Die Dekonstruktion von Geschichte und Kunst als vielseitiges Werkzeug – Latifa Echakhch im Linzer Lentos

17.03.15

Am 12. März wurde im Linzer Kunstmuseum Lentos unter dem Titel „Neubeginn“ die österreichweit erste Museumsausstellung der marokkanisch-stämmigen Französin Latifa Echakhch eröffnet. Gezeigt werden Gemälde, Wandtexte und Objekte. Die 1974 geborene, in der Schweiz lebende Künstlerin geht mit klaren, reduzierten Formen an durchaus kräftige Themen heran. Ihre Werke sind oft symbolisch aufgeladen und haben Historisches, Politisches oder Biografisches zum Inhalt.

An der Wand des Ausstellungsraumes im Untergeschoß des Lentos lehnen Wolkenobjekte aus Theaterkulissen. Sie sind zur Wand gedreht, nur ihre schwarze Rückseite ist zu sehen. Die Illusion eines blauen Himmels mit Schäfchenwolken ist dahin, die ursprüngliche Funktion dieser Theaterrequisiten ad absurdum geführt.

Die Terroranschläge in Paris Anfang des Jahres hätten sie sehr erschüttert, sagt die Künstlerin. Aus diesem Anlass hätte sie auch ihre Arbeit überdacht, und sich gefragt, wie man nach solchen furchtbaren Geschehnissen überhaupt noch Kunst machen könne. Die Wolkenobjekte sind für die Künstlerin auch eine Art „Mahnmal“. "Der Titel der Ausstellung – Neubeginn – steht daher auch für ein Innehalten nach den Ereignissen von Paris", so Lentos-Direktorin Stella Rollig beim Presserundgang durch die Ausstellung.

Echakhchs Malereien – schwarze Balkenkompositionen auf Leinwände im Format 2 x 1,50 Meter –  sind angelehnt an orientalische Ornamente ihrer Heimat Marokko, mit denen die Künstlerin sich als junge Erwachsene zu beschäftigen begann. Sie wollte diese Muster ihrer Vorfahren „dekonstruieren“, die feinen, kunstfertigen, zeitintensiven Werke zu einer reduzierten Form auf Leinwand weiterentwickeln. Für sie seien die Arbeiten vergleichbar mit Schrift, weil sie immer weitergingen. Stellt man Bild an Bild, führen die Linien von einem zum nächsten. Die Reihe könnte unendlich weitergeführt werden. Diese Arbeiten erinnern an konkrete Malerei, werden aber durch den persönlichen und historischen Hintergrund mit Geschichte und Bedeutung aufgeladen. Doch ist "das Material", so die Künstlerin, "stets der Ausgangspunkt der Werke. Der Beginn ist immer rein ästhetisch-formal, danach erst gehe es weiter zum Inhaltlichen." 

Ausradierte Jugendbekenntnisse
Sehr poetisch sind Echakhchs Wandarbeiten aus Klebeschrift. Die Künstlerin hat dafür Ausschnitte aus dem Tagebuch, das sie als 14-Jährige geführt hatte, an der Wand angebracht und die Buchstaben teils wieder abgelöst. Einzelne französische Wörter sind zu lesen, aber der genaue Inhalt der Texte kann nur erahnt werden. Wörter wie „adolescente“, „realiser“, „éroique“, „stupide“, „paix“, „sentiment“ oder „honneur“ lassen einen als Betrachterin oder Betrachter vielleicht an die eigene Jugend und die Themen, die einen damals umtrieben, zurückdenken.

Sie sei im Übrigen sehr damit einverstanden, dass jede Besucherin und jeder Besucher sich seine eigene Geschichte aus ihren Werken baue, so die Künstlerin. Sie habe keine „Message”, sie sei weder Politikerin noch Philosophin. Vielmehr wolle sie Fragen stellen. Den Besucherinnen und Besuchern stehe es völlig frei, ihre Werke individuell zu interpretieren. Sie stelle die Kunstwerke als „Tools“ zur Verfügung, was dann damit gemacht werde, sei „nicht mehr ihr Job“.

Für die „ausradierte“ Schrift hatte sich Echakhch inspirieren lassen, als sie den Abbau einer Ausstellung in einem Museum beobachtete. Begeistert vom Anblick der Saaltexte aus Klebebuchstaben, die von den Wänden gelöst wurden, wollte sie daraus etwas Eigenes entwickeln. Als sie kurz darauf ihre Jugend-Tagebücher wieder in die Hände bekam, konzipierte sie die Arbeit.

Wenige Wochen, nachdem die Schriftarbeit entstand, ereigneten sich die Terroranschläge in Paris. Zu dieser Zeit so die Künstlerin „hat sie sich gerade wieder in ihr jugendliches Selbst hineinversetzt“. Ihr sei nur zu bewusst, wie extrem idealistisch und naiv sie damals war und wie leicht sie wohl auch beeinflussbar gewesen wäre, wenn sie jemand bearbeitet hätte. Angesichts der Jugend der Terroristen habe sie dieser Gedanke erschüttert, so Echakhch.

Auf die Frage, inwieweit Persönliches in ihren Werken eine Rolle spiele, meint die Künstlerin: „Meine Biografie hat immer etwas mit meiner Arbeit zu tun, weil ich mit Dingen arbeite, die ich kenne. Ich gehe immer von mir selbst und den Dingen, die mich beschäftigen aus.“

Es lohnt sich jedenfalls, sich mit den Arbeiten in der Ausstellung auseinanderzusetzen und sich von Echakhchs „Werkzeugen“ zu eigenen Assoziationen anregen zu lassen: von der Erinnerung an die eigene Jugend, über die Beschäftigung mit aktuellen politischen Geschehnissen oder auch allein durch die reine ästhetische Erfahrung der Objekte und Gemälde.

LATIFA ECHAKHCH. Neubeginn, bis 31. Mai 2015

Ort: 
Kunstszene: