Galerie Ropac: Daniel Richter – Konkretes wird verwischt

09.02.16

Nach einer Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, sind Arbeiten von Daniel Richters neuester Werkserie – entstanden in den beiden letzten Jahren – nun in der Galerie Thaddaeus Ropac zu sehen.

„Half-Naked Truth“ ist der Titel der Salzburger Präsentation – nicht die „nackte Wahrheit“ also, sondern eine „halbnackte“ – eine, die sich nicht ganz zu erkennen gibt, die nicht vollständig zu erfassen ist. Titel wie „Hello, I love you“ oder „Half-Naked Truth“ lassen an Narration denken, das eine oder andere Geschichtchen lässt sich um diesen Leitfaden schon spinnen. „Ich habe deine Mutter gesehen“, ein Bild im Ausmaß von 200 x 300 cm, zeigt vier Personen, drei schemenhafte Männer, zwei von ihnen mit grässlichen Grimassen, in ihrer Mitte eine sitzende Frau, das Gesicht ebenfalls Grimasse, der Kopf von einem Tuch umhüllt. – Eine Bettlerin, an der sich männliche Gewalt auszutoben beginnt? Richter liefert auch in den neuesten Bildern brisante inhaltliche Bedeutung, und das obwohl er nach formaler Reduktion trachtete. Er leitet mit seinen Bildtiteln in Gedankenbahnen, die seine Malerei aufladen und aus den Kompositionen Anleitungen für wüste Fantasien machen. Der Maler selbst bezieht Haltung, indem er die Relevanz des Inhaltlichen negiert, denn, so steht es im zu diesen Werken erschienen Katalogbuch „Malerei ist ja nicht interessant, weil da was drauf ist.“ Alles fließt – Richters Wandlungen sind enorm – vom Abstrakten zur Figuration, die ihm den Ruf der „Historienmalerei“ brachte und zugleich ihn zu einem Superstar der Malerei in Deutschland hievte. Und nun, eine zwar nicht gänzliche, dennoch deutliche Abkehr vom Gegenständlichen, die in zwei, in parallelem Arbeitsprozess entstandene, stark differierende Werkgruppen einfließt.

Die eine Gruppe, mit fleckigem Bildhintergrund und klarem Kontur trägt Titel wie „Projekte und Projektile“, „Spaltung“, „Endspiel“, „Werden die Roten die Schwarzen schlagen?“, „Imperiale Freuden“. Die Düsternis des Weltgeschehens ist verbal vermittelt, während die Gemälde selbst Farbfeldanordnungen in fröhlichen Farben sind, die wolkig leicht auf die Bildfläche schweben. Pastelliges Rosa, helles Blau, Zartgrün ist ein Kolorit, das an Landkarten in einem Atlas denken lässt. Die Nähe zur Kartografie drängt sich auf, ein Land, eine Region ist vom Umgebenden klar abgetrennt, die Grenzen sind gezogen. Richter dazu: „Jenseits von Bergsilhouetten und EKG-Kurven dachte ich zum einen an die grafische Darstellung des Aktienindex und zum anderen an historische Landkarten, die nicht nur im Schulatlas zum Beispiel die Geografie der Vertreibung der Polen oder die Vernichtung der Juden im Dritten Reich visualisieren, sondern auch aktuelle, tagtägliche Bewegungen besonders in Kriegsgebieten, etwa den Vormarsch des IS oder wechselnde Machtverhältnisse in Syrien und der Ukraine.“

Die andere Gruppe gibt Körper in formaler Reduktion preis, Körperfragmente, die wild verschlungen, gelängt und gespreizt, verkeilt sind – klar umrissene und dennoch zerrissene Formen, deren Farbigkeit expressiv ist und die, trotz ihres wüsten Durcheinanders, sich deutlich voneinander abheben – Individuen mit gelängten Armen und Beinen, in intimen, pornografischen Positionen. Die Gesichter, wie oft bei Richter, zu Grimassen verzerrt, in denen sich Augen und Mund als schreckliche Löcher auftun. Richter dazu: „Bei der anderen Serie, in der man menschliche Körper erkennt, kommt zum Tragen, was ich das „dritte System“ nennen würde, das auf alle Menschen einwirkt: die Sexualität als unbeherrschter Affekt, der seine visuelle Ausformung in der Pornografie findet. Es geht mir zuerst um die Oberfläche, dieses Flächige, das Verknäuelte, diese immer gleichen Schemata von Figurenkonstellationen, rein und raus.

Als ich vor drei Jahren mit Daniel Richter über seine damalige Ausstellung bei Ropac – die den ominösen Titel „Spagotzen“ trug – sprach, erzählte Richter über den Einfluss und die Inspiration dessen, was er lese. Unter anderem war es damals Witold Gombrowicz´ Roman „Pornographie“, ein Kriminalroman und zugleich ein philosophisches Buch, das zur Zeit seiner Veröffentlichung in den 1960er-Jahren als skandalös galt, obwohl es in ihm keine einzige pornografische Handlung gibt. Gombrowicz´ Buch ist der Roman einer „Verführung“ (so auch der originale, ursprüngliche Titel des Autors), zwei Männer im „besten Alter“ würden gerne teilhaben an den von ihnen „vorinszenierten, vorausgeplanten“ sexuellen Handlungen eines von ihnen zusammengeführten jungen Paares. Andeutung, Vorstellung, das nicht Konkrete, das vor dem inneren Auge Visualisierte und real nicht Vorhandene, sind es, was der polnische Dichter thematisierte. Er führte Trivialität und Pathos, Liebe und Hass, Wahrheit und Lüge motivisch zusammen. Derlei Synkretismus – eine Verschmelzung, die dennoch nicht zu einem geschlossenen Zusammenhang führt – praktiziert Daniel Richter in seiner Malerei. Wahrheit oder Lüge – einerlei, pornografische Körperfragmente oder Lineament mit organischer Wucht  – einerlei. Teilhabe, ein (Mit)-Kreateur des Geschehens zu sein, scheint auch bei Daniel Richter als Motiv auf: Eines seiner neuen Werke heißt „Gonzo“. – Ein klarer Verweis auf jene Praxis, nicht mehr als außenstehender Beobachter, sondern als Teil eines Ereignisses zu fungieren. Im Gonzo-Journalismus wie in der Gonzo-Pornografie wird der Handhabende einer Kamera zum unmittelbaren Teilnehmer und Mitwirkenden einer Handlung, ein Voyeurismus, der entgrenzt und jeden zum Teilhabenden macht.

Geschiebe, Gedränge, ein Gezerre waltet in beiden Bildserien. Was hier figurative Szenen, sind dort abstrakte Farbflecken – hier wie dort geht es um Grenzen, Abgrenzung und Entgrenzung, Fragmentierung und Aufhebung eines Ganzen. Immer war und auch gegenwärtig ist Vieles in den Gemälden Richters zu sehen und herauszulesen; er aber enthält sich meist konkreter „Inhaltsangaben“ und Deutungen, indem er einmal Gesagtes ein andermal wieder als Nonsens abtut. Ihm geht es – und das ist sein Kontinuum – um die Malerei selbst, wobei es gilt, die eigene Routine hinter sich zu lassen. Natürlich mit der Option des Scheiterns, aber  auch des Gewinnens – Richter ist ein Maler des Höhenflugs wie des Absturzes, des Superhelden wie des in der Gosse Gelandeten – und zwischen diesen Polen wird gestolpert und gestrauchelt, in dem Vorhaben, Malerei möge von sich aus walten, sich selbst erfinden und sich perpetuieren. „Wenn es nach mir ginge, würden sich die Bilder selber malen“ und „Das meiste Malen ist Wegwischen und Wegkratzen, Farbe rauf und Farbe runter“, sagte Richter schon in jener Phase seines Schaffens, als er die mediale Bilderflut mittels eines Horror vacui von überbordend bunten, schrillen, giftigen Figuren, Chiffren und graphischen Elementen reflektierte. Jene nunmehr festzustellende Zäsur vom Figurativen, dem Allegorischen, den narrativen Bildern der zurückliegenden Jahre hin zu den formal reduzierten neuen, bedeutet indes eine umso vehementere inhaltliche Aufladung. Richter interpretiert seine auf Reduktion ausgerichtete Haltung als „Starrsinn, Sturheit gegenüber der Welt, Beharrlichkeit, und ich weiß nicht was“.

„Half-Naked Truth“ ist bis 12. März zu sehen.

 

  

 

 

 

 

 

Ort: 
Autor: