Fake News & Fake Palmen

21.04.17

Spätestens seit dem US-Wahlkampf ist klar: Unsere Social Media Channels sind übersät mit nicht gekennzeichneten Fake-News. Innerhalb von Sekunden können sich solche Informationen wie ein Lauffeuer verbreiten — sie werden von Tausenden geliked, kommentiert und weiter geshared. Und das häufig, bevor jemand laut die Frage gestellt hat, ob diese News überhaupt der Wahrheit entsprechen. So, als ob das viele Liken und Teilen eine Art Garant für den Wahrheitsgehalt eines Beitrags wäre. Oder so, als ob jede Headline eines Posting alle Inhalte wahrheitsgemäß transportiert. In Zeiten von Clickbait-Postings wissen wir es besser: Dem Anspruch können diese Postings nicht gerecht werden. Oder treffender ausgedrückt: Sie wollen es nicht. Sie wollen täuschen und dadurch Aufmerksamkeit und Clicks generieren. Der traurigste Part daran ist eben, dass dieses Konzept oft funktioniert. Trotz aller Verbote. Während Facebook also daran arbeitet, wie man diese Fake-News künftig schnellstmöglich kennzeichnet — und den User aufruft aktiv zu werden bzw. dadurch die Verantwortung zu übernehmen —, kann man diese aktuelle Problematik als paradigmatisch für unsere gegenwärtige Kommunikation und die Verbreitung von Informationen betrachten.

Auf das Thema Wahrheit und Täuschung sowie die Verbreitung von Informationen konzentriert sich auch die Ausstellung „citiziens of nowhere“ von Yuri Pattison (*1986 Dublin), die derzeit im Kevin Space in Wien zu sehen ist. Pattison erhielt 2016 den Frieze Artist Award und ist nun erstmalig mit einer Solo-Show in Österreich zu sehen. Und die ist durchaus sehenswert.

Die gleichnamige Arbeit „citiziens of nowhere“ bildet zugleich den Mittelpunkt: Ein Screen an der Wand, dessen Layout uns sofort an die klassischen News-Channels im TV erinnert: Die Uhrzeit oben rechts, und die aktuellsten News laufen in Textform unten durch den Screen. „China bans ‚abnormal‘ beards & veils to curb extremism in Muslim region“ oder „Australian ambassador warns against constant criticism of credible Trump administration“ — im Hintergrund laufen Aufnahmen von bekannten Hochhäusern aus New York, oder Szenen von Flughäfen. Alles im Hochglanzformat. Blauer Himmel, glänzende Oberflächen. Irgendwie ist alles ganz schön clean und schick. Es ist aber nur eine Frage der Zeit bis man realisiert, dass die Aufnahmen einfach zu schick ist. Ein wesentlicher und unkontrollierbarer Faktor ist daher, wann man die Ausstellung betritt — und welche Szenen zu diesem Zeitpunkt auf dem Screen laufen. Denn einige Szenen oder „News“ können schneller als Fake entlarvt werden als andere. Etwa, wenn sich das Flugzeug am Flughafen bewegt, aber es von einer Schiene im Boden gezogen wird. Oder man vor dem Weißen Haus in Washington eine nicht sehr lebendig wirkende Miniatur-Figur von Trump stehen sieht. Dennoch: Diese Aufnahmen sind nicht computergeneriert. Sie wurden in Japan gedreht: in ‚Tobt World‘ in Tinguawa. Ein Themenpark, der die bekanntesten Schauplätze der Welt in einem 1:30 Format nachgebaut hat. Und die News? Pattison hat einen Algorithmus geschrieben, der Nachrichten in Echtzeit verarbeitet. Aus „alternativen Quellen“, wie im Pressetext geschrieben wird. Vielleicht sind damit auch Plattformen wie Twitter gemeint. Wie dieser Algorithmus die Nachrichten filtert und neu generiert, ist leider nicht bekannt. Doch Fakt ist, dass die News zerstückelt und neu zusammengefügt werden. Dadurch entstehen neue, fiktive Kontexte, die aber gewisse Relationen zu aktuellen Debatten und News aufweisen. Und genau das macht die Täuschung so gut. Und genau das ist es auch, was die Fake News auf Facebook so gefährlich macht. Sie sind nicht wahr, aber nicht realitätsfern genug, um sofort als Fake entlarvt zu werden.

Ähnlich wie bei ‚Tobt World‘ dokumentiert die Arbeit ‚Vitra Alcove [kowloon walled city kawasaki warehouse redux]‘ auch eine nachgebaute Realität — um wiederum eine neue Realität zu erschaffen. Vor dem Wandscreen mit der Arbeit „citiziens of nowhere“ wurde ein riesiger Designersessel platziert, der an VIP-Lounges am Flughafen erinnert. Der Sessel bietet von drei Seiten durch die überhöhten Armlehnen absolute Privatsphäre und ist mit einem kleinen Tisch ausgestattet. Zwar ist der Stuhl direkt auf den Screen an der Wand ausgerichtet, dennoch wird die Aufmerksamkeit auf die zwei keinen Screens am Tisch gerichtet: Hier laufen parallel zwei Videos, die offensichtlich ein und dieselbe Location zeigen, aber dennoch unterschiedliche Perspektiven aufweisen bzw. teilweise zeitlich zueinander versetzt sind. Die Architektur der Räume bietet einen krassen Gegensatz zu dem Designersessel, in dem man sitzt. Zumindest im ersten Moment. Sie sind menschenleer und total heruntergekommen. Die Wände sind aus Beton, es gibt kein Tageslicht, nur schummriges Kunstlicht. Ein Ort, an dem man nicht gerne sein möchte. Einzig die edlen Spielautomaten irritieren in dieser Atmosphäre. Wie passt das zusammen?

Die Antwort ist etwas makaber. Der Ort imitiert die einstige ‚Kowloon City‘ — ein extremes und verarmtes Problemviertel in Hong Kong  —, das aufgrund der herrschenden Gesetzlosigkeit und der damit verbundenen Gefahren abgerissen wurde. Während damals wohl kaum jemand freiwillig einen Fuss in dieses Viertel gesetzt hätte, wurde die Gegend nun als riesige Spielhalle nachgebaut. Ein einstiges Problemviertel, dass von Armut und Gewalttätigkeit geprägt wurde, als Vergnügungspark? Als der Ort, an dem man zwar Geld verlieren, aber auch viel Geld gewinnen kann? 

Die Ausstellung von Pattison spielt mit Kontrasten wie diesen. Subtil demaskiert er Täuschungen oder legt zumindest teilweise sonst nicht-sichtbare Strukturen frei. So wurde auch die Rückseite der Ausstellungsarchitektur — an der sämtliche technische Geräte zusammenlaufen — freigelegt, ohne dass man sagen könnte, wofür die einzelnen Geräte und Kabel zuständig wären. Vielmehr also eine partielle Demaskierung. Unter dem geordneten Kabelsalat befinden sich am Boden zwei Steinattrappen. Auf einem wurde ein HTC Smartphone platziert, das ein 8-stündiges Video zur „Entspannung“ (lt. Pressetext) abspielt. Wer nun Wellenrauschen erwartet, wird sicher enttäuscht sein. Stattdessen gibt es Stadtgeräusche zu hören, die die Konzentration bei der Arbeit fördern sollen. Großstadtlärm als Motivation für den beruflichen Erfolg? Vielleicht funktioniert das ja in den Mega-Metropolen. Spannender ist, wie der Sound in den Raum transportiert wird — über Lautsprecher, die als Steine getarnt werden. Einer dieser Steine hat eine Palme. Und die erinnert an die Mobilfunkmasten, die immer öfters im Süden als Palmen oder Bäume getarnt werden. Die erste „reale“ Fake-Palme dieser Sorte gab es übrigens 1996 in Kapstadt.

Wie organisieren und präsentieren wir Informationen? Wie werden sie sichtbar gemacht — oder wie machen wir sie nicht-sichtbar? Wie können wir Informationen manipulieren? Wie können wir täuschen? Und wie können wir Realität und Schein voneinander unterscheiden? Um all diese Fragen kreist die Ausstellung von Pattison und trifft damit absolut den Nerv der Zeit. 

www.kevinspace.org

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