Eine Katze mit neun Schwänzen – Peter Doig in der Fondation Beyeler

17.03.15

Der international renommierte Maler Peter Doig schuf anlässlich seiner Ausstellung in der Fondation Beyeler gemeinsam mit neun seiner Studenten von der Kunstakademie Düsseldorf ein monumentales Wandgemälde mit dem Titel „Cat of Nine Tails“ (2014). Er zeigt im Untergeschoss eine mit Fenstern durchbrochene Wand, die mehrfach den Blick auf eine möglicherweise dahinter liegende Meereslandschaft samt der Gefängnisinsel Carrera freigibt und diese Aussicht gleichzeitig auch verstellt. Oder handelt es sich auf der bunten Steinmauer vielleicht doch „nur“ um Graffiti? Das Motiv hat der britische Künstler aus dem Ölgemälde „House of Pictures (Carrera)“ (2004, Öl auf Leinwand, 200 × 301 cm) weiterentwickelt, das in der retrospektiv angelegten Schau auch zu sehen ist. Wie in vielen seiner Werke denkt der Künstler auch hier über den Status der Malerei und, die dem Medium immanenten Parameter nach, insbesondere über das Verhältnis von Illusionismus und Realität. Dabei bezieht er sich unter anderem auf die Theorie des Bildes als Wirklichkeitsausschnitt – und Doig spricht wirklich von „pictures“ und nicht Gemälden –  also von der so genannten Fenstertheorie, wonach der Bildrahmen gleichsam wie ein Fensterrahmen in eine andere Wirklichkeit funktioniert. Dass er sein „Fensterbild“ als neunschwänzige Katze bezeichnet, lässt Ironie erahnen, handelt es sich hierbei doch eigentlich um eine Peitsche mit neun Striemen. Der Künstler-Professor sieht sich und seine neun Mitarbeiter-Studenten als neunschwänzige Katze, so ein möglicher Interpretationsansatz. Daneben ist es auch ein augenzwinkernder Hinweis auf den arbeitsteiligen Werkprozess und den Mythos des aus sich selbst schöpfenden Künstlersubjekts.

Peter Doig wurde erstmals in den späten 1980er-Jahren mit seinen geheimnisvollen Gemälden bekannt, in denen er Sehnsuchtslandschaften mit schemenhaften Figuren kombiniert. Dafür bedient sich Doig sowohl aus popkulturellen wie kunsthistorischen Quellen und persönlichen Erinnerungen an Trinidad und Kanada: autobiografisches trifft auf medial vorgeprägte Bilder, Fiktion auf gefühlvolle Landschaftsausschnitte. Für die Schweizer Retrospektive entschieden Peter Doig und der Kurator Ulf Küster, erstmals Druckgrafiken zu präsentieren. Der für seine atmosphärischen Ölgemälde bekannte Brite hat diese noch nie neben seinen großformatigen Werken ausgestellt. So sind auch in der Fondation Beyeler die farbintensiven Gemälde von den hauptsächlich schwarz-weißen und intimer dimensionierten Aquatinta und Radierungen räumlich getrennt. Die Blätter sind im Souterrain in einem schwarz gestrichenen Raum von der Decke hängend installiert, was einen sinnlich ansprechenden Zugang zu der Fülle des Materials ermöglicht. Die Besucher durchwandern den Blätterwald. Die Druckgrafiken überlappen einander auf diesem Weg durch das Dickicht, womit auch eine strukturelle Eigenschaft der Gemälde umgesetzt wird, nämlich Peter Doigs Vorliebe, manche Hauptmotive durch Geäst, Baumstämme oder Schneefall hindurch zu betrachten.

Die Erstpräsentation der Druckgrafiken legt die Bedeutung dieser Arbeiten für den Werkprozess Doigs offen. Erstmals wird sichtbar, dass die ausgewählten Probedrucke das Experimentierfeld des Künstlers darstellen. Offenbar entwickelt er seine berühmtesten Kompositionen nicht nur an den Leinwänden, sondern auch in den kleinformatigeren Blättern. Die 48 Drucke, teils Radierungen, teils Aquatinta-Drucke mit Kaltnadel, teils Mischungen aus den Techniken, zeigen oftmals bekannte Sujets wie „Lapeyrouse Wall“, die Gefängnisinsel Carrera, Kanuten oder den Grafikbewunderer aus „Metropolitain“. Doig nutzt druckgrafische Techniken nicht nur experimentell sondern bereits auch sehr lange. Bereits im Grundlagenjahr an der Wimbledon School of Art, an der er von 1979 bis 1980 studierte, begann er sich damit zu beschäftigen. Die zum Teil unikalen Blätter entstanden in den folgenden Jahren mit Hilfe von einfachster Ausrüstung. So beschreibt der Künstler im Interview mit Ulf Küster, dass er in Trinidad mit Autolack den Effekt von Aquatina imitiert und auch mit „Zuckertusche“ experimentiert hätte.

Die Schau vereint einige der bekannten Hauptwerke des Künstlers mit den bislang wenig wahrgenommenen Drucken. Der seit 2007 wieder auf Trinidad lebende Doig zeigt sich in beiden Medien als Meister von Stimmungen und Gefühlen. Seine Werke sind düster, geheimnisvoll und ihre Protagonistinnen und Protagonisten voller Einsamkeit. Dass in ihnen auch noch ein guter Schuss Zweifel und Ironie anhaftet, macht nicht nur der Titel der in-situ-Arbeit deutlich.

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