Der Prozess des Sich-Erinnerns ist kein statischer! Ursula Maria Probst über Sudarshan Shetty’s „Inside the Cave“

12.01.18
Sudarshan Shetty, The Cave Inside, 2017, Ausstellungsansicht, Galerie Krinzinger, Wien | Foto: Tamara Rametsteiner, Courtesy the artist and Galerie Krinzinger

Sudarshan Shetty, The Cave Inside, 2017, Ausstellungsansicht, Galerie Krinzinger, Wien | Foto: Tamara Rametsteiner, Courtesy the artist and Galerie Krinzinger

Die skulpturalen Installationen des indischen Künstlers Sudarshan Shetty gelten als enigmatisch und geheimnisvoll. Ihre Ordnung der Dinge ist von einer mystischen Aura durchdrungen, die sich aus einer unserem Leben zunehmend entschwindenden Mythologie des Alltags speist. „Der Prozess des Sich-Erinnerns ist kein statischer, sondern unterliegt der Veränderung.“ Laut Sudarshan Shetty performt er als Künstler die Rolle einer Person, deren Leben sich mit dem Wiedererinnern befasst und die dadurch entstehenden Vorstellungen buchstäblich oder aus poetischer Distanz in künstlerischen Arbeiten realisiert. Dabei gelangen verschiedene Objekte zum Einsatz, deren Wirkungskraft und gleichzeitige Entfunktionalisierung eine fesselnde Anziehung ausüben.

Verlust, Abwesenheit, Tod, Leere – Leere, die den Körper aushöhlt und das Potenzial daraus Prozesse der Regeneration zu aktivieren, sind Themen seiner Ausstellung „Inside the Cave“ in der Galerie Krinzinger, die seit 2008 mit dem Künstler zusammenarbeitet. Sudarshan Shetty zählt zu den wichtigsten Vertretern der indischen Gegenwartskunst. Unablässig hinterfragt er die Rolle des Künstlers und dessen Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Als Kurator der Kochi-Muziris Biennale 2017 in Kerala, Südindien, bezog er in sein Programm vermehrt Musikperformances, indische Literatur, Architektur und Film ein und erweiterte dadurch unseren, den internationalen Kunstbetrieb nach wie vor dominierenden, westlichen Codex.

Den Betrachtenden die Möglichkeit zu bieten, durch die Konfrontation mit seinen Installationen ihr eigenes Leben neu zu denken und interkulturelle Zugänge durch das Einbeziehen komplexer kultureller Ressourcen zu generieren, zählen zu seinen künstlerischen Ambitionen.

In einer Glasvitrine im Ausstellungsraum befindet sich in einer Position, die einen Zustand des Schwebens suggeriert, eine aus Holz und Porzellan zusammengesetzte Vase. Ein Bronzeabguss vom Stuhl des verstorbenen Vaters, auf dem eine Pfütze aus Seifenlauge noch die Abdrücke seiner Sitzspuren nachzeichnet, ein aus Holz geschnitzter Teppich, unter dessen Wölbungen sich Dinge zu verbergen scheinen und ein aus einer hölzernen Gitterstruktur kubisch konstruierter Käfig, hinter dem ein uns den Rücken zugewandtes Selbstporträt von Sudarshan Shetty als Videoprojektion läuft, bilden das installative Setting der Ausstellung.

Dramaturgien des Geschichtenerzählens und deren Funktion in der indischen Kultur analysiert Sudarshan Shetty in seinem sechzigminütigen Film „Shoonya Ghar“, dessen Ausgangspunkt die Gedichte des indischen Philosophen Gorakhnath bildet und der die Frage „Wer ist wach und wer schläft?“ zum Inhalt hat. In der Ausstellung zu sehen ist auch, dass für den Film gebaute Modell, das die Architektur eines leeren Hauses zeigt und entlang dessen Konstruktion sich die einzelnen Charaktere entwickeln. Geleitet durch die Frage, in welcher Beziehung das Gebäude und das Bewusstsein seiner Bewohnerinnen und Bewohner zu einander stehen, lässt Sudarshan Shetty vor unseren Augen ein Epos menschlicher Seinszustände entstehen. Achtzehn Monate lang schrieb er in seinem Studio am Skript des Films, das keiner in sich geschlossenen Narration folgt, sondern Szenen des täglichen Lebens in Indien und das Zusammentreffen verschiedener Generationen und Genres, in durch ausgeklügelte, cinematografische Montagetechniken und durch ihre visuelle Intensität fesselnde Bilder bannt. Menschen tauchen auf und verschwinden; in verschiedenen Szenen werden Konventionen im Umgang mit Geburt, Tod, Sex, Tanz, Spiel, Musik und Gewalt in der lokalen indischen Tradition des Geschichtenerzählens durchgespielt und durch eine Öffnung der kulturellen Grammatik in neue Zusammenhänge gesetzt. Ein kleines Mädchen übt sich im Spiel des Tempelhüpfens. In einem ansonsten karg eingerichteten Zimmer tummeln sich Spielsachen „Made in China“. Über der Zeichnung des Tempelhüpfens tropft Blut und sammelt sich zu einer Blutlache. Eine Frau und ein Mann legen sich zum Ausruhen auf den Teppich.

Der Filmdreh fand innerhalb von drei Tagen in einem stillgelegten Steinbruch statt. Bewohnerinnen und Bewohner der Umgebung wirkten neben Schauspielern, Performern und Musikern an den verschiedenen Szenen mit, die sich verschiedener Dramaturgien des Geschichteerzählens bedienen und dabei den Raum für individuelle Interpretationen von Kino und Welt eröffnen.

 

Sudarshan Shetty, „Inside the Cave“, ist bis 18. Jänner 2018 in der Galerie Krinzinger, Seilerstätte 16, 1010 Wien, zu sehen.