ENDRE TOT | Break the Grip of Shame

03.10.17
 Endre Tót. Break the Grip of Shame

Endre Tót gilt als der international erfolgreichste Künstler der ungarischen Neo-Avantgarde sowie als eine der prägenden Figuren der internationalen Konzeptkunst. Er war Teil der Fluxus-Bewegung und wurde vor allem auch durch seine Mail-Art-Projekte bekannt. Eine von Amir Shariat kuratierte Retrospektive des Ausnahmekünstlers ist derzeit im Kunstraum Baumgasse 42/7 in Wien zu sehen.

„Ich kann es nicht oft genug betonen, dass die Post die einzige Möglichkeit war, aus der Isolation auszubrechen... [...] Der Postverkehr, trotz Diktatur, funktionierte überraschend einwandfrei“, erzählt Endre Tót (*1937 in Sümeg, H), der mithilfe der Mail Art bereits vor seiner Emigration nach West-Deutschland im Jahr 1978 die Einschränkungen der Zensur in Ungarn umgehen konnte. Als soziales und politisches Medium war Mail Art ein Mittel des Widerstands in den Diktaturen Lateinamerikas und Osteuropas und bezeichnet via Post versendete Briefe, Karten, Dokumentationen von Aktionen sowie anderen Kunstprojekten, die von Mail Art Künstlern produziert, gesammelt und archiviert wurden. Ebenso wie Konzeptkunst umging sie Galerien, Kunsthändler oder Museen und war daher nur schwer zu kontrollieren.

Zu Beginn seiner künstlerischen Karriere, etwa von 1964-70, malte Tót Informel-Bilder – eine im Ungarn der damaligen Zeit absoluten Neuheit – sowie Arbeiten im Geist der Pop- und Minimal Art. Es entstanden mehrere 100 Bilder in dieser Zeit, die Tót nach der politischen Wende in Ungarn alle wieder „rehabilitierte“, wie er es nennt. So gab es etwa 1989 nach dem Fall der Eisernen Mauer eine Retrospektive seiner Frühwerke im Budapester Kiscelli Museum, zudem wurden viele seiner Hauptwerke aus dieser Zeit von bedeutenden ungarischen Museen angekauft. Für den ungarischen Kunsthistoriker und Künstler Géza Perneczky hatte Tót „das größte malerische Talent aller damals östlich von Amsterdam lebenden Künstler“ (Új Müvészet, Oktober 2003). Trotzdem entschied sich Tót 1970 zu dem radikalen Schritt, die Malerei aufzugeben. In Anbetracht der limitierten Möglichkeiten – einerseits aus privaten ökonomischen, andererseits aufgrund der durch die Kulturpolitik des sozialistischen Regimes sowie des Eisernen Vorhangs auferlegten Grenzen – sah er in der Malerei keine Perspektive mehr. In den späten 60er-Jahren waren die Theorien und Praktiken der von Westeuropa und den USA ausgehenden Fluxus- und Konzeptkunstbewegung auch in der ungarischen Kunstszene angekommen. Anstelle herkömmlicher traditioneller Medien arbeiteten Künstler hierbei bevorzugt mit immateriellen Formaten. Hinsichtlich seiner Ambition als damals in Ungarn lebender und arbeitender Künstler international relevante Kunst zu schaffen, war die Entscheidung sich von nun an der Konzeptkunst zu widmen für Endre Tót der einzig sinnhafte Weg.

Bereits 1971 hatten sich alle drei der fundamentalen Ideen herauskristallisiert, die seine konzeptuelle Periode sowie auch seine spätere künstlerische Karriere definieren sollten. Benannt Zero, Joy und Rain (in der Ausstellung werden Arbeiten aus allen drei Werkgruppen gezeigt) realisierte Tót diese Ideen ursprünglich in Textformaten. Auf Papier gedruckt, maschinengeschrieben oder gestempelt, eigneten sich seine kleinformatigen Textarbeiten besonders gut für die Mail Art, zu deren Vertretern Tót als einer der ersten in der Region zählte. 1971 wurde er von Jean-Marc Poinsot, dem Organisator der bahnbrechenden „Section des Envois“ der 7. Biennale von Paris, eingeladen, in ebendieser auszustellen. Dank seiner Teilnahme konnte Tót wichtige Kontakte knüpfen und wurde schon bald Teil des damals aktuellsten Mail-Art-Kreises, innerhalb welchem dutzende Briefe täglich versendet und empfangen wurden. Zu seinen Korrespondenten zählten unter anderen Ben Vautier, John Armleder, George Brecht, Daniel Spoerri, Cosey Fanni Tutti, Marina Abramovic und Dieter Roth.

Bedingt durch die künstlerische Isolation einerseits von der Entwicklung der westlichen Kunst und dem Großteil der Information und Kommunikation andererseits, ist die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Abwesenheit, der Leere und des „Nichts“ – wie etwa durch das Wort Zero in der gleichnamigen Werkserie oder die Zahl 0 – zentrales und wiederkehrendes Motiv in Tóts Arbeiten. Seine Arbeiten der Rain-Serie stehen in tautologischer Beziehung zur Wiederholung und Positionierung des „/“-Charakters. Endre Tóts Joy-Arbeiten, kurz JOYS, folgten alle einem 1971 entstandenen Prototypen mit dem Titel „I am glad that I could have this sentence printed“. Dieser Satz stand auf einem Karton in der Größe einer Postkarte geschrieben und war insofern richtungsweisend für die ganze, in unterschiedlichen Medien entstandene Werkgruppe, als dass jede der Arbeiten mit dem Statement „I am glad if/when...“ beginnt. „Meine JOYS reflektierten das totalitäre Regime Ungarns in den 70er-Jahren. Ich konterte der in jedem Lebensbereich spürbaren Zensur, Isolation und Unterdrückung mit der absurden Euphorie unterschiedlicher Freuden. Trotzdem würde ich mich nicht als sogenannten politischen Künstler bezeichnen. Vielmehr reagierte ich höchst indirekt auf die Zeit, in der ich leben musste. Mit Humor und Leichtigkeit und auch etwas Philosophie. Ich vermied konsequent dunkle Farben und sonstige Dramen in meinen Arbeiten“, so der Künstler. Anfang der 1980er-Jahre ermöglichte ihm ein DAAD-Stipendium den Umzug nach West-Berlin, sowie die Realisation öffentlicher Aktionen. Endre Tót lebt nun seit 35 Jahren in Köln, nahm an zahlreichen Ausstellungen teil und seine Werke sind in namhaften internationalen Institutionen vertreten (u.a. Museum Ludwig, Köln; Centre Pompidou, Paris; MoMa, NY).

Endre Tót
Break the Grip of Shame

bis 20. Oktober 2017
Baumgasse 42/7, 1030 Wien