Globart Talk – auf der Suche nach der Black Box

08.02.16

Bericht vom Globart Talk 2016

GLOBART, die Denkwerkstatt für Zukunftsthemen, startete im November 2014 die groß angelegte Gesprächsserie in der Wiener Secession, einem historischen Ort für „neues Denken“. Am 25. Jänner 2016 fand die erfolgreiche Premiere ihre Fortsetzung.
Wie die Wiener Secession, hat es sich auch GLOBART zur Aufgabe gemacht neue Wege zu gehen und nicht mehr zeitgemäße Traditionen zu überdenken.
Die GLOBART Talks sollen mit einem interdisziplinären Anspruch eine Gesprächsserie bilden, in der Ideen für ein gelingendes Leben vorgestellt und diskutiert werden. Weltweit machen sich Künstler, Philosophen, Designer und Ökologen Gedanken darüber, wie ein richtiges Leben in der Zukunft aussehen kann. Die besten Köpfe wurden in die Secession eingeladen, um Ihre Ideen zu präsentieren. Nina Binder hat für PARNASS den Globart Talk 2016 zusammengefasst.

Ein Raum voller schwarzer Kisten mit offenstehenden Deckeln, ein durchdringendes Piepen, wie das EKG eines Sterbenden und Explosionen; in den Boxen einzelne Wörter und sich rapide verringernde oder potenzierende Zahlen: Mit ihrem Werk „It’s Time to open the Black Boxes“ ist es Danae Stratou wieder einmal gelungen, den Betrachter physisch und emotional in ein Werk einzubeziehen. Die tiefe Rührung vor den Black Boxes ist eine existenzielle: „Würde“ steht in ihnen geschrieben, „Hoffnung“, aber auch „Klimawandel“ und „Bankruptocracy“. Dies sind die Wörter, die der Künstlerin in Griechenland auf die Frage genannt wurden, was die Menschen am dringendsten bewahren und beschützen wollen und wovor sie sich am meisten fürchten. Diese Wörter treffen uns bis ins Mark: Sie beschreiben Hoffnung und Angst in sehr schwierigen Zeiten, sie erinnern uns an unsere eigene prekärer werdende Lage und lassen uns nachempfinden, was in den Schreibern dieser Wörter vorgeht. „Black Boxes“ zeigt somit nicht nur die Sicht der Griechen auf die Situation in ihrem Land, sie zeigt uns auch die unsere: Wir wechseln die Perspektive.

Die seit 20 Jahren mit ihren Land-Art-Projekten und installativen Arbeiten international erfolgreiche, griechische Künstlerin Danae Stratou nutzt die Kunst um verschiedene Perspektiven anzusehen und aufzuzeigen. Mit der Plattform „Vital Space“, die sie 2010 mit ihrem Mann, dem Ökonomen und ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis, gegründet hat, geht sie verstärkt in diese Richtung: Der Versuch, die Grenzen zwischen Wissensgebieten zu durchbrechen, um gemeinsam alle Fähigkeiten als KünstlerInnen, ÖkonomInnen, SchriftstellerInnen, etc. zu nutzen, und so zu einem besseren Modus Operandi zu gelangen, steht hinter diesem Projekt – und der Glaube, dass die Kunst die Welt zum Besseren wandeln kann.

Es ist Zeit unsere „Black Boxes“ zu öffnen um zu wissen, welche Bedrohungen auf die Welt, die Gesellschaft, die Umwelt zukommen und uns handlungsfähig zu machen – und somit eben vor der Katastrophe und nicht, wie bei Flugzeugunglücken, danach: Das war der Grundtenor des Globart  Talks, der am 25. 1. in der Secession stattfand. Mit Danae Stratou diskutierten unter der Moderation von Martin Fritz, der Ökonom Tomáš Sedláček, der Autor Oliver Tanzer und MAK-Direktor und Initiator der Vienna Biennale, Christoph Thun-Hohenstein. Motivation des etwa eine Stunde dauernden Gesprächs war es, verschiede Expertenstimmen zum Thema der Chance in der Krise, speziell der Griechenlandkrise, zu hören – und über allem die Frage: Was ist die Rolle der Kunst in Zeiten wie diesen? Tomáš Sedláček, Tschechischer Starökonom, ist bekannt dafür, einen ganzheitlichen Blick zu suchen und die Wirtschaft und ihre Mechanismen kritisch zu sehen und zu hinterfragen. Das Buch „Lilith und die Dämonen des Kapitals: Die Ökonomie auf Freuds Couch“, das er gerade zusammen mit Oliver Tanzer veröffentlicht hat, spricht eine deutliche Sprache von dieser Haltung. Diese von der Wirtschaft ausgehende Perspektive traf auf die gesamtgesellschaftliche Christoph Thun-Hohensteins, der als ehemaliger Diplomat, als Museums- und Biennaledirektor ein weites Erfahrungsfeld ins Spiel bringen konnte. Ausgehenden von den Werken Danae Stratous und der Forderungen, die sie auf ihrer Plattform „Vital Space“ stellt, kam die Diskussion sofort auf eine sehr elementare Ebene: Europäische und menschliche Werte, die Notwendigkeit, Verantwortung zu übernehmen und über allem die Kunst als Katalysator und die Wichtigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit. Die anwesenden Experten warfen die Frage auf, ob Athen nicht als Chance begriffen werden könnte und ob wir bei einem Blick nach Griechenland nicht gleichzeitig die eigene Zukunft vor uns haben. Dass diese Thematik auch etwa von der documenta 14 mit dem Titel „von Athen lernen“ aufgegriffen wird, bezeugt nicht nur die Wichtigkeit des Themas, sondern auch ein erweitertes Selbstbild der Kunst, sich derartiger Fragen anzunehmen. Tatsächlich war das Fazit des Globart Talks, dass gerade in Zeiten der Krise die Kunst besonders wichtig wird. Durch die Verbindung von Politik, Wirtschaft und anderen Expertenfeldern mit der Kunst und ihrer besonderen Fähigkeit zu sehen und zu vermitteln, kann aus einer Krise eine Chance werden: Wenn die richtigen Fragen gestellt sind, ist auch eine Antwort und ein Überwinden der Krise möglich. Die Rolle der Kunst in dieser Situation ist klar die eines Kommunikators und Katalysators: Sie bringt Unterbewusstes zu Tage und vermittelt es und ist gleichzeitig durch ihren weiten Blick fähig, Prozesse in Gang zu bringen. Dieses Potenzial zu nutzen ist die klare Forderung Christoph Thun-Hohensteins und der Grundgedanke der Vienna Biennale, die alle Felder der Kunst zusammenbringt. Thun-Hohenstein sieht die zeitgenössische Kunst in einer Dekorationsfalle und wünscht sich realitätsbezogene Projekte, in denen aktiv nach Lösungen gesucht wird, ein Vorgang, zu dem Museen und Biennalen anleiten können. Exemplarisch für die Rückbesinnung auf menschliche Werte steht für ihn auch ein erneuerter Blick auf die Schönheit: Da nur der Mensch die Fähigkeit hat, Schönheit zu sehen und zu suchen, sollte dieser Wert wieder eine größere Rolle in der Kunst spielen. Die Künstlerin korrigierte diese Forderung zur Feststellung, dass die Kunst keinen Zwang zur Schönheit habe, sehr wohl aber innewohnende Poesie, die sie zur Kommunikation auf Gefühlsebene besonders gut befähigt.
Diese hohe Sicht auf die Kunst steht in der Realität oft extrem harten Verhältnissen gegenüber. Besonders in Zeiten wirtschaftlichen Abschwungs fallen finanzielle Unterstützungen und Interesse oftmals weg. Tomáš Sedláček nannte die Wirtschaft die Religion unserer Zeit. Kunst als den Forderungen der Wirtschaft nach Gewinn- und Outputmaximierung diametral gegenüberstehende Idee ist in einer von Krisen geschüttelten Welt natürlich ein gefährdetes Gut: Scheinbar nutzlos, wird sie nicht mehr unterstützt und kann so ihre wichtige, gesamtgesellschaftliche Wirkung nur noch schwer oder gar nicht mehr entfalten. Die prekäre Lage griechischer Künstler ist ein Hinweis auf dieses Problem.

Die abschließenden Worte der Experten legen die Verantwortung in die Hände jedes einzelnen: Sei es Tomáš Sedláčeks Forderung nach einer Kultur der Kultur, Oliver Tanzers Aufruf, das Werkzeug „Kunst“ zu nutzen oder der ganz pauschale, mit Beifall quittierte Apell Christoph Thun- Hohensteins: „Let’s have the guts to become human again“.
Danae Stratou schloss mit dem Hinweis auf ihre Projekte „City Particles“ und „Ice Songs“: Das Überhandnehmen von Konsum und der Raubbau an der Welt als erschreckende Beispiele einer falschen Handhabung unserer geistigen und wirtschaftlichen Ressourcen. Denn sie ist sich sicher: Wenn wir als Menschen unser geistiges Potenzial und unsere Fähigkeiten nutzen, dann können wir auch im Zeitalter des Anthropozän die Welt verantwortungsvoll verwalten. Und die Rolle der Kunst ist dabei eine tragende.

 

 

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