documenta 14 | Unsere Highlights in Kassel

14.06.17
Beau Dick, Installationsansicht, documenta Halle, Kassel, documenta 14, Foto: Roman März

Nun ist sie voll im Laufen: die documenta 14 unter der künstlerischen Leitung von Adam Szymczyk. Im Vordergrund stehen künstlerische Übersetzungen sozialer und globaler politischer Fragen. Bereits nach Eröffnung der Ausstellung in Kassel am 10. Juni – in Fortsetzung des Parts in Athen – war die Rede von ersten Besucherrekorden. Für PARNASS waren Paula Watzl (PW) und Roland Schöny (RS) während der ersten Tage vor Ort und konnten eine Vielzahl von Eindrücken vom diesmal extrem breit angelegten Parcour mit über 160 Künstlern mitnehmen. Nachfolgend stellen sie ihre persönlichen Highlights vor, die zugleich in die zahlreichen thematischen Verzweigungen der documenta weisen. Hernach liefern sie eine kritische Einschätzung und geben einige Anhaltspunkte für Ihren Besuch.

 

documenta Halle

Beau Dick (1955-2017, Alert Bay, British Columbia, Kanada, Nation der Kwakwaka'wakw)
Masken aus Zedernholz, Federn, Pferdehaar und Acrylfarbe

Zahlreiche Masken stechen einem in Eingangsnähe in der documenta Halle ins Auge. Wegen ihrer enormen visuellen Präsenz wirken sie unmittelbar anziehend. Sofort erinnern sie an den documenta Schwerpunkt, sich an verschiedenen Stellen den künstlerischen Ausdrucksformen indigener Gesellschaften zu widmen. Allerdings ist nicht immer klar, ob sich der Fokus auf traditionelle, indigene Kunst richtet, oder ob die jeweiligen künstlerischen Positionen zwar aus solchen Lebenszusammenhängen kommen, ihre Konzepte sich aber mehr an der europäisch-amerikanischen Kunst orientieren.

Sehr prominent jedenfalls ist der erst kurz vor Eröffnung der griechischen documenta Ausgabe in Athen verstorbene Beau Dick, dessen Werke die weiträumige documenta Halle in Eingangsnähe farbig akzentuieren. Es handelt sich um Masken, die oft Dzunuk’wa darstellen, "Wilde aus den Wäldern" und ihre männlichen Pendants: Bakwas­. Solche übernatürlichen Gestalten beherrschen die Kosmologie der Gesellschaft der Kwank’wala, der Beau Dick entstammte.

Der Künstler kam aus dem kleinen Dorf Dzawada’enux an der Nordwestküste des heutigen Kanada. Wegen seiner extremen Randlage war das Gebiet von der kolonialen – mit Völkermord verbundenen – Assimilationspolitik  verschont geblieben. Dies begünstigte Beau Dicks Auseinandersetzung mit spirituellen und künstlerischen Traditionen der Kwank’wala. Außerdem nahm er als Chief, eine Verbindungsposition seiner Gesellschaft zur übergeordneten, offiziellen Politik ein, während er gleichzeitig als Anführer von Protestmärchen agierte. Mit seinen Masken reüssierte der Künstler am Kunstmarkt und im westlich orientierten Ausstellungsbetrieb. Eine spannende Zwischenposition insgesamt: Denn als First Nation Angehöriger hatte Beau Dick sein Leben lang die Annahme der kanadischen Staatsbürgerschaft verweigert, weshalb ihn Konzepte der Demokratie, die unter anderem in Athen ihren Ausgangspunkt nahmen, besonders interessierten. (Roland Schöny)

 

Cecilia Vicuña (*1947 Santiago de Chile, Chile)
Quipu Gut (2017), Gefärbte Wolle

Rote ungesponnene Wollwülste hängen von der Decke der großen documenta Halle. Ein Raum-Gedicht. Die 1948 geborene chilenische Künstlerin Cecilia Vicuña arbeitet ortsspezifisch und performativ. Ihre dreidimensionale Lyrik bezieht sich auf eine alte peruanische Technik Ereignisse mit Hilfe von bunten Fäden zu dokumentieren ("Quipu"). Eine indigene Schrift deren Lesart wir uns erst erarbeiten müssen, ein Perspektivenwechsel und auch eine Besinnung unserer Herkunft. Die schweren roten Fäden als Wurzeln unserer Sprachlichkeit einerseits und als ästhetisches Sinnbild weiblicher Fruchtbarkeit und menstrualer Symbolik andererseits.

In der documenta Halle finden um die Installation Performances mit dissonanten Schamaninnengesängen und habtischer Auseinandersetzung mit den beweglichen Wollsträngen statt. Die Neue Galerie zeigt ergänzend dazu frühe figurative Gemälde Vucuñas – Porträts von Dichterinnen gegenüber männlichen Politikheroen (u.a. Karl Marx, Lenin, Fidel Castro), fälschlich sozial geschulte Assoziationen mit männlicher Macht nimmt sie durch Pop-Art Dekor der Porträts vorweg. (Paula Watzl)

 

Neue Neue Galerie

Theo Eshetu (*1958 London)
Atlas Fractured (2017)

Auf Anhieb fesselnd, überzeugend und offensichtlich mit den proklamierten Leitmotiven der documenta 14 in einem plausiblem Zusammenhang ist dieses in mehrfachem Cinemascope-Format projizierte Video-Gemälde. Es passt punktgenau in die riesige, leerstehende Ladehalle des ehemaligen in brutalistisch-funktionalistischer Architektur errichteten Postgebäudes, das jetzt die Neue Neue Galerie ist. Mit moderner Projektionstechnologie zeigt es archaische kulturelle Motive im Umbruch. Auf Grund der enormen Dimensionen fühlt man sich versetzt in eine Atmosphäre wie in den Hallen der Antikensammlung im Alten Museum auf der Berliner Museumsinsel.

Eine Assoziation auf der Ebene zwischen Klischee und Wirklichkeit: Nicht ganz ohne Ironie verwendete der Künstler Bilder eines Banners das ursprünglich für das Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem produziert worden ist. In monumentaler Größe zeigt es fünf Masken, die für die im Museum vertretenen Regionen stehen sollten: Afrika, Amerika, Ozeanien, Asien, Europa. Eine Aufteilung der Welt also durch grafische Gestaltung. Theater oder Absurdität? Man hört kommentierende Stimmen, Teile der Bildwelten ändern sich, stellenweise wirkt das Ganze aber wie auf einem Videoschnittplatz, während sich die einzelnen Stimmen an verschiedenen Stellen des Breitwandvideos lokalisieren lassen. Also eine Projektion, die vielleicht gar zurückblickt? Vieles bleibt rätselhaft, doch unwillkürlich bleibt man stehen und lässt sich reinziehen. (RS)

 

 

 

 

 

 

 

 

Irene Haiduk (*1982 Belgrad)
Nine-Hour Delay (2012–58), 1.000 Paare Borosana-Schuhe getragen von Mitarbeiterinnen der documenta 14, Schuhgrößen 35–42, Produziert für Yugoexport; SER (Seductive Exacting Realism) (2015– ), Veränderbarer Raum, um Geschichte zu schreiben, Produziert for Yugoexport

"Die Armee der wunderschönen Frauen wächst. Die Stadt wird zum Laufsteg und Fließband."
Irene Haiduk

Die documenta 14 hat Schuhe, Seife (Otobong Nkanga) und Bier (Emeka Ogboh) als kommerziell erwerbbare Kunst hervorgebracht. Ersteres Konzept der serbischen Künstlerin Irena Haiduk in der alten Hauptpost hat mich am meisten angesprochen. Irene Hajduk produziert in ihrer Firma "Yugoexport", einem "blinden, blockfreien, mündliches Unternehmen", ein feministisches, ergonomisches Schuhwerk für alle: die in den 1960er Jahren in Yugoslavien entwickelten Borosana-Schuhe. Stundenlanges Arbeiten ohne Einschränkungen sollen sie gewährleisten. Nun tragen auch alle Mitarbeiterinnen der Kasseler und Athener Documenta Borosanas. Wer sie haben will, darf laut Vertrag nur arbeiten, wenn er die Schuhe trägt. Auch kaufen kann man die schwarzen unkonventionellen Schnürer – der Preis wird dabei vom sozialen Status bestimmt (sofern man ihn der Künstlerin ehrlich ‚preisgibt’).

"Der Borosana Schuh wurde über einen Zeitraum von neun Jahren (1960–69) in der Zentrale der Borovo-Gummiwerke in Vukovar, Jugoslawien, entwickelt. Nachdem er entworfen und von der weiblichen Belegschaft der Borovo-Werke und einem orthopädischen Chirurgen getestet worden war, war das Tragen dieser Schuhe für Frauen, die im öffentlichen Dienst arbeiteten, verpflichtend vorgeschrieben. In den Jahren des Niedergangs des jugoslawischen Kommunismus wurde das Modell aus der Massenproduktion zurückgezogen. [ ... ] Jedes Mal, wenn dieses Projekt ausgestellt wird, wird Borosana zum offiziellen Arbeitsschuh derjenigen Einrichtung, die zur Ausstellung einlädt. Damit wird die konstruktivistische Maxime von großartigem Design im Dienste der arbeitenden Frau verfochten. Der Schuh erweitert die Arbeitsarchitektur und bietet den Frauen ein Unterscheidungsmerkmal zwischen Arbeitszeit und Freizeit." Irene Haiduk

In Kassel erweitert die Künstlerin die Arbeit um eine weitere performative Dimension indem sie im Rahmen der Arbeit "Spinal Discipline" bis zu 13 Frauen, Bücher am Kopf balancierend, durch den Stadtraum spazieren lässt – natürlich im passenden Schuhwerk.

Ein Statement zum Kapitalismus, zur Konsumkultur, zur Work-Life Balance, zur Mode und zum Feminismus. Oder einfach eine nette Spielerei. Shopping geht auf der documenta längst nicht nur im Pendant zum klassischen Museumsshop. (PW)

 

Neue Galerie

Maria Eichhorn (*1962 Bamberg, Deutschland)
Projekt "Rose Valland Institut" (2017), enthält u.a. unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbene Bücher aus der Berliner Stadtbibliothek 1943

Sofort ist klar: Hier wird mit alten Originaldokumenten gearbeitet. Eine Installation, die geordnete Arbeitsatmosphäre transportiert. Die erste Assoziation mit Maria Eichhorn bestätigt sich gleich. Das Signifikante an ihrer Arbeit ist der Anspruch extremer Präzision basierend auf der zurückhaltenden, geradezu rigiden Präsentation. Es handelt sich um ein Projekt zur Auffindung von immer noch nicht registriertem Nazi-Raubgut, das nach der Pariser Kuratorin Rose Valland (1898 - 1980) benannt ist. So nach und nach entschlüsselt sich, dass ein Bücherobelisk in der Mitte des Raumes eine Art Mahnmal darstellt. Die Werke in dem Regalturm kommen aus der Berliner Staatsbibliothek. Den Signaturen entsprechend handelt es sich um unrechtmäßig erworbenes Gut aus jüdischem Eigentum durch die Nationalsozialisten. Allerdings dürften die rechtmäßigen Eigentümer bis heute nicht ermittelt sein. Auffallend, dass einige reflektierende, erklärende Texte als Prints auf Holzpanele geradezu Werkcharakter erhalten. Insgesamt eine hochspannender Beitrag, der viele Themen der Vermittlung von Geschichte anreißt.

Wer sich allerdings näher mit Restitution beschäftigt hat, weiß wie schwierig die Feststellung der Provenienz oft sein kann. Insofern dürfte die hochbrisante Arbeit Eichhorns vor allem auf symbolischer Ebene als Hinweis funktionieren; und zwar mit Verbindungslinien zur Populärkultur. Rose Valland kommt nämlich in George Clooneys Film "Monuments Men" von 2014 als Claire Simone vor, wo sie von Cate Blanchett verkörpert wurde. Als Konservatorin im Pariser Musée du Jeu de Paume hat sie über die Kunstraubzüge der Nationalsozialisten im besetzten Paris heimlich in Listen angelegt und kollaborierte bereits vor Kriegsende mit den Amerikanern.

Außerdem erinnert die Installation daran, dass die berüchtigte Gurlitt Sammlung ursprünglich auf dieser documenta gezeigt werden hätte sollen. Weil noch zu wenig aufgearbeitet, wurde sie für die Ausstellung allerdings nicht freigegeben. Dennoch ist die Ausstellung in der Neuen Galerie an mehreren Stellen vom Geist der Familie Gurlitt durchzogen. Etwa kommt Louis Gurlitt (1812-1897) als erfolgreicher Lanschaftsmaler, der diverse antike Motive in seine Kunst einbaute, vor. Ebenso die expressionistische Malerin Cornelia Gurlitt (1890-1919), Tochter des Dresdner Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt senior, die nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs an der Ostfront Selbstmord begangen hat. (RS)

 

Danai Anesiadou (*1977)
It Will Not Happen for It to Happen (2017), Gold, Maße variabel

Eine jener Arbeiten die mich ob ihrer Ehrlichkeit, Widersprüchlichkeit, endlosen Philosophischen Möglichkeiten und gleichzeitiger Banalität innehalten ließ war die Nicht-Arbeit von Danai Anesiadou. In Kassel zeigt die 1977 geborene griechisch-belgische Künstlerin, die gerne an der verschwimmenden Grenze von Kunst und Person agiert, einen Brief, ein Statement, indem sie sich erklärt, sich in ihrer Position als eingeladene Documenta-Künstlerin die Probleme hat zu liefern. Sich und das vermeidliche Ausbleiben Ihres Kassel Beitrages. "Gold" ist als Material angeführt, 1Kilo Gold, das ihr Zeit und einen bleibenden Gegenwert, unabhängig von ihrer künstlerischen Zukunft sichern sollte. Eine Gravur war geplant. Vieles war geplant und ist nicht entstanden. Ich konnte das variable Gold nicht sehen, vielleicht kam es erst nach dem Pressepreview angeliefert, vielleicht blieb es ganz aus, es ist aber auch irrelevant. Bleibende Relevanz als zeitzeugen Bericht hat Anesiadous Prosa. (PW)

 

Friedrichsplatz / Stadtmuseum

Hiwa K (*1975 Sulaimaniyya, Kurdistan, Irak)
When We Were Exhaling Images (2017), Steinzeugrohre, Leimbinder, Möbel, diverse Gegenstände
View from Above (2017), Digitalvideo, Farbe, Ton

Eine weitere Ikone dieser documenta, die an vielen Orten in den öffentlichen Raum rausgeht. Auf dem Friedrichsplatz sind die orange-braunen Röhren weit sichtbar. Eindeutig, sofort erkennbar. Temporäre Unterkünfte, Schlafplätze. Ein Zynismus der Kunst. Nein. Das Bauwerk soll an Geflüchtete erinnern, die im Hafen von Patras in solchen Röhren zeitweilig nächtigten. Deshalb auch als symbolischer Verweis, ein paar persönliche Dinge im Inneren.

Nach all den Eindrücken, ist es zunächst schwierig eine Verbindung zu einer dramatischen Video-Arbeit von Hiwa K im Stadtmuseum herzustellen. Sie entstand am am 17. April 2011 in Sulaimaniyya, als sich vehemente Bürgerproteste, für das Recht auf Teilnahme am politischen Prozess und den gleichberechtigten Zugang zum Reichtum des Landes einsetzten. Hiwa K war damals Teil der Demonstrationen und filmte aus dem Inneren heraus. (RS)

 

Glas-Pavillons an der Kurt-Schumacher-Straße

Vivian Suter (*1949 Buenos Aires)
Nisyros (Vivian’s bed) (2016–17), Öl, Pigment und Fischleim auf Leinwand und Papier, vulkanisches Material, Erde, botanische Stoffe, Mikroorganismen, Holz

Die 1949 in Buenos Aires geborene Vivian Suter malt. Abstrakt, gestisch, großformatig – raumgreifend. Einen ganzen Glas Pavillon inszeniert sie Schicht für Schicht mit ihren losen Leinwänden und schafft so skulpturale Malerei und Happening. Der Besucher schält sich und seinen Blick Faser für Faser durch die Farbwände, in Mitten findet er Vivians Bett. Eine berührende Begegnung. Eine Atempause im Geruch von Pigment und Leinen. (PW)

 

Torwache Kassel

Ibrahim Mahama (*1987 Tamale, Ghana)
Check Point Sekondi Loco. 1901–2030. 2016–2017 (2016–17)
Kohlesäcke, Altmetall, Planen, Metallanhänger und Leder aus dem Inneren einer Henschel-Lok

Es ist eine der auffälligsten und eine der stillsten, eine der monumentalsten und zugleich eine sehr zurückhaltende Intervention im öffentlichen Raum: Entlang der Straßenbahnlinie 1 gelegen, kurz bevor diese ins Gewusel der Fußgängerzone Richtung Friedrichsplatz einbiegt. Geisterhaft wirkt das Szenario. Noch dazu heißt die Straßenbahnstation am Brüder-Grimm-Platz: "Torwache". Alles ist mit Bedeutung aufgeladen. Trotzdem eine Art geisterartige Implosion. Anzunehmen, dass diese an einen Militärbunker erinnernden, aber mit groben, braunen Stoffbahnen verhangenen Gebäude mit der documenta zu tun haben.

Die Intervention von Ibrahim Mahama belässt ihr Publikum zunächst im Unklaren, schreit nicht hinaus, was sie sein soll oder möchte; und schon gar nicht ist sie "schön" in einem traditionellen Sinn. Es sind hunderte, wahrscheinlich tausende Jutesäcke zusammengehalten von unsauberen, groben Nähten. "Product of Ghana" steht beispielsweise auf manchen. Verwendet wurden sie ursprünglich zu Transport von Kakao, Kaffee und Reis, Bohnen oder auch Holzkohle. Grundlage des globalen Handels also.

In all seinen Arbeiten durchkreuzt der Künstler die eingeschriebenen Bedeutungen in öffentliche Räume, die zumeist mit den jeweiligen lokalen politischen Verhältnissen zu tun haben. Dabei münden seine Interventionen an Gebäuden wie Theater, Museen, Wohnhäusern oder Ministerien in eine Art Verpackungs- oder Verhängungspolitik, um eine Auseinandersetzung herauszufordern. Das faszinierende hier ist die Wirkung als Ikone im Stadtraum einerseits verbunden mit Lesbarkeiten aus der Nähe, also der Aufschriften, der Struktur der Stoffe und Nähte. Wie documenta Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung erklärt sind die Säcke für Mahama „forensische Beweismittel bei seiner Suche nach Manifestationen kapitalistischen Wirtschaftens, andererseits offenbaren sie lokale Bezüge innerhalb der internationalen Arbeiterklasse. Wer webt, verpackt, belädt und transportiert, hinterlässt auch seinen Schweiß, seinen Namen, Daten und andere Koordinaten auf den Säcken."

Im Inneren des Torwache Gebäudes finden sich außerdem das "Denkmal für die Opfer des Faschismus in Auschwitz-Birkenau" von Oskar Hansen, Fotoarbeiten von Edi Hila (*1944 Shkoder, Albania) sowie Annie Vigier & Franck Apertet (*1965 Gonesse, Frankreich/*1966 Ugine, Frankreich) sowie eine Arbeit von Lois Weinberger Lois Weinberger (*1947 Stams, Österreich). (RS)

 

KulturBahnhof

Michel Auder (*1945 Soissons, Frankreich)
The Course of Empire (2017), Vierzehnkanal-Digitalvideo-installation, Farbe und schwarz-weiß, ohne Ton, 20 Min.

Filmische Arbeiten spielen auch auf der diesjährigen documenta eine tragende Rolle. Ganze Programmkinos sind teil der Ausstellungsorte. Auder, geboren 1945, passt sich dem Tempo der documenta an und inszeniert gleich vierzehn Bildschirme im Tunnel des ehemaligen Bahnhofs zu einer sprechenden Bildwand. Die Multichannel-Videoinstallation "The Course of Empire" konfrontiert mit Text, Video, Standbild. Ein Statement zum Kolonialismus, dessen Aussage ob der Vielschichtigkeit der Präsentation letztlich dem Besucher selbst überlassen wird. (PW)

 

Gottschalk-Halle

Bili Bidjocka ​(*1962 Douala, Kamerun)
The Chess Society
J’ai l’impression qu’il y a une histoire d’amour entre la fille de salle et le grand noir qui fait le ménage (Ich habe das Gefühl, es besteht eine Liebesgeschichte zwischen der Kellnerin und dem großen schwarzen Putzmann, 2017), Perlenvorhang, Holz, Projektion eines Schachbretts, Wasserbecken, Tische, Stühle, Schachspiele und -uhren, Neon, gefundene Wörter und Gegenstände, webbasiertes Spiel, Graffiti in Zusammenarbeit mit Marcel de Medeiros und Sascha Viering
Maße variabel

In der alten Industriehalle am Universitätsgelände ist vier Künstlern ein überraschender Dialog gelungen. Im abgedunkelten Zentrum schwebt versteckt hinter Perlenvorhängen "The Chess Society", eine Arbeit des 1962 geborene Bili Bidjocka aus Kamerun. Ein Schachbrett auf tiefschwarzer Fläche, in seiner Dimension gerade richtig um das menschliche Machtspiel zu persiflieren. Zitate und Andeutungen der Street Art tun dies in ironischen Randbemerkungen rund um die schwarze Mitte. Diese sitzt schwer und still im Raum. Ein leiser Kommentar mit viel Stimmgewalt. (PW)

documenta 14
bis 17. September 2017