Georgia O’Keeffe | Kunstforum

01.03.17
Georgia O’Keeffe, Oriental Poppies, 1927, The collection of the Frederick R.Weisman Art Museum at the University of Minnesota, Minneapolis © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien

Pseudo-modern und pseudo-künstlerisch: So bezeichnete Kritikerpapst Clement Greenberg die Kunst von Georgia O’Keeffe (1887–1986) einst. Eine groß angelegte Ausstellung im Wiener Kunstforum präsentiert noch bis 26. März einen Überblick über das Schaffen der längst zur Ikone der US-Kunst avancierten Malerin und beweist, wie weit sie ihrer Zeit tatsächlich voraus war. Eines wird bald klar: Die berühmten Blumengemälde sind bloß ein kleiner Teil ihres so facettenreichen Schaffens.

Auch Clement Greenberg konnte irren. Anlässlich von Georgia O’Keeffes Ausstellung im MoMA 1946, die als erste Frau dort eine Solo-Show hatte, meinte der Papst der US-Kunstkritik, ihre Kunst besitze "wenig immanenten Wert", sei gar "pseudo-modern" und schimpfte: "Dass eine so einflussreiche Institution wie das Museum of Modern Art dieses pseudo-künstlerische Schaffen mit einer großen Ausstellung würdigt, ist ein schlechtes Zeichen." (siehe Clement Greenberg, "Review of an Exhibition of Georgia O’Keeffe", in: The Nation, 15.6.1946, S. 727f. Hier zitiert nach: Ausst. Kat. Kunstforum, S. 217)

Ironie der Geschichte: Gerade O’Keeffe (1887–1986) nahm in mancher Hinsicht vieles von dem vorweg, was einige der von Greenberg selbst so favorisierten Künstler – Ellsworth Kelly, Barnett Newman etwa – später weiterführten. Die visionäre Haltung der Jahrhundertmalerin lässt sich schön anhand ihrer Ausstellung im Kunstforum (Kuratorin: Heike Eipeldauer), ihrer ersten Personale in Österreich überhaupt, nachvollziehen.

Georgia O’Keeffe war dem großen Publikum bisher wegen ihrer Blumenbilder bekannt, die allerdings keinen allzu großen Anteil ihres Gesamtwerks ausmachen. Zwar sind einige davon auch hier präsentiert, allerdings nur als Teil einer überaus facettenreichen Zusammenschau, die zusätzliche Aspekte wesentlich hervorhebt. Besonders schön geriet dabei der zentrale Raum, in dem die abstrakten Gemälde der Künstlerin gezeigt werden – mit Farbwirbeln und –strudeln, sphärischen Schwaden, aber auch ganz klar gezogenen Linien, die an das Hard Edge Painting eines Ellsworth Kelly denken lassen. Schon früh interessiert sich O’Keeffe für die Abstraktion, wie zwei Kohlestudien aus dem Jahr 1919 zeigen; da lugen zwei Kugeln hinter Schlitzen hervor, saust eine Diagonale über die Bildfläche. Ausstellungskuratorin Heike Eipeldauer erläutert im Gespräch mit dem PARNASS: "O’Keeffes Abstraktion entsteht einerseits durch die Perspektive in das Innere von Strukturen wie bei den Blumenbildern, andererseits durch den Blick in die unendlichen Weiten der Landschaft." Ihre gegenstandslosen Werke fanden Nachhall: "Seit den 1940er-Jahren griff O’Keeffe den Anliegen der Minimalisten vor", so Eipeldauer. "Darüber hinaus war sie für Kunstschaffende von Agnes Martin bis James Turrell ein Orientierungspunkt." Auch auf die Verwandtschaft mit den monumentalen Farbräumen eines Mark Rothko und eines Barnett Newman verweist die Kunsthistorikerin.

Der Ausstellung gelingt es, Leben und Werk stimmig nachzuzeichnen: Zwar wird die Chronologie immer wieder dort aufgebrochen, wo Themen gebündelt gezeigt werden – etwa bei der Abstraktion oder auch bei den Stillleben – aber doch zieht sich eine biografische Linie durch, werden ihre Aufenthalte in New York ebenso dokumentiert wie ihr späteres Leben in New Mexico. Alle Orte hatten großen Einfluss auf ihre Kunst und schlugen sich in nächtlichen Wolkenkratzer oder einem großzügigen Panorama des East River mitsamt Industrieschloten ebenso nieder wie in mehreren Ansichten einer Kirche in Taos (New Mexico), errichtet in der traditionellen Adobe-Architektur, massive Gebilde, komponiert aus Kuben, fast ein wenig an die Kirche Fritz Wotrubas in Wien-Mauer erinnernd oder farbintensiven Ansichten der kargen Landschaft, deren Textur manchmal an Haut erinnert, etwas Wesenhaftes erhält. Am Ende der Ausstellung steht ein großformatiges Gemälde mit dem sprechenden Titel "My last door", entstanden von 1952 bis 1954: Mit diesem Werk übersetzte O’Keeffe den Patio ihres Hauses in eine längliche geometrische Komposition, in deren Mitte ein Hochrechteck für die Türe steht, darunter läuft ein Band von Rechtecken, das Trittsteine abstrahiert – ein Bild, das Weite und Tiefe gleichermaßen vereint.

Wie eine Fußnote laufen daneben Fotografien her, etwa die frühen Porträts von O’Keeffes späteren Mann Alfred Stieglitz, in denen sie ebenso androgyn wie sexy posiert – Fotos, die viel dazu beitrugen, dass ihr Werk freudianisch-erotisch interpretiert wurde, sehr zu ihrem Missfallen. Weiter hinten ergänzen Aufnahmen Ansel Adams den Blick auf die Landschaft New Mexicos – dramatische Gewitter toben darauf und bieten eine ganz andere Sicht auf diese ungeheuer wandelbare Umgebung. 

Die Fotografien der Künstlerin leiten über zu einer Betrachtung Georgia O'Keeffes nicht hinter der Leinwand, sondern vor der Kamera, als Model und Modeikone. Aspekte denen das Brooklyn Museum diesen Frühling eine eigene Schau "Georgia O'Keeffe: Living Modern" widmet. 

Georgia O'Keeffe
Bank Austria Kunstforum
bis 26. März 2017

Georgia O’Keeffe: Living Modern
Brooklyn Museum
3. März bis 23. Juli 2017