Do-it-yourself mit Glamour | AZW

06.06.17
Granby Four Streets, 2015 © Assemble

Kinder bauen mit Reifen und Plastikschläuchen ihren eigenen Spielplatz, Künstler setzen aus bunten Zementschindeln die Fassade ihres Atelierhauses zusammen, Betreiber eines Kulturcafés errichten Mauern aus Säcken, die sie mit Schutt gefüllt haben: Das britische Architekturkollektiv Assemble lässt jene, die seine Bauwerke nutzen, gern selbst Hand anlegen.

Angelika Fitz, die neue Leiterin des Architekturzentrum Wien (AZW), widmet der innovativen Gruppe ihre Antrittsausstellung – die gleichzeitig die weltweit erste Schau des 18-köpfigen Teams ist. Dabei erhielt Assemble 2015 sogar den Turner-Preis, die wichtigste europäische Auszeichnung für bildende Kunst – damals keine ganz unumstrittene Entscheidung, schließlich produziert das Kollektiv, das aus Architekten, Soziologen, Philosophen und anderen Geisteswissenschaftlern besteht und sich 2010 formierte, nicht gerade Kunst im engeren Sinn. Die Entscheidung, Assemble zum Antritt ihrer Direktion zu zeigen, ist programmatisch; Angelika Fitz stellt, wie sie schreibt, die Frage "Was kann Architektur" ins Zentrum der Neuausrichtung, wobei sich das "Können" auf die "Rückgewinnung der Handlungsfähigkeit" beziehe, zwischen überregulierten Systemen, desinteressierten Entscheidungsträgern. Genau dafür steht Assemble, wie die Ausstellung eindrucksvoll belegt: Sie kombiniert Materialien, wie sie von Assemble verwendet wurden, mit Videos, auf denen der Produktionsvorgang dokumentiert wird, Fotos und Modellen. Besonders schön arrangiert stellt man auf einem Tisch die Produkte dar, die Assemble gemeinsam mit Bewohnern der Granby Street in Liverpool gebaut haben. Die viktorianischen Reihenhaussiedlungen in dieser Gegend sind lange Zeit verfallen; gemeinsam mit einer Initiative, die sich schon zuvor gebildet hatte, revitalisierte Assemble den Straßenzug. Dabei entstanden, großteils aus Schutt, den man an Ort und Stelle vorfand, diverse, durchaus ansehnliche, Recycling-Produkte – etwa Kaminsimse, Türknäufe, Vorhänge oder Fliesen. So produktiv entwickelte sich der Design-Workshop, dass dessen Früchte mittlerweile in einem Geschäft verkauft werden. Fotos zeigen, wie manche der Elemente ganz einfach über einem Kugelgrill gebrannt werden – statt Würstel grillt man sich einen Türknauf. "Teils Architektur, teils Selbermachprojekt, teils sozioökonomische Strategie – so lautet die faszinierende Kombination, die zum Markenzeichen dieses Kollektivs geworden ist", schreibt Architekturkritiker Oliver Wainwright im Katalog. "Die ausgeklügelten Materialexperimente sind genauso Motivation wie die dahinterstehenden sozialen Anliegen. Da die Mitglieder des Kollektivs keine Ausbildung als Tischler, Keramiker oder Maurer genossen haben, gehen sie mit neugieriger Unvoreingenommenheit an ihre Baustoffe heran und erzielen damit oft erstaunlich poetische Ergebnisse." Mit "geradezu alchemistischer Begeisterung überdenke das Kollektiv auch noch die grundlegendsten Prinzipien und hat auf diese Weise die wundersamsten Hybridmaterialien hervorgebracht", so Wainwright.

Auch Fitz betont, dass Assemble keineswegs bloß an sozialen Aspekten interessiert seien, sondern sehr wohl stark auf ihre architektonischen Kompetenzen setzten. Das bunte Fassadenstück, das man im AZW nachgebaut hat, zeigt dies, ebenso der silbrig glänzende Vorhang eines Kinos, des "Cineroleum", das einst eine Tankstelle war, und über das Fitz notiert: "Schon ihr Erstlingswerk, das Cineroleum, ein im Selbstbau errichtetes temporäres Kino in einer aufgelassenen Tankstelle, ging weit über die bekannten ästhetischen Codes der Do-it-together-Bewegung hinaus. Lowtech und atmosphärischer Luxus, Low-Budget und detailgetriebene Raffinesse reichen sich die Hand." Nicht ganz so glamourös wirkt, zumindest noch im Moment, der Pavillon aus Ziegeln, der gerade im MQ-Hof entsteht und von Studierenden der TU Wien erbaut wird – Assemble haben derzeit dort einen Lehrauftrag. Im Sommer soll der Pavillon auch dazu genutzt werden, experimentell zu handwerken, noch einige Wochen wird daran gebaut. Nun ist weder das Recycling von Materialien noch die Partizipation an architektonischen Prozessen etwas ganz Neues. Doch wie Assemble das Handwerkliche, das unmittelbare, physische Machen in den Vordergrund stellen und dabei gleichzeitig weggehen von der Do-it-yourself-Bastlerästhetik: Das besitzt eine eigene Qualität. 

Assemble. Wie wir bauen
bis 11. September 2017