Das Tier in ihr – Maria Lassnig in der Galerie Ulysses Wien – Ein Porträt von Andrea Schurian

10.11.16

Die Sommermonate, manchmal auch die Zeit um Weihnachten zog sich Maria Lassnig in die Einschicht ihres Ateliers in einer ehemaligen Schule oberhalb von Feistritz zurück. Sie, die keiner Künstlergruppe angehören wollte, blieb auch in Kärnten, dem Land ihrer Kindheit und Jugend, scheue Außenseiterin. Aber bis ins hohe Alter ratterte sie mit ihrem alten Moped ein, zweimal in der Woche von der Alm hinunter ins Metnitztal, um die nötigsten Besorgungen zu machen. Auf dem Bild „Motorrad im Wald", 1987, allerdings malte sie sich auf dem Weg, den sie weitaus lieber einschlug, nämlich wieder hinauf auf den Berg, weg aus der sogenannten Zivilisation, zurück in ihre menschenleere Abgeschiedenheit. Rund ums Haus nur Wald und Wiesen. Mit der Sense mähte sie das Gras vor der Tür – und malte sich als Schnitterin vor der Bergkulisse, die Sense in der erhobenen Faust in ihren typisch fahlen „Wirklichkeitsfarben: Gedankenfarben, Schmerzfarben und Qualfarben, Druck- und Völlefarben, Todes- und Verwesungsfarben".

Stille als Voraussetzung für ihre Körperbewusstseinsbilder. Bis auf die Seele entblößt trat sie vor ihre Leinwand. Ja, Maria Lassnig war, was man eine Eigenbrötlerin nennen könnte. Keine Kompromisse. Keine leeren Floskeln. Kein Wort zu viel. Misstrauisch gegenüber Freundschaftsbekundungen. Tiere rührten und berührten sie, zu den Bauern der Gegend hielt sie Distanz. Und doch. Am 15. August 1994, wenige Wochen vor ihrem 75. Geburtstag, zog sie sich die schönste Feiertagstracht an, setzte sich den traditionellen Bänderhut auf und wanderte zur Kräuterweihe ins Bergkirchlein, mischte sich unter die Bauersfrauen und setzte am Ende der Messe der jüngsten Bäuerin fröhlich ihren hundert Jahre alten, kostbaren Bänderhut wie eine Krone auf den Kopf.

Schutzlos und dennoch mutig und kraftvoll packte sie den Stier bei den Hörnern. Das Bild „Den Stier bei den Hörnern packen", entstanden Mitte der 1980er-Jahre – könnte Sinnbild ihres gesamten künstlerischen Schaffens sein, das von Härte gegen sich selbst ebenso getragen war wie von schmerzvoller Feinfühligkeit. In einem lebenslangen, nie abbrechenden Dialog mit sich selbst ertastete sie ihre Identität, gab ihren Körpergefühlen und –erfahrungen, ihren Körperempfindungen äußere Form. Von dieser Innenarchitektur schlug sie immer wieder Brücken zur Außenwelt, setzte ihre körperlichen Empfindungen in und mit der Welt in Beziehung, um die großen philosophischen Themen wie Tod, Liebe, Vergänglichkeit zu reflektieren.

Die Zerstörung – und Rettung – der Natur, der Tierwelt spürte sie buchstäblich im und am eigenen Leib, wütend, mitfühlend, mutig, verzweifelt, gnadenlos. Ihr erstes „Selbstporträt als Tier" schuf sie bereits im Jahr 1963. Das Tier in ihr: Auch das gehörnte Wesen, das sehnsüchtig über den Berg hinab zu einem menschlichen Wesen, einem Beobachter, blickt, trägt Lassnigs Gesichtszüge. Ihr gemaltes Hirtengedicht Bucolica, 1987, erinnert – auch – an die griechische Mythologie: Zeus verwandelte Io, seine Geliebte, in eine silberglänzende Kuh. Doch seine eifersüchtige Gattin Hera forderte die Kuh als Geschenk und ließ sie von dem hundertäugigen Riesen Argos bewachen. Ihre Titel entstünden immer nachher: „Das ist Poesie. Sie können auch irreführen. Es ist nicht wie bei gewisser politischer Kunst, wo man Schlagworte malt."

Sie fange immer mit der Körpererfahrung an, „aber dann kommen Weltprobleme hinein, die mich gerade beschäftigen, etwa, wie die Natur vom Menschen malträtiert und dezimiert wird. Durch die Wege der Forstwirtschaft werden die Rehe und die Kleintiere ausgerottet. Auch mit den Blumen ist es so, die Landschaft sieht aus wie mit dem Staubsauger gesaugt. Die Forstwege sind wie Wunden im Wald. Kleintiere gibt es hier nur mehr als ausgestopfte Exemplare".

In die Küche hängte sie ihr „Erinnerungskreuz für Rehe". Als ihr der Feistritzer Bürgermeister anlässlich ihres 90. Geburtstags die Ehrenbürgerschaft verleihen wollte, lehnte sie schroff ab und bat stattdessen, „dass er mich vor den Fallenstellern rettet, die ums Haus herumschleichen und alle Tiere ausrotten". In tiefen Furchen, zwischen Erdwülsten, kauert ihr „Rehlein", der Wald nur ein ausgedünnter Strich am Horizont. Das Bild entstand 1986, dem Jahr des Tschernobyl-Reaktorunfalls. „Große Katastrophen rühren mich immer zu Tränen", sagte sie. „Ebenso wie eine Katze, die zufällig um meine Füße streift."

In ihrem letzten Jahr auf der Alm warfen heftige Orkanboen die Bäume rund ums Haus um, "das Haus steht jetzt ganz nackert da". Nun steht ihr Haus ganz leer.

Die Galerie Ulysses zeigt mit "Landleben" die erste Ausstellung Maria Lassnigs in Österreich seit ihrem Tod 2014. Das Projekt wurde von Gabriele Wimmer noch zu Lebzeiten der Künstlerin und mit ihr gemeinsam geplant, konnte jedoch nicht mehr realisiert werden. Die Ausstellung ist eine Kooperation der Galerie Ulysses mit der Maria Lassnig Stiftung, in der auch die Galeristin im Vorstand tätig ist. Präsentiert werden Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen, die in den 1980er-Jahren in Lassnigs Studio im Kärntner Metnitztal entstanden sind. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten von Wolfgang Drechsler, Donald Kuspit und John Sailer.

Maria Lassnig - Landleben 
bis 25. Februar 2017

 

 

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