Die Kunst des programmierten Zufalls – Serendipität in der Temporären Halle für Kunst in Linz

31.03.15

Der Titel der Ausstellung in der „Temporären Halle für Kunst” in der „Casa Roja” in der Linzer Anzengruberstraße, unweit des Hauptbahnhofs, ist etwas sperrig. „Serendipität“ bezeichnet laut Wikipedia „eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist“. Der glückliche Zufall also. Kein Zufall, sondern genau durchdachtes Konzept steht hinter der von Angelas Stief kuratierten Schau. Besonders der generationenübergreifende Aspekt sei ihr bei der Auswahl der präsentierten Künstler ein Anliegen gewesen, sagt Stief, die die Ausstellung zusammen mit dem Linzer Künstler Lorenz Estermann organisiert hat.

Zu sehen sind Arbeiten von Pionieren der Computerkunst, die mit dem programmierten Zufall arbeiteten, ebenso wie ganz aktuelle Kunstwerke. Neben Exponaten von Künstlern wie dem Wiener Avantgardefilmemacher, Maler, Bildhauer und Poeten Marc Adrian oder dem ars intermedia-Gründer Otto Beckmann, Werken von Science-Fiction-Autor und Künstler Herbert W. Franke oder dem 2011 verstorbenen tschechischen Maler Zdeněk Sýkora, werden auch Bilder und Objekte von Medienkünstlern der mittleren und jüngeren Generation gezeigt: Ein Plexiglas-Objekt von Gerwald Rockenschaub lehnt an einer Wand des großen Ausstellungsraums, von Peter Kogler sind mehrere Arbeiten zu sehen. Auch Station Rose und Manuel Knapp sind in der Schau vertreten. 3-D-Druckobjekte von Lia sowie Displays und C-Prints von Tina Frank gehören zu den jüngsten Exponaten der Ausstellung.

Doch was ist überhaupt „Computerkunst“? Lässt sich mit diesem Begriff eine bestimmte Kunstrichtung definieren oder würde das zu kurz greifen? Handsignierte Siebdrucke nach computergenerierten Grafiken (Herbert W. Franke) haben doch auf den ersten Blick wenig mit den monochromen, minimalistischen Arbeiten von Rockenschaub oder den filigranen Objekten von Lia gemeinsam. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion sprach Kulturwissenschaftlerin Margit Rosen am Freitagabend mit Oskar Beckmann, Herbert W. Franke, Hermann J. Hendrich und Lenka Sýkorová über diese und ähnliche Fragen.

Die heute in Museen und Galerien so selbstverständlich integrierte Computerkunst hatte es in ihren Anfängen in den 1950er- und 60er-Jahren nicht leicht. Kunst galt als etwas zutiefst Menschliches, die Skepsis Vieler gegenüber dem Einsatz von Maschinen im kreativen Arbeiten war groß.

Zur Zeit der Entstehung der Kunstrichtung in den 1960er-Jahren gab es außerhalb von Industrie und Versicherungswesen noch kaum Computer. Damals wie heute verfolgten Künstler, die Computertechnik zu Hilfe nahmen, unterschiedlichste Ansätze. Kulturwissenschaftlerin Rosen erinnerte einmal mehr an die Inhomogenität innerhalb der Medienkunst und betonte, dass es immer auf den Hintergrund der Protagonisten ankomme.

Der Science-Fiction Autor, Wissenschafter und Künstler Herbert W. Franke erzählte am Freitagabend, dass er selbst gerne den Vergleich zur Musik und zu Instrumenten herstelle. Am Anfang habe es ja auch in der Musik nur die menschliche Stimme gegeben, erst später kamen die Instrumente hinzu und erweiterten die Möglichkeiten der vielfältigen Klangerzeugung. Seine Experimente zielten auf eine Erweiterung der Instrumentarien in der Kunst.

Zdeněk Sýkora war der erste tschechische Künstler, der den Computer für seine Arbeit heranzog. Er ist für seine abstrakten Linien- und Kugelbilder bekannt. Ihr Mann sei ein „richtiger Maler“ gewesen, wie seine Witwe und ehemalige Mitarbeiterin Lenka am Freitag sagte. Er habe einfach gewisse malerische Probleme, etwa die Verhältnisse der Bildelemente zueinander, an die Maschine abgegeben. Er selbst habe aber nie einen Computer eingeschaltet, wie Sýkorová erzählt.

Auch Hermann J. Hendrich, Künstler und Mitbegründer der Werkstatt Breitenbrunn, beschrieb sein ursprüngliches Interesse am computergenerierten Zufall und erzählte von  den ursprünglichen Parallelen zwischen der konkreten Kunst und Poesie der 1950er-Jahre und der Computerkunst.

Oskar Beckmann, der Sohn von Computerkunst-Pionier Otto Beckmann und Mitbegründer der ars intermedia sowie Erbauer des Kunstcomputers betonte, wie sehr es ihn freue, dass auch sehr junge Künstler an der Ausstellung beteiligt seien und zitierte den Leitsatz der Wiener Secession von Ludwig Hevesi: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit”.

Die Ausstellung, die in der Medienkunst-Stadt Linz (seit Ende 2014 ist Linz „UNESCO City of Media Arts”) eine besondere Bedeutung hat, kombiniert hochkarätige historische und zeitgenössische Positionen. Die Zusammenschau von Werken aus den verschiedenen Epochen und Richtungen der Computerkunst zeigt die Vielfalt der Ansätze dieser sich unablässig weiterentwickelnden Kunstrichtung.