Eröffnung des Weltmuseum Wien – Nina Schedlmayer im Interview mit Steven Engelsman

24.10.17

„Migration gehört zum Menschen wie Sonne zum Wetter“

13 Jahre lang waren die Sammlungen des Wiener Weltmuseums nicht zu sehen. Nun, endlich, eröffnet das Haus neu – mit einer überaus gelungenen Präsentation der Dauerausstellung: In 14 Sälen zeigt Direktor Steven Engelsman seine „Perlenkette von Geschichten“; Räume, in denen Regionen beleuchtet werden, wechseln einander ab mit solchen, die sich, häufig selbstkritisch, der Disziplin und verwandten Themen selbst widmen. Der gebürtige Niederländer Engelsman, dessen Vertrag Ende des Jahres ausläuft, sprach mit dem Parnass über ethnologische Museen im 21. Jahrhundert, seine Neuaufstellung und die Tatsache, dass sein Nachfolger Christian Schicklgruber ohne Ausschreibung bestellt wurde. Das Interview führte Nina Schedlmayer.

PARNASS: Herr Engelsman, was konkret kann oder soll ein Weltmuseum in einer Gesellschaft leisten, die von Migration ebenso wie von Xenophobie geprägt ist?

Steven Engelsman: Das Weltmuseum ist der Ort für Menschen aller Kulturen. Ganz generell geht es darum, Menschen für andere Kulturen zu interessieren und zu zeigen, dass es Migration immer gab, dass sie die Menschheit prägte. Ich sehe es zudem als wichtige Aufgabe, die Spuren der Kolonialzeit zu zeigen, die bis heute spürbar sind.

P: Es stellt sich dabei – wie auch in der Kunst, im Theater, in der Literatur – immer die Frage, wie man jene erreicht, die sich von Migration bedroht fühlen. Wie bekommen Sie die FPÖ-Wähler ins Museum?

SE: Es gibt diese Menschen, die Migration verhindern wollen. Die Angst vor dem Fremden ist ein großes Thema in der Politik geworden und wird von nahezu allen Parteien aufgegriffen. Man kann diese nicht leugnen. Wir befassen uns genau damit in einem unserer Säle und gehen das Thema dort breit an. Es wird besonders für Schulklassen gut aufbereitet. Damit verstanden wird: Migration gehört zum Menschen wie Sonne und Regen zum Wetter. Und keine Partei kann verhindern, dass die Sonne scheint oder es regnet! 

P: Sie setzen also bei den Jugendlichen an?

SE: Genau. Für uns ist es daher ganz wichtig, dass unser Haus von Schülern aus ganz Österreich im Rahmen der Wienwoche, die viele Schulen veranstalten, besucht wird. Denn ein solches Haus gibt es nur hier. Kunstmuseen hat man auch in den Bundesländern. Ein Weltmuseum nicht.

P: Sie eröffnen dieser Tage ein Haus mit einer gut gestalteten Neuaufstellung. Allerdings wurden die Flächen stark „redimensioniert“, also geschrumpft, zugunsten des Hauses der Geschichte. Wie viele Objekte können Sie jetzt genau zeigen?

SE: Wir haben 200.000 Objekte und hätten ursprünglich rund 7000 gezeigt. Dann wurde aber der „Korridor des Staunens“ in seiner ursprünglichen Form gestrichen. Jetzt können wir exakt 3127 Exponate präsentieren: 1,5 Prozent der gesamten Sammlung. 

P: Und wie viele waren es vorher?

SE: Sicher mindestens das Doppelte. Wir werden aber nächstes Jahr einen Korridor des Staunens 2.0 eröffnen: Drei weitere Säle werden mit Depotschränken eingerichtet, sodass wir mehr zeigen können. Diese Bestände werden aber schneller ausgetauscht.

P: Aber es ist doch eine Ironie, dass vor der Neuaufstellung mehr präsentiert werden konnte als vorher.

SE: Das stimmt. Das Völkerkunde war vor 2004 um einiges größer.

P: Kürzlich wurde Christian Schicklgruber, Kurator des Weltmuseums, als Ihr Nachfolger bestellt. Sie meinten, dass Sie ihn für eine gute Wahl halten. Dennoch ist es merkwürdig, dass der Job nicht international ausgeschrieben wurde, oder? 

SE: Die Geschäftsführung des Kunsthistorischen Museums, dem das Weltmuseum zugeordnet ist, hat darüber entschieden. Als Grund gab man an, dass man Eike Schmidt, der ab 2019 das KHM leiten wird, nicht vorgreifen wollte. Ich selbst riet zu einer internationalen Ausschreibung, auch Minister Thomas Drozda meinte, dass man eine solche machen hätte sollen. Aber es ist mal so gelaufen. Jetzt wünsche ich Christian Schicklgruber alles Gute. Er hat viel zu tun, jetzt geht es erst richtig los! Wir müssen schauen, dass Besucher kommen und sie halten, dass wir mit den Communities arbeiten, dass die Sammlung sichtbar wird. Wir wollen alle Objekte ins Internet stellen, das ist sehr viel Arbeit. Viele Museen haben das schon gemacht – und es führt dazu, dass viel mehr Nachfragen kommen. Dazu haben wir der Geschäftsführung ein 13-Punkte-Programm vorgelegt.

P: Im „Kurier“ erzählten Sie, dass Sie einen „Globalisierungskurator“ einstellen wollen. Wie sind Sie darauf gekommen?

SE: In diesem 13-Punkte-Programm ist der Kurator für Globalisierungsfragen ein großes Anliegen. Als wir unsere Säle zu Migration und Kolonialismus gestaltet haben, merkten wir, dass die Aufbereitung dieser Themen ein Fach sui generis ist. Ich bin mir auch keineswegs sicher, ob uns das ideal gelungen ist, aber so haben wir es nun mal gemacht. Ich habe mal in Washington jemand getroffen, der sich „Globalisierungskurator“ nannte, so bin ich auf den Begriff gekommen. Ich glaube, dass wir da jemand Kompetenten finden müssen.

P: Es ist bei der Präsentation in ethnologischen Museen üblich, mit den Herkunftsgesellschaften zusammenzuarbeiten, auch hier geschieht das in manchen Sälen. Haben Sie da den Kuratoren und Kuratorinnen freie Hand gelassen?

SE: Das ist tatsächlich von Kurator zu Kurator verschieden, viele haben das intensiv betrieben. Mein Landsmann Gerard van Bussel ließ für den Nordamerika-Saal einen Text vom Hauptmann eines indianischen Tribe verfassen. Claudia Augustat hat Leute aus dem Amazonasgebiet nach Wien geholt und mit ihnen an der Sammlung gearbeitet. So etwas ist aufwändig, und man fragt sich: Was bringt es? Ein paar Stunden Footage, vielleicht einen Essay, eine kleine Präsentation. Genau das ist aber sehr wichtig, um Verständnis zu wecken.

 

 

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