Georg Baselitz - Hommage zum 80er

13.04.18
Georg Baselitz in der Fondation Beyeler, 2018 | Foto: Matthias Willi

Mit mehr als 90 zum Teil raumhohen Gemälden und zahlreichen seiner Skulpturen feiert die Schweizer Fondation Beyeler den Weltstar Georg Baselitz zu dessen ­­80. Geburtstag. Darüber hinaus bringt das Kunstmuseum Basel eine große Schau mit Werken auf Papier. Für PARNASS traf Roland Schöny den Künstler.

 

Dass er seit den 1970er Jahre Figuren und Köpfe verkehrt herum, auf dem Kopf stehend, malt, wurde nicht nur zu seinem Markenzeichen. Damit positionierte er sich auch im Umfeld der Nachkriegsavantgarde. Während er einen deutlichen Bruch mit einer Konvention vollzog, schöpft er gleichzeitig aus dem ideellen und ästhetischen Reservoir des deutschen Expressionismus, insbesondere der Künstlervereinigung Brücke. Immer wieder bekennt er, dass er mit einem Standbein stets in der Kunstgeschichte verhaftet blieb. Gleichzeitig musste er deutliche Kritik wegen seiner Ansichten einstecken, nachdem er in den letzten Jahren mehrmals öffentlich behauptet hatte, "Frauen können nicht gut malen". Jüngst lösten seine Spitzen gegen die deutsche Demokratie, die Baselitz als Autokratie bezeichnet, eine ebenso heftige Ablehnung seiner Äußerungen aus.

Schon seit 1961 benennt sich der als Hans-Georg Kern in der Oberlausitz in Sachsen, im Staatsgebiet der DDR geborene Künstler in Anlehnung an seinen Geburtsort Deutschbaselitz. Georg Baselitz, dessen erste Ausstellung in Westberlin 1963 noch einen Eklat wegen explizit sexueller Darstellungen in den heute berühmten Ölbildern "Nackter Mann" und "Die große Nacht im Eimer" nach sich zog, prägte die Malerei über viele Jahrzehnte hindurch. Heute lebt er unter anderem in Salzburg und erhielt aufgrund seiner Verdienste für Österreichs Museen die österreichische Staatsbürgerschaft. Mehr als 300 internationale Sammler und Wegbegleiter kamen zur Eröffnung seiner Retrospektive in Basel, wo das nachfolgende Gespräch stattfand.

Roland Schöny: Herr Baselitz, gehen wir doch bitte von einer Bildserie aus, die dem Publikum in einem der Räume der Fondation mit enormer Präsenz entgegenschlägt. Die in mehrfacher Version gemalten "Füße", die zwischen 1960 und 1963 entstanden, können auf manche sicher unappetitlich wirken, weil sie so fleckig, so unförmig, fast wie hyperreale Monstren ins Bild gesetzt wurden. Diese Wirkung erstaunt, weil Sie doch eher selten am realen Abbild interessiert sind.

Georg Baselitz: Richtig, diese Art der Auseinandersetzung lag mir meistens sehr fern. Auch wenn Sie Füße in meinem Werk wahrscheinlich mehrmals entdecken werden.

RS: Ja, Sie erklärten einmal, wenn man einen harten Stoff braucht, sei ein Fuß gut geeignet. Füße seien bäurisch und erdig. Von hier ausgehend jedoch anlässlich Ihres 80. Geburtstags eine Frage zum Verhältnis Ihrer Kunst zum Thema Körper. Können Sie durch die Jahre hindurch eine Veränderung feststellen? Bei einer Kollegin – Maria Lassnig – merkt man eine solche ganz stark, bei Ihnen nur mittelbar.

GB: Maria Lassnig und ich sind ein schlechter Vergleich, weil Maria Lassnig für ihre Malerei bis zuletzt immer ein Gegenüber hatte: Das war ihr Porträt oder einfach ihr wirkliches Gegenüber im Spiegel, wie eben in der Malerei üblich, und das wird gemalt. Ich hingegen suche nicht nach einem Gegenüber. Als Künstler ist mir wichtig, mich auf mich selbst zu beziehen. Ich kann nicht in Rede und Antwort malen.

RS: Das klingt sehr stark nach Verweigerung des Dialogs mit der Umgebung.

GB: Für mich war das Fehlen eines Gegenübers entscheidend, das empfand ich als störend. Deshalb interessierte mich auch eine Literatur, von der ich glaubte, deren Autoren seien ähnlich. Vieles lehnte ich ab, doch ich las Samuel Beckett. Davor war es Marcel Proust, der mir von meinen Lehrern empfohlen worden war. Auf die Künstlerin Maria Lassnig angesprochen, muss ich sagen, sie nimmt eine auffallende Sonderstellung ein. Sie stammt ungefähr aus der gleichen Generation wie Lucien Freud oder Francis Bacon. Den um einiges jüngeren Frank Auerbach könnte man dazuzählen. Aber solche Künstler existieren heute längst nicht mehr. Deren Kunst entstand aus einem bewussten Konversationskontext mit ihrer Umwelt. Und sie arbeiteten autobiografisch. Das gibt es bei mir nicht. Bei mir ist dieser Prozess spielerisch. Er hat mit Grübeln, mit Nachdenken zu tun. Daraus kann alles Mögliche entstehen, auch Hässliches.

RS: Die Frage bezog sich auch auf das Alter, das ja in so einem Ausstellungsdoppelpack, in einer Retrospektive auf Ihr bisheriges Lebenswerk, unwillkürlich zum Thema wird.

GB: Ich kann nur sagen, dass ich früher physisch besser war, nicht unbedingt psychisch, aber physisch. Dennoch bin ich sehr diszipliniert in meiner Arbeit. Selbstverständlich merke ich die technischen Veränderungen, die insofern in meine Arbeit einfließen, als ich nun nach digitalen Fotos arbeite. Daher muss ich meine Hässlichkeit nicht mehr zum Fotografen bringen und das Bild entwickeln lassen. Das kann man heutzutage am Computer, und dann muss man sich nicht mehr entschuldigen. Diesen physischen Zustand zu malen, macht mir ausgesprochen Spaß – solange man ihn noch malen kann, zwar nicht unbedingt verbunden mit der Idee, "Du musst zum Friseur gehen" oder "Du musst Gymnastik machen". Nein, es kehrt eine ziemliche Selbstsicherheit ein in dem einem klar wird: "Ach ja, so hat dein Vater auch schon ausgesehen." Das ist eigentlich die Beschäftigung, die mich jetzt die letzten drei Jahre umtreibt. Die Ergebnisse hängen im letzten Raum dieser Baseler Ausstellung. Ich muss sagen, es ist ziemlich gut.

RS: Also gibt es gelegentlich doch das Malen nach einem Vorbild?

GB: Ja, aber der Bruch mit dem Modell, das war für mich das Entscheidende. Ich wurde einmal in Österreich vor 30 oder 40 Jahren in einem Interview gefragt: "Was ist Ihr interessantester Künstler oder Ihr Hero?" Meine Antwort lautete: "Picasso." Da wurde ich ausgelacht, weil sie meinten, in Österreich alle schlauer zu sein, und durch ihren konzeptionellen Weg, den sie gefunden haben, würden sie die richtigere Kunst machen. Aber das mit Picasso stimmt tatsächlich. Allerdings war "Picasso" auch der Werktitel des letzten Bildes, das ich damals gemacht habe. Danach habe ich mich von diesem Kontakt mit der Umwelt vollständig verabschiedet, indem ich 1957 als Schüler in der Malklasse des Malers Hann Trier abstrakt wurde. Ich malte dann informell; nach einem halben Jahr habe ich Literatur dazu studiert und war auch angetan von den abstrakten Bildern eines Nay. Er war von Kandinsky und von Albers beeinflusst.

RS: 1957 war Ihrer Biografie zufolge ein entscheidendes Jahr. Nachdem Sie – noch in der DDR lebend – wegen offizieller Zuschreibung von "gesellschaftspolitischer Unreife" von der Hochschule verwiesen worden waren, begannen Sie Ihr Studium in Westberlin.

GB: Ja, dies intensivierte die Auseinandersetzung mit Kandinsky und Malewitsch und so weiter; und dieser erwähnte Bruch mit dem Modell war endgültig. Ich habe nie mehr angefangen, mit einem Gegenüber etwas zu machen. Ich habe dann, sagen wir 20 Jahre lang, fantasiert und das sieht man den Bildern alles an wie in "Füße" oder "Die große Nacht im Eimer", die haben alle keine Realität. Sie haben eine erfundene Realität, wenn Sie so wollen, oder eine Horror­realität. Das ist meine Antwort.

RS: Zugleich wirken Ihre Körperkonzepte sehr existenziell. Es sind oft verletzte, deformierte Gestalten. Da ist doch sehr oft ein gesellschaftspolitischer Hintergrund spürbar.

GB: Nein!

RS: Das lehnen Sie ab?

GB: Vollständig, ja. Einen politischen Hintergrund in meinen Bildern würde ich komplett ablehnen.

 

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Georg Baselitz
bis 29. April 2018
Fondation Beyeler

Georg Baselitz
Werke auf Papier
bis 29. April 2018
Kunstmuseum Basel