aus dem Off beim Umgestalten der Kulissen von wechselnden nahezu archetypischen Landschaften und Städteprospekten beobachten. Mit alltäglichen Zutaten wie Wasserflaschen, Kartoffeln, Watte und anderem werden verblüffend echt wirkende Szenarien geschaffen bis zuletzt eine Skyline aus Würfelzucker mittels Übergießen einer schwarzen Flüssigkeit dem Verfall preisgegeben wird. Der Künstler erweist sich als vortrefflicher Regisseur. Er spielt mit Materialien wie mit Maßstäben, er lenkt Wahrnehmung und inszeniert Stimmungen, baut Atmosphäre auf und schafft es schließlich Gefühlen eine durchaus haptische Gestalt zu verleihen. Irgendwie versteht man, dass Hans Op de Beeck irgendwann vom deutschen Feuilleton das Prädikat „Bester Kulissenschieber der Welt“ verliehen wurde. 

Hans Op de Beeck. Stille Kulisse und wandernde Komparsen. Bis 15. November 2014, Sammlung Goetz, Oberföhringer Straße 103, 81925 München, Deutschland, www.sammlung-goetz.de

 

 

Ort: 
Autor: