Ein Galerist traut sich

24.09.14

St. Agnes, 2012 (Courtesy Johann König, Berlin, Foto: Ludger Paffrath)

Johann König und St. Agnes

Was sich Johann König zur Zeit am meisten wünscht? „Dass alles mal fertig ist!“ Alles? Damit meint der Berliner Galerist den Kirchenkomplex St. Agnes. Die roh verputzten Gebäude des Gemeindezentrums wurden Mitte der 1960er-Jahre in der Trümmerwüste von Berlin-Kreuzberg errichtet. Die Mauer, die die Stadt teilte, war gleich um die Ecke. Eine Trutzburg des Betonzeitalters mit einem Turm, auf dem oben ein mächtiger steinerner Würfel die Glocken beherbergte. Heute liegt St. Agnes genau im geometrischen Mittelpunkt der Hauptstadt Berlin und dient schon lange nicht mehr als Kirche.

Dahin zieht es den Galeristen, der als Sprössling der Kölner Kunstdynastie König – sein Vater ist der Museumsmann Kasper König, sein Onkel der Verleger Walther König – über die nötige Portion Löwenmut verfügt, aus dem grauen Ensemble ein kulturelles Zentrum zu machen. Er hat dieses Denkmal des brutalistischen Architekturstils zusammen mit seiner Frau Lena vom Erzbistum Berlin erworben. Der Einzug der international hoch angesehenen Galerie in die ehemalige Kirche, die Nutzung der Gemeinderäume durch neue Mieter (40 Stipendiaten der New York University, ein Verlag, ein Architekturbüro, ein experimentelles Non-Profit-Ausstellungszentrum) gelten schon heute als spektakulärste Umwidmung eines der in die Jahre gekommenen Gebäude der Brutalismus-Architektur.

Entdeckt hatte die verwaiste Anlage Arno Brandlhuber. Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Berliner Architekt, ist ein vehementer Kämpfer gegen die heutige Investorenbauerei. „Erhalten, rückbauen ist in der Regel besser als abreißen“, so seine Überzeugung, mit der er sich erfolgreich gegen den Zeitgeist stemmt. Brandlhuber will die „graue Energie“ des um einen großen Innenhof versammelten Gebäudeensembles, wieder zum Leuchten bringen. Die Fertigstellung ist für Frühjahr 2015 geplant. Ein sogenannter „Tisch“ wird die ehemalige Kirche horizontal in oben und unten teilen. Oben Galerie, unten Galerielager. Noch ist der nach der Sanierung von allen Zutaten befreite Raum leer – und überwältigt durch seine pure Schönheit: 35 m lang, 12 m breit, 15 m hoch. Ein riesiger „Schuhkarton“ mit einer Fläche von 420 m2, begrenzt von Wänden, die aus damals reichlich vorhandenen Trümmerziegeln hochgezogen und mit rauem Beton verschalt wurden. Auf den Wänden spielen Licht und Schatten. Man meint das Rot der Ziegel dahinter zu sehen. Ein Ort für alle Fans der Magie leerer Räume. Manchmal wird er bespielt. Nachfragen bei Johann König!

Johann König, Dessauer Straße 6–7, 10963 Berlin, www.johannkoenig.de

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