Die Kappas warten schon | Salzburger Kunstverein

24.08.17
Ausstellungsansicht Geoffrey Farmer & Gareth Moore, Salzburger Kunstverein 2017, Foto: Andrew Phelps, © Salzburger Kunstverein

Der Strawinsky-Brunnen von Jean Tinguely und Niki de Saint-Phalle, diese freudenvolle Ode an das Leben, die Kunst und die Technik, zählt, nicht zuletzt wohl aufgrund seiner prominenten Lage nahe des Centre Pompidou, längst zu den Touristenattraktionen von Paris. Unweigerlich fühlt man sich an ihn erinnert, wenn man derzeit den Salzburger Kunstverein betritt. Auch hier tropft, blubbert und spritzt Wasser aus skulpturalen Gebilden, und ein wassergefülltes Becken bildet den Rahmen dafür. Die kanadischen Künstler Geoffrey Farmer und Gareth Moore tauchten für ihre Ausstellung (knackiger Titel: „Geoffrey Farmer & Gareth Moore. A Dark Switch Yawning, Neptune Skeletons Thronging, Black Bucket Prolonging, World Turtle Longing, Sink Plug Wronging“) den Hauptraum des Kunstvereins in Dunkel; Hängelampen beleuchten die einzelnen Skulpturen in dem Becken, das hier leicht euphemistisch „Teich“ genannt wird. Mit seinem Pariser Pendant hat diese Wasserlandschaft freilich herzlich wenig zu tun.

Die Objekte, die Farmer und Moore zu Assemblagen verbauten oder aber als Ready-Mades in ihrer Wasserlandschaft platzierten, tragen oft eine lange Geschichte in sich. So zum Beispiel ein Berg Münzen in unterschiedlichen Stadien der Korrosion: Er stammt aus dem Magen der Schildkröte Omsin (auf Thai: „Sparschwein“). Abergläubische Touristen warfen Geld in das Becken, in dem sie lebte – Omsin schluckte dieses buchstäblich haufenweise und verendete kläglich. Die Meldung über die thailändische Schildkröte erregte weltweit Aufsehen. Auch zu dem altertümlichen Kanonenrohr, das flach am Wasser liegt und aus dessen Öffnung ein Rinnsal fließt, gibt es eine Geschichte: Farmers Onkel, so heißt es im Begleittext von Kunstvereins-Leiter Séamus Kealy (dessen deutsche Übersetzung leider schwer lesbar ist), erwarb das am Strand angeschwemmte Trumm im Tausch gegen Fisch und kutschierte es „quer über den Kontinent“. Eine Holztafel, deren Forman einen Pilz erinnert, trägt Spuren einer Bemalung – Kollege Moore fand sie auf dem Abfall. Plastikbecher sind auf einen Ast gepappt, ein Entenkopf an einen Holzstamm montiert, ein Turm aus einer Schildkröte, einem Buch und einer Dose speit Wasser, eine Glühbirne treibt im Becken, ein Stein und ein zerbrochener Teller lagern auf dessen Grund, ebenso wie zwei zarte Knochen – sie stammen aus den Ohren von Walfischen. Eine Assemblage aus allerlei Gartengeräten spritzt Wasser in verschiedenen Richtungen – dieses Element lässt noch am ehesten an den Strawinski-Brunnen denken; „Neptune Skeleton“ heißt die Arbeit und wurde von Moore gebaut, als er während der Documenta 13 im Kasseler Auepark logierte.

Die Arbeiten der beiden Künstler scheinen in diesem Setting regelrecht zu verschmelzen, in eins zu fallen, auch das ein Gegensatz zur Pariser Kollaboration zwischen Tinguely und Saint Phalle – es ist auf Anhieb kaum zu sagen, ob ein Objekt von Farmer oder Moore stammt. Darüber hinaus beziehen sie sich gemeinsam auf ein nicht ganz so einfach zu durchschauendes Konzept – denn hinter der ganzen symbol- und geschichtsträchtigen Wasserlandschaft lauerten, so die Künstler, die sogenannten „Kappas“ – bösartige Wassergeister aus der japanischen Mythologie, die nicht nur diverses Gemüse von den Feldern stehlen, sondern Menschen und Tiere, wenn sie im Wasser schwimmen, in die Tiefe ziehen und ertränken. „Die Künstler betrachten Geschichte als das Entleeren von und Wiederauffüllen mit Bedeutung“, so Kealy in seinem Begleittext – dafür haben sie mit dem Becken, dessen Wasser stetig zirkuliert, ein sinnträchtiges Bild gefunden. Wenig nachvollziehbar wird hingegen, was diese Installation mit der Kosmologie – also der Wissenschaft vom Universum und dessen Ursprung – zu tun haben soll; daran ändert auch die im Text von Kealy zitierte Anekdote aus einem Buch von Stephen Hawking nichts, in der es um eine Vertreterin der Flat-Earth-Theorie und Schildkröten, die übereinander gestapelt sind, geht.

Dennoch spricht die Szenografie in ihrer Aufgeladenheit und ihrer Theatralik, in ihrer Düsterheit und Mystik an: Immer wieder entdeckt man Neues, hier hängt noch ein Blatt am Boden, dort ist ein Stöpsel festgeschraubt, und was stellt diese merkwürdige Zeichnung auf dieser Tafel eigentlich dar? Am liebsten würde man hineinwaten in diesen Teich. Doch halt: Die Kappas warten schon. 

Geoffrey Farmer & Gareth Moore
bis 1. Oktober 2017

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