Der HAGENBUND – Wiege der Moderne

09.03.15

Kaum hatte das Belvedere seine umfangreiche Präsentation der Künstler des Hagenbundes geschlossen, öffnete die Galerie Kovacek Spiegelgasse ihre eigene Ausstellung mit ausgewiesenen Arbeiten dieser wichtigen Künstlergruppe der frühen Moderne. Mit dem aufgefrischten und erweiterten Wissen, das die Belvedere-Schau vermittelte, lassen sich die wie ein Potpourri an Stilen, Motiven und Namen zusammen gewürfelten Bilder in der Galerie durchaus mit neuem Blick studieren. Sie besitzen auch den Vorteil des käuflichen Erwerbes.

Einleitend sei diese Künstlergruppe kurz vorgestellt. Sie wurde 1900 in Wien von einer Gruppe von Künstlern gegründet, die sich schon des längeren unzufrieden mit der Kulturpolitik des Künstlerhauses im Café des Joseph Haagen getroffen hatten. Mit Unterstützung der Stadt erhielten sie einen Teil der Markthalle in der Zedlitzgasse, Nähe des Stubenringes, zur Verfügung gestellt. Rückblickend war das Gründungsdatum ein strategischer Fehler, denn bis heute steht der Hagenbund stets im Schatten der einige Jahre zuvor, 1897 gegründeten Secession. Da wird auch gerne übersehen, dass Schiele und Kokoschka ihre radikal neue Malerei nicht in der Secession, die nach der Kunstschau 1908 eigentlich schon beendet war, sondern in der Zedlitzgasse präsentiert hatten.

Ein weiterer „Fehler“ für die zukünftige Wahrnehmung war ihre ernst genommene demokratische Ausrichtung. Während die Secession eine radikal neue, stringente und identifizierbare Kunstform etabliert hatte, bot der Hagenbund seinen Mitgliedern das, was die Secession nur in ihren Statuten behauptete: eine offene, liberale, sehr demokratisch geführte Vereinigung, wo keine bestimmte Stilrichtung vorgegeben wurde und kein Künstlerkult sondern ein Geist gegenseitigen Austausches herrschte. Es konnte so kein erkennbarer „Hagenbund-Stil“ entstehen, vielleicht bestand er aber gerade deswegen fast vier Jahrzehnte und wurde 1938 auch nur zwangsweise beendet.

Der Hagenbund wurde in Wien sehr bald der zentrale Versammlungsort für die Fülle an verschiedenen Interpretationen, individuellen Ausdrucksweisen und künstlerischen Auseinandersetzungen mit einer sich stark verändernden Zeit – über die Wirren und Katastrophen des ersten Weltkrieges hinaus. Seine Geschichte ermöglicht es, den Blick auf die Moderne zu erweitern und der Komplexität jener neuen Kunstepoche näher zu kommen, die sich aus den Errungenschaften des 19. Jahrhundert zum einen genauso wie aus der radikalen Abwendung von allen herkömmlichen Kunstgesetzen zum anderen vielfältig, auch widersprüchlich und in großer Dynamik entwickelt hat.

Der Rundgang durch die Galerie mit ihren ausgesuchten, qualitätsvollen Arbeiten, zeigt im Kleinen das Kaleidoskop der Stilrichtungen. Der Kontrast zwischen dem wunderbar gemalte Frauenbildnis und dem mit Farbstift gemalten Herrenporträt von Carry Hauser, übrigens kurzzeitig auch Präsident des Hagenbundes, könnte nicht größer sein. Hier Verwandlung eines Expressionisten zu einem von Frankreich stark beeinflussten Maler der subtilen Stille und Poesie, dort eine exzessiv geführte, kantige Linie, deren Expressivität und soziale Anklage tief unter die Haut geht. Ähnliche Gegensätze finden sich bei Georg Merkel und Otto Rudolf Schatz, hier wieder eine ruhige Malerei mit neoklassizistischen Tendenzen dort eine Vibration der Farbe und der Form. Viele der Künstler gehörten leider auch zu jenen Malern, die in die Emigration gezwungen wurden – sofern sie die Zeichen der Zeit erkannt hatten. Einer davon war Georg Mayer-Martón, dem außerdem das bittere Schicksal des gesamten Verlustes seines Werkes durch einen Bombenangriff auf die Lagerhalle in London zuteil wurde. Arbeiten von ihm sind äußerst selten zu haben, die Galerie kann aber von ihm ein bedeutendes und charakteristisches Werk zeigen.

Da sich der Hagenbund nicht als Stil sondern als Plattform für Information, Meinungsaustausch und Netzwerk über die Grenzen des Landes hinaus verstand, ist es durchaus zulässig, Künstler wie Ferdinand Brunner, Olga Wisinger-Florian oder Alfred Kubin in die Galerie-Ausstellung aufzunehmen, die keine Mitglieder, aber in den Ausstellungen des Hagenbundes als bedeutende Vorreiter und Zeitgenossen präsent gewesen waren.

Interessanterweise ergibt sich nach diesem Rundgang dann doch ein einheitliches Bild – jenes der  der Moderne, deren Markenzeichen die Zersplitterung der Einheit war.

Bis 10. April 2015