Fotohof: Österreichische Dokumentarfotografie

12.02.15

Eingefühlt ins Explosive

Der Verfall schreitet scheinbar sukzessive voran. Saß der alte Mann gerade noch mit seiner neben ihm jugendlich wirkenden Ehefrau hellwach und lachend am Sofa, so steht, wenige Fotografien später, am Tischchen neben ihm schon die Schnabeltasse – untrüglicher Hinweis darauf, dass das Trinken nicht mehr so gut klappt. Die Augen sind trüb geworden. Mit seiner Fotoserie begleitet Rudolf Strobl seine Eltern durch den Alltag – der Hinweis darauf, dass sein Vater mittlerweile in ein Pflegeheim übersiedelt ist, erscheint folgerichtig. Zwischen den Bildern des Mannes taucht immer wieder seine Mutter auf, eine vital wirkende, attraktive Frau, die einmal durch eine Wunderkerze, dann wieder durch eine Lampe auf ihrer Brille erleuchtet wird, als wäre sie eine Heilsbringerin.

Strobl ist nicht der erste, der sich in der Dokumentarfotografie mit seiner eigenen Familie beschäftigt – als prominentestes Beispiel fällt einem wohl Richard Billingham ein, der in den 1990er-Jahren seine Eltern porträtierte. Doch unterschiedlicher könnten die Zugänge nicht sein: Erschienen Billinghams Werke als drastische Sozialstudien, so ist die Tonalität in Strobls Serie eine zurückhaltende, enthält sich des Voyeuristischen.

Diese Eigenschaft teilt sie mit den anderen Positionen in der Ausstellung zu aktuellen Positionen österreichischer Dokumentarfotografie im Fotohof. Den Künstlerinnen und Künstlern gelingt es allesamt, ihre teils explosiven Themen einfühlsam zu bearbeiten – ohne aber in die Vollen zu greifen und zu sehr ins Drama zu gleiten. Zara Pfeifer etwa fotografierte in der Wiener Wohnanlage Alt Erlaa, in den 1970er-Jahren von Harry Glück erbaut, die – was kaum jemand weiß – auch über insgesamt 32 Clubs, vom Schützenverein bis zum Bridgeclub, verfügt. In ihrer Serie sieht man Frauen bei der Gymnastik, leere Liegen am Schwimmbad, einen Raum voller Modellflugzeuge, eine Bühne, die mit bunten Girlanden dekoriert ist; die Räumlichkeiten sind pragmatisch, wenig attraktiv, sogar trostlos – und doch wird der Gemeinschaftssinn dahinter spürbar: Man kann wohl auch in hässlichen Schalensitzen feiern.

Ein ähnlicher Gedanke scheint hinter der Arbeit von Matthias Aschauer zu stehen, der Menschen in seinem Herkunftsort Attnang-Puchheim fotografierte: Eine Familie vor einer Garage, zwischen Sonnenblumen, eine Frau auf einer Sitzgruppe vor ihrem Haus, Spielplätze, eine Schafherde hinter drei Gräbern, Vorgärten mit Blumenschalen auf Waschbeton, ein Mann im Garten beim Sonnenbad – mit dem Überzeichnen des Provinziellen, wie es etwa im österreichischen Film so gern betrieben wird, hat all das nichts zu tun. Ab und zu sieht man eine Frau mit Kopftuch, merkt, dass hier nicht nur alteingesessene Oberösterreicher wohnen, sondern auch Zugereiste aus anderen Ländern. „Attnang-Puchheim, ein Inbegriff der österreichischen Provinz, zeigt sich in den Bildern selbstbewusst als vielschichtiger Kosmos“, erklärt Aschauer zu seiner Arbeit. Ebenso unaufdringlich-sensibel erscheint die Serie von Susanne Jakszus über Sextourismus in Pattaya nahe Bangkok, Helmut Steineckers Spurensuche im tschechischen Grenzort Tichá, Elisabeth Czihaks Aufnahmen eines leerstehenden Gemeindebaus und Otto Hainzls Erkundungen des Wohnblocks Corviale am Stadtrand Roms.

Weniger zurückhaltend sind die Straßenfotografien von Christopher Mavric, dessen Protagonisten zumeist ein wenig und auf witzige Art aus der grauen Norm zu fallen scheinen: Ein halbstarker Junge trägt ein Pin-Up-Girl auf seinem T-Shirt und hält eine Zigarette in der Hand; von den Ohren einer Frau baumeln überlange Federn; ein junger Mann hat sich Gesicht und Arme grün eingefärbt. Zwischen den anderen Arbeiten erscheint jene von Mavric wie ein bunter Fleck, ein witziger Zusatzkommentar. Was der äußerst sehenswerten Schau durchaus gut tut.

Bis 7.März 2015

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