Eva Kot'átková: Stomach of the World – 21er Haus Wien

28.11.17

Ein Dutzend Kinder sitzt in einem Turnsaal und zeichnet. Ihre Stifte, so sagt eine sonore männliche Stimme aus dem Off, sind wie Skalpelle: Mit ihnen sollen sie nämlich gewissermaßen ins Innere ihres Körpers eindringen und davon ein imaginäres Röntgenbild anfertigen. „Wenn jemand den Körper als Gangsystem sieht, wird er auf dem Röntgen auch so aussehen“, heißt es. Farbenfrohe Gebilde entstehen. Und so mancher verweigert sich, versteckt seine Stifte, will den Blick in seinen Körper, auch wenn er noch so imaginär ist, preisgeben.

In ihrem Film „Stomach of the World“, der derzeit in der gleichnamigen Ausstellung im 21er-Haus gezeigt wird, begreift die tschechische Künstlerin Eva Kot'átková den Magen als Metapher für – dysfunktionale – gesellschaftliche und politische Vorgänge. Sie siedelt die Szenerie in einem Turnsaal an; später wird der Betrachter ins Freie geführt, in eine gesichtslose Landschaft mit Schrottplatz.

Wenn die Kinder aus dem Körper eines Buben scheinbar allerhand Gegenstände herausziehen – eine simulierte Situation – und ihn so offenbar sezieren, so lassen sie dabei jegliches Mitleid vermissen. In der nächsten Sequenz – der Film spult sich entlang von zehn „Übungen“ ab – wankt eine Schlange, die wie ein chinesischer Drache aussieht, durch den Turnsaal. Wer sich nicht ihr anschließen will, nicht freiwillig in ihren Magen schlüpfen möchte, wird bedrängt – so lange, bis er mehr oder weniger freiwillig in den kollektiv gebildeten Schlangenkörper kriecht und seinerseits Teil des schlingenden Organismus wird. So ähnlich funktionieren Diktaturen. Später läuft ein Kind mit geschwärzten Händen herum und infiziert alle anderen mit einer vermeintlichen Epidemie, am Ende liegen alle am Boden. Der Interpretationsspielraum ist weit: Man kann ein Bild wie dieses als Anspielung auf die Verbreitung destruktiver Ideologien gelesen lesen – doch ist am Ende der Virusüberbringer nicht selbst ganz einsam? Am Ende stöbern die Kinder auf einem Schrottplatz, setzen sich Gießkannen und Töpfe auf, schlagen mit Besteck auf das Metall, einer spielt mit einem Ofenrohr. Aus den Geräuschen ergibt sich ein Rhythmus, geht über in Musik – und endet schließlich, mit einer Kindergruppe, die sich entfernt.

Der Film mit seinen kindlichen Darstellerinnen und Darstellern mag zunächst harmlos wirken. Wie nett, wenn die Kinder vor einem Puppentheater sitzen und einer an einer Marionette herumhantiert! Oder wenn sie gemeinsam Worte skandieren! Doch jede dieser Szenen hat eine düstere Kehrseite, wendet sich ins Unangenehme – der Magen der Marionette wird gestopft, bis nichts mehr geht, die Kinder, die nicht weitersprechen können, landen am Boden, bis am Ende alle verstummt sind. „Kot'átková entwirft die Vorstellung einer Welt als Magen, der wiederum mit Mägen und dem, was diese verschlingen, gefüllt ist. Eine riesige Müllhalde, auf der Dinge sich aufschichten, verrotten und einsickern. Eine Maschine in der Maschine. Es geht um eine Welt, in der die Fähigkeit zur Empathie verloren geht“, schreibt Kurator Severin Dünser. „Es geht um eine Politik von Essen und Gefressenwerden.“ Die Welt als Magen: Das ist schon ein etwas schräges, verqueres Bild. Und doch geht es auf.

Der Projektionsraum selbst wird durch einen geschlungenen Gang aus rotem Stoff betreten, das Publikum selbst muss sich ihm also durch einen überdimensionalen Darm annähern. Wenn die Besucherin, dieser Logik folgend, nach Betrachtung des Films wieder ausgeschieden wird, landet sie vor einer Wand mit unterschiedlichen Objekten. Manche davon kommen im Film vor – Gewänder mit Löchern in Bauchhöhe, ein Feuerwehrschlauch, Töpfe, ein Stein, ein Maßstab und vieles mehr. Dazwischen gruppieren sich immer wieder käfigartige Elemente, geometrische Figuren aus stählernen Stäben – sie erinnern an frühere Arbeiten der Künstlerin, in denen sie sich mit psychiatrischen Zwangsmaßnahmen und die Kasernierung von psychisch Erkrankten befasste, auch an die große Installation, mit der sie 2013 auf der Biennale Venedig international auf sich aufmerksam machte. Auch Collagen zeigt das 21er-Haus: Ein kindlicher Oberkörper steckt in einem Fischkopf, unter zwei miteinander tuschelnden Kindern schweben, ein Darm breitet sich über die Bildfläche aus, an seinen Enden sitzen zwei bemützte Mädchenköpfe. 

Wie schon in Venedig sichtbar wurde, operiert Kot'átková oft mit Strategien, wie sie die klassische Avantgarde einsetzte, etwa surrealen Verfremdungseffekte oder dadaistischen Collagetechniken. Dennoch wendet sie diese so an, dass sie damit sehr gegenwärtige Themen anspricht. Sie arbeitet mit ihnen die Verstrickungen einer Gesellschaft auf, in der alle aufeinander angewiesen sind, unter deren Regime die meisten aber leiden. Angesichts der Herkunft von Kot'átková denkt man zwar unwillkürlich an die kommunistischen Diktaturen. Doch vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklungen in Europa und den USA besitzt die Arbeit eine weitaus aktuellere, brisantere Dimension