Eike Schmidt übernimmt die Leitung des KHM von Sabine Haag – tatsächlich eine Weichenstellung?

04.09.17

Die Neubesetzung des KHM und die damit verbundene Ablöse von Sabine Haag kam überraschend – oder auch nicht, haben Medien doch in der letzten Zeit diese bereits herbeigeschrieben. Wir bedauern das sehr und finden, sie hätte eine Vertragsverlängerung verdient. Aber offensichtlich zählen medienwirksames Auftreten mehr als solide, hochprofessionelle wissenschaftliche Museumsarbeit.
Ein Kommentar von Nina Schedlmayer:

Die Neubesetzung des Kunsthistorischen Museums: tatsächlich eine Weichenstellung?

Am Freitag wurde Eike Schmidt als designierter Direktor des Kunsthistorischen Museums ab 2019 vorgestellt. Die amtierende Chefin Sabine Haag hätte eine Vertragsverlängerung verdient.

„Ich bewundere sie als Forschungsdirektorin“, sagt Eike Schmidt über Sabine Haag in der FAZ von 4. September. „Meine Idee von Museum ist der ihren sehr verwandt.“ Das zeigte sich schon vergangenen Freitag, als Kulturminister Thomas Drozda (SPÖ) Schmidt als designierten wissenschaftlichen Direktor des Kunsthistorischen Museums präsentierte – er wird es ab 2019 führen. Der 1968 geborene Deutsche, der eine glamouröse Laufbahn zwischen Los Angeles (Getty Museum), London (Sotheby’s) und Florenz (Uffizien) aufweist, sprach da über vieles, das im KHM seit langem ein Thema ist.

So erzählte der seit 2015 amtierende Leiter der Uffizien, dass er mittels Opern- und Tanzaufführungen das lokale Publikum in sein Haus hole – im KHM lockte die stets ausverkaufte Veranstaltung „Ganymed Boarding“, ein instruktives und inspirierendes Crossover aus Literatur, Schauspiel, Musik und bildender Kunst, Wiener ins Museum. Auch die Gegenwartskunst, die Schmidt – ausgerechnet mit einer Ausstellung von Maria Lassnig – in sein Museum holte, hat im KHM längst einen fixen Platz. Zudem betonte er, dass er die Digitalisierung der Uffizien vorantreibe – die seit 2009 amtierende Sabine Haag installierte bereits iPads in der Kunstkammer, als derlei noch kein breites Thema war. „Die Uffizien sind auf Instagram, unser Live-Programm streamen wir im Netz“, setzte er in der FAZ nach. Über die digitalen Tools zur Außenkommunikation verfügt auch das KHM längst – so ist man auf Social Media selbstverständlich präsent, und die Talks in der Kuppelhalle lassen sich im Internet aufrufen. All das zählt übrigens längst zum Standard in der Öffentlichkeitsarbeit eines Museums des 21. Jahrhunderts. Eike Schmidt, der übrigens ebenso wie Haag über Elfenbein dissertiert hat, ist gewiss eine Koryphäe. Doch in Florenz fand er sichtlich ein Museum vor, das in vielerlei Hinsicht noch etwas hinterherhinkte. Dass er 2015 erst mal eine Website einrichten musste, spricht da ja schon für sich.

Insofern ist – zumindest bis jetzt – nicht wirklich ersichtlich, was an dieser Neubesetzung so neu ist. Drozda sagte, er wolle die „Weichen neu stellen“, das KHM „in das 21. Jahrhundert führen“. Als wäre es dort nicht längst angekommen.

Außerdem werde Schmidt für das KHM „neue nationale und internationale Besucherschichten“ erschließen, erklärte Drozda. Auf die Nachfrage, um welches Publikum konkret es da gehe, antwortete Schmidt allerdings etwas vage und verwies erneut auf die Bedeutung der Online-Präsenz sowie die „lokale Verwurzelung“. An Besucherzahlen mangelt es dem KHM jedenfalls nicht, im Haupthaus erlebte man eine Steigerung von 550.000 Besuchern im Jahr 2008 auf rund 800.000 in den vergangenen Jahren. Und einen derartigen Ansturm, an dem Museen wie die Uffizien seit Jahrzehnten (ganz ohne Zutun eines Direktors) mehr leiden als sich erfreuen, kann sich wohl niemand allen Ernstes wünschen – sofern er oder sie selbst gern ins Museum geht.

Drozda würdigte Haags Verdienste, meinte aber dann, es handle sich um „keine Entscheidung gegen Sabine Haag, sondern eine für Eike Schmidt.“ Das Ergebnis ist freilich dasselbe. Dabei ist Haag eine wirklich gute Museumsdirektorin. Sie weiß mit den Schätzen des Hauses zu agieren, das Marktschreierische und Grelle ist ihr allerdings fremd. In einem ohnehin schon hyperventilierenden Kulturbetrieb schraubte sie die Geschwindigkeit herunter und setzte auf intensivere Begegnungen mit dem, was jedes Museum ausmacht: die Sammlung. Die Wiedereröffnung der Kunstkammer, die sie forcierte, war das Highlight des Jahres 2013. Bisweilen wurde ihr vorgeworfen, dass das KHM unter ihrer Führung zu wenige spektakuläre Ausstellungen zeige. Was nur bedingt zutraf – Projekte zu Diego Velázquez, den fantastischen Welten der Donauschule oder der deutschen Porträtkunst mit Albrecht Dürer, Lucas Cranach und Hans Holbein fanden eine breite Öffentlichkeit; die von ihr programmierten Ausstellungen über Peter Paul Rubens ab Oktober (PARNASS 2017/3) und Brueghel, die 2018 eröffnet, werden diesen Anspruch ebenfalls erfüllen.

Doch vielleicht hätte Haag mehr auf die Pauke hauen sollen, mehr das Loblied auf sich selbst singen, mehr ihre eigenen Verdienste preisen sollen. Das KHM, sagte Eike Schmidt, sei „eines der ganz, ganz großen Museen der Welt und verdient es, so wahrgenommen zu werden.“ Das geschieht längst, wie das breite Publikum aus aller Welt sowie internationale Kooperationen beweisen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelten als internationale Kapazunder auf ihrem Gebiet, sind teils bestens vernetzt – egal, ob es sich um die Kuratorin Gabriele Gruber handelt, die einen Band des Standardwerks zu Rubens, des „Corpus Rubenianum“, verantwortet, oder die Restauratorin Elke Oberthaler, die zu  weltweit wichtigen Fachkongressen eingeladen wird.

Gewiss: Es gibt auch kritikwürdige Bereiche. So manche Marketing-Aktion muss nicht sein – etwa die riesenhafte Saliera vor dem Haus, in die man sich für ein Selfie setzen kann. Auf die anderen Häuser – Weltmuseum, Theatermuseum – sollte ein höheres Augenmerk gelegt werden, die Kooperation mit den anderen Bundesmuseen kann verbessert werden (wobei da die Kollegen auch mitspielen müssen), und natürlich blieb nicht jede Ausstellung positiv in Erinnerung. Unter dem Strich kann Haag jedoch auf eine Bilanz verweisen, die weit über die stets bemühte „Konsolidierung“ des Hauses hinausgeht. Eine Verlängerung ihres Vertrags hätte sie verdient.

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