DIE EIER DES COLUMBUS*

24.04.15

VON DORT NACH DA UND ZURÜCK – Bruno Gironcoli und Jochen Traar in der Galerie HERZOGBURG in Kärnten

Vor zwei Jahren haben die Betreiber der Herzogburg mit einer vielbeachteten Ausstellung des verstorbenen Künstlers Franz West und seines Assistenten Reinhard Bernsteiner für Aufsehen gesorgt und ein längerfristiges MEISTER-SCHÜLER-PROJEKT gestartet. Die aktuelle Ausstellung, in Kooperation mit der Galerie Elisabeth & Klaus Thoman, zeigt Arbeiten von BRUNO GIRONCOLI und JOCHEN TRAAR, als zwei Positionen aktueller Bildhauerei und macht deutlich wie Material und Form sich finden und Irritation zu einem Prozess der Bewusstwerdung beitragen kann.

Bruno Gironcoli, 1936 in Villach geboren und 2010 in Wien verstorben, hat als Lehrer an der Akademie der bildenden Künste in Wien eine ganze Generation von KünstlerInnen beeinflusst und ihnen – ausgehend von klassischen Methoden der Bildhauerei - einen FREIRAUM eröffnet „SKULPTUR neu zu definieren“, schreibt die Kuratorin Ulli Sturm. Als einer der bedeutendsten Künstler Österreichs hinterlässt er als Bild­hauer und Zeichner ein magisch-hermetisches und einzigartiges Werk. Seine Skulpturen aus Aluminium, Bronze oder Polyester sind durch eine immer wiederkehrende Formensprache bestimmt, die oftmals auf erkenn­baren Motiven beruht.

Einer von vielen Künstlern, die die Person und den Hochschullehrer Gironcoli geprägt haben, ist Jochen Traar (*1960), der seit 20 Jahren unter dem Label ART PROTECTS YOU Projekte im öffentlichen Raum von Los Angeles bis Venedig und Wien realisiert hat. Eine aktuelle Werkserie von Spiegelarbeiten zeigt, wie Zeichnung den Raum aufnehmen und wieder zurückgeben kann. Jochen Traar ist als Künstler ein Stratege und Analytiker, der die „Banalität“ der Dingwelt in seiner Arbeit benützt, um Fragen nach der Funktion und Rezeption von Kunst zu stellen. Schon in der 2013 gezeigten Einzelausstellung im Museum Moderner Kunst Kärnten (MMKK) in Klagenfurt, hat der Bildhauer und Konzeptkünstler Traar seinem ehemaligen Lehrer ein Werk als Hommage gewidmet: Metallfarbene Rollo-Bahnen, die an die Werkstoffe Gironcolis erinnern, werden mit Motoren betrieben und konstruieren einen Raum, der sich immer wieder auflöst.

Vom Wesen der Dinge

Bruno Gironcoli verwendet in seinen Arbeiten Dinge des alltäglichen Lebens. Er fügt im Raum ausgebreitete Objektarrangements zusammen und schafft so Environments aus Gegenständen, die ihrer konventionellen Funktion enthoben, zu vollkommen neuen künstlerischen Bedeutungsträgern werden. Diese werden zu "Handlungsräumen" seiner Themen, die sich nunmehr um Gewalt, Folter, Unterdrückung und Sexualität drehen. So entsteht eine starke Psychologisierung der Dingwelt, charakterisiert Bettina. M. Busse das Werk des Künstlers. Eine bedeutende Aluminiumskulptur von Gironcoli, die lange Zeit vor dem Stadttheater in Klagenfurt aufgestellt war, wird im Zuge dieser Ausstellung im Innenhof der Galerie Herzogburg wieder zu sehen sein. Der stilisierte „Kinderwagen“ ist auch für die Kärntner Kunstszene von besonderer Bedeutung. Denn der, 1966 geschaffene, kupferfarbene Prototyp aus Polyester ist bereits ein Jahr später in der legendären Galerie Hildebrand in Klagenfurt erstmals zu sehen gewesen.

Auch Jochen Traar bedient sich an Vorhandenem. Seine skulpturalen Arbeiten bewegen sich zwischen Intervention, kinetischem Ob­jekt und Skulptur und haben überwiegend Fertig- oder Halbfertigprodukte des Alltags als Ausgangsbasis. „Banale“, standardisierte Dinge des täglichen Gebrauchs werden in einem Kunst-Kontext neu erfunden. Jedes Ding hat für ihn mehrere Bedeutungen, mehrere Persönlichkeiten, wie er es nennt. Ein Gedanke, der ihn seit dem Beginn seines künstlerischen Schaffens beschäftigt. Er nimmt Vorhandenes, gibt ihm eine neue Funktion und damit auch eine neue Bedeutung und ermutigt dadurch den Rezipienten, einen anderen Blick auf Bekanntes zu werfen. Er selbst spricht in diesem Zusammenhang von Upcycling.

„Können tun es viele, aber man muss es auch machen.“

Überlegungen zur Gesellschaft, ihren Funktionen und Systemen liegen zahlreichen Arbeiten Traars zugrunde. Es liegt ihm aber fern den Zeigefinger zu erheben: „Mir fehlt der Wunsch zu moralisieren“, kommentiert er knapp. So auch bei Traars neuester Arbeit „Die Eier des Columbus“, die im Rahmen dieser Ausstellung erstmals zu sehen sein wird. Eine Rauminstallation mit zwei überdimensionalen, metallfarbigen Eiformen, die wenn sie in Bewegung gesetzt werden den Klang von Schiffsglocken hören lassen.

Die Idee dazu entstand anlässlich eines Aufenthaltes im Rahmen des Bundesstipendiums für bildende Künstler in Yogyakarta, auf Java in Indonesien. „Der Kolonialismus ist dort nach all den Jahrzehnten noch nicht vollkommen überwunden, weltweit sind seine Auswirkungen  noch spürbar. Dabei hat alles mit einem Traum und dem Visionär Christoph Columbus begonnen. Trotz Hohn und Spott hat er nicht aufgegeben, hatte sprichwörtlich ‚große Eier‘, und segelte los um etwas zu entdecken –  das keiner für möglich hielt. Die blutigen Folgen dieser Verwirklichung einer Vision waren nicht absehbar. Einerseits ist der Mut bewundernswert“, aber, fragt Traar: „Soll man etwas Neues machen nur weil man es kann, obwohl die Folgen unabsehbar sind, oder ist re- und upcycling oftmals die bessere Lösung?“ Die Eiform ist für ihn zwar ein Symbol der Fruchtbarkeit, sagt aber noch nichts über die Qualität der Frucht aus.

Neben Gesellschaftskritik beweist der Künstler oft auch feinen Humor und Ironie, wie beispielsweise mit den tanzenden Palmen „Ginger und Fred“, die 2013 im Museum Moderner Kunst Kärnten zu sehen waren und sich als „Publikumsliebling“ erwiesen haben. Was auf den ersten Blick „banal“ wirken mag, erweist sich als mehrdeutig und vielschichtig und regt zur Reflexion an. „Meine Arbeiten sollen es Rezipienten mit unterschiedlichem Vorwissen ermöglichen, sich damit auseinandersetzen zu können.

Auf mehreren hundert Quadratmetern der beiden Stockwerke der Galerie Herzogburg, im Zentrum von St. Veit an der Glan, kann man auf eine repräsentative Auswahl von Werken aktueller Kunst treffen. Man hat die Gelegenheit einen Einblick in die unverwechselbare künstlerische Sprache der „Apparaturen“ und Zeichnungen des unvergleichlichen Bruno Gironcoli zu bekommen und neuesten Werken von Jochen Traar zu begegnen. Die spätgotischen Räume der Galerie – weit entfernt von einem WHITE CUBE – nehmen die zeitgenössische Kunst mit Archaik und Gelassenheit auf und schaffen ein Ambiente, in dem sich ihre „Gegenständlichkeit“ hervorragend entfalten kann.

*Rauminstallation von Jochen Traar

Bis 6.Juni 2015