"Das ist eine Frage des Stils." Interview mit Agnes Husslein-Arco

26.02.18
Photo: Andrea Schurian

Photo: Andrea Schurian

Chagall, Magritte, Picasso, Warhol, Roy Lichtenstein, Gerhard Richter, Mark Rothko, Yves Klein, und, und, und – ja genau: WOW! So nennt Agnes Husslein-Arco den von ihr kuratierten, mit Weltklassekünstlern aus der Sammlung Heidi Goëss-Hortens gespickten Jahrhundert-Parcours im Leopold-Museum. Die Multimilliardärin und die ehemalige Belvedere-Chefin verbindet eine langjährige Freundschaft, Heidi Goëss-Horten hatte sich für die erste öffentliche Präsentation ihrer hochkarätigen Kollektion ausdrücklich ihre Vertraute als Kuratorin ausbedungen. Andrea Schurian traf Agnes Husslein-Arco zum Gespräch.

Zur Erinnerung: Wegen angeblicher Verstöße gegen Compliance-Regeln musste Husslein zu Silvester 2016 den Direktoren-Sessel im Belvedere räumen. Ulrike Gruber-Mikulcik, damals Prokuristin des Hauses, hatte bei der Staatsanwaltschaft sogar Anzeige gegen ihre Chefin wegen schweren Betrugs erstattet. Doch die Vorerhebungen wurden kürzlich eingestellt, es wird kein Verfahren geben, „weil sich nach Befragungen von dreißig Mitarbeitern und auch von mir keiner dieser lächerlichen Vorwürfe bewahrheitet hat.", so Agnes Husslein-Arco. Dass die neue Belvedere-Direktion für Nachschub sorgte und mit weiteren schweren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit – und zur Staatsanwaltschaft ging, ändert daran nichts. Pikant ist allenfalls das Timing der scharfen Attacken: Husslein war damals von Sebastian Kurz ins Beraterteam der Koalitionsverhandlungen über Kunst und Kultur berufen worden. „Vielleicht", sagt die Kunsthistorikerin trocken, „hatte man ja Angst, dass ich politisch etwas werden könnte. Aber das war nie meine Ambition, ich bin keine Politikerin."

Parnass: Aus dem Belvedere wurden Sie Ende 2017 vom damaligen Kulturminister Thomas Drozda unsanft hinauskomplimentiert. Mittlerweile sind Sie im Vorstand des Leopold Museums, haben in den Koalitionsverhandlungen im Team Kurz beratend mitgemischt, kuratieren eine spektakuläre Ausstellung. Sind die Kränkungen überwunden?

Husslein: Mein Vater hat mich gelehrt, dass mich nicht jeder beleidigen kann. Aber gekränkt bin ich schon. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass man mich so abserviert! Die Ungerechtigkeit, dass Leistung gar nichts zählt, dass man nicht einmal Danke sagt, sondern immer weiter absurde Vorwürfe erhebt, macht mich sprachlos. Ich gehe sicher nicht mehr ins Belvedere, dabei weiß jeder, wie sehr ich es geliebt habe.

Parnass: Auf ihrer Jahrespressekonferenz haben ihre Nachfolgerin Stella Rollig und der kaufmännische Direktor Wolfgang Bergmann über einen Besucherrekord im abgelaufenen Jahr gejubelt…

Husslein: ... und dabei tunlichst vergessen, sich bei mir zu bedanken. Denn dieser Erfolg beruht auf meiner Planung, neunzig Prozent des erfolgreichen Ausstellungsprogrammes 2017 und auch die Finanzierung etwa der aufwändigen Restaurierungsarbeiten, die der Ausstellung zu Rueland Frueauf vorangegangen sind, stammten ja noch von mir! Auch die diesjährige Schiele-Ausstellung wurde noch in meiner Direktion geplant, die Rachel Whiteread-Ausstellung habe ich bereits vor drei Jahren mit der Tate Modern verhandelt. Sei's drum. Statt mir zu danken, dass ich ein wohlbestelltes Haus übergeben habe, geht Frau Rollig in einem Katalogvorwort zwar auf einen früheren Direktor ein, mich erwähnt sie dafür in keinem der über zehn von mir geplanten Ausstellungskataloge. Das ist eine Frage des Stils.

Parnass: Auf der gleichen Pressekonferenz für der kaufmännische Direktor Wolfgang Bergmann mit schweren Geschützen gegen Sie aufgefahren: Sie hätten dem Belvedere schweren Schaden zugefügt.

Husslein: Das weise ich strikt zurück! Einer seiner Vorwürfe betrifft meinen Ankauf des berühmten Fat Houses von Erwin Wurm. Der Schaden, den ich dadurch verursacht haben soll, ist, dass man Lagergebühren für das Kunstwerk hat. Da kann ich nur sagen: Es gibt zahlreiche Museen, die dieses Werk sofort als Leihgabe übernehmen würden. Tatsache ist, dass ich dem Belvedere die größten Schenkungen der zweiten Republik verschaffen konnte; dass ich jährlich eine Million Sponsorengelder akquiriert, die Besucherzahlen von 400.000 auf über eine Million gesteigert, meine Wohnung gratis Gästen des Belvedere zur Verfügung gestellt, sie verköstigt habe. Ich habe auch auf ein Dienstauto verzichtet, das mir, ebenso wie allen anderen Museumdirektoren zugestanden wäre, und so dem Haus insgesamt mehr an die 150.000 Euro erspart. Das alles scheint nichts zu gelten, dafür wirft mir dann Herr Bergmann vor, dass bei der Ai Weiwei-Ausstellung, die dem 21er Haus internationale Aufmerksamkeit gebracht und zigtausende Menschen angelockt hat, zwei Bodenplatten im Wert von 11.000 Euro zu Bruch gingen. Ich frage mich einfach: Wo ist die Relation?

Parnass: Und der Vorwurf Bergmanns, ein Werk der feministischen Künstlerin Friedrike Petzold zu einem überhöhten Preis angekauft haben? Falls die Rückabwicklung nicht funktioniert, will er 100.000 Euro bei Ihnen einklagen.

Husslein: Ist Herr Bergmann künstlerischer Direktor des Belvedere? Er war Marketingchef einer Tageszeitung, Kunst und Kunstpreise sind wirklich nicht seine Expertise. Ich darf nach über 35 Jahren Erfahrung in dem Bereich behaupten, den Kunstmarkt sehr gut zu kennen, ich habe immer solide Preise gezahlt. Es stimmt bedenklich, dass die künstlerische Direktorin Stella Rollig, die sich sonst immer rühmt, Frauen in der Kunst zu unterstützen, zu alldem schweigt. Petzolds Arbeiten wurden im Museum of Modern Art in New York präsentiert, sie hat an der Documenta und der Biennale von Venedig teilgenommen, sie ist eine wichtige Künstlerin. Sollte das von mir angekaufte Werk wirklich durch einen Wasserschaden gelitten haben, gäbe es genug andere Arbeiten. Dass diese wichtige feministische österreichische Künstlerin nun nicht in der Sammlung des Belvedere vertreten sein wird, ist kein Ruhmesblatt. Aber man will unbedingt etwas finden, damit man mir meine ausstehenden Prämien nicht auszahlen muss. Und dafür ist offenbar jedes Mittel recht.

Parnass: Ist es tatsächlich unüblich, wie das Belvedere sagt, dass vor Lieferung bezahlt wird?

Husslein: Ich bitte Sie! Abgesehen davon, dass das Geld nach meinem Weggang überwiesen wurde, zeigt auch dieses Beispiel: Herr Bergmann weiß über die branchenüblichen Konditionen überhaupt nicht Bescheid! Bei jeder Auktion zahlen Sie vorher. Natürlich geht es auch anders herum, etwa, wenn man aus einer Ausstellung heraus etwas kauft. Aber grundsätzlich gilt: zuerst zahlen, dann die Ware. Man muss sich dann eben auch darum kümmern, dass man das Kunstwerk bekommt.

Parnass: Und die angeblich illegal betriebene Caféteria im Unteren Belvedere, die nun abgebaut wird – auch da will man sich an Ihnen schadlos halten?

Husslein: Diese B-Lounge war kein Kaffeehaus im herkömmlichen Sinn, sondern eine künstlerische Intervention von Peter Sandbichler. Sie wurde natürlich vom Kuratorium genehmigt und hat fast zehn Jahre ohne Beanstandungen bestens funktioniert. Wo ist der Schaden, außer dass die Direktion eine Kunstinstallation abtragen lässt? Und in dieser Manier geht es weiter: Ich hätte Türen ausgebaut, was nicht stimmt. Bei der Klimaanlage wäre Gefahr in Verzug! Natürlich kommen unterschiedliche Experten zu unterschiedlichen Lösungen, wir haben unser Klimakonzept gemeinsam mit externen und internen Experten, dem Bundesdenkmalamt und der Burghauptmannschaft entwickelt. Wir hatten immer Top-Architekten mit an Bord, die mit alter Struktur umzugehen verstehen. Denn es gibt Dinge, die aus Gründen des Denkmalschutzes in diesem Barockjuwel einfach nicht möglich sind. Schauen Sie, ich habe meine Karriere im Guggenheim Museum in New York begonnen, wo ich Machbarkeitsstudien betreut habe; ich habe innerhalb von drei Jahren und ohne Kostenüberschreitung in Salzburg das Museum der Moderne auf dem Mönchsberg gebaut, ich habe das Untere Belvedere umgebaut, die Orangerie und das Obere Belvedere aufwendig und sorgsamst renoviert und das 21er Haus wieder zum Leben erweckt, nachdem es jahrelang leer stand. Ich habe also bewiesen, dass mein Team und ich gut bauen können. Und dann kommt Herr Bergmann, der davon nicht sehr viel Ahnung hat und macht mir Vorwürfe? Dreißig meiner besten Mitarbeiter sind in der Zwischenzeit gegangen und gegangen worden.

Parnass: Eine Ihrer Sponsorinnen und Leihgeberinnen war Heidi Goëss-Horten, deren Sammlungshighlights Sie nun im Leopold Museum zeigen. Verstehen Sie die mediale Aufregung, weil Sie gleichzeitig auch im Vorstand der Leopold Stiftung sind.

Husslein: Ehrlichgestanden nein. Auch Elisabeth Leopold, die im Vorstand ist, kuratiert Ausstellungen im Leopold Museum. Ich kenne die Sammlung von Heidi Goëss-Horten sehr gut, schließlich haben wir sie nach dem Tod ihres ersten Mannes, der vor allem Expressionisten erstand, gemeinsam aufgebaut. Ich arbeitete damals bei Sotheby's, und da sie aus verständlichen Gründen anonym bleiben wollte, habe ich viele Spitzenwerke für sie ersteigert. Frau Goëss-Horten ist eine wirklich leidenschaftliche Sammlerin, sie lebt mit der Kunst! Und sie hat ein gutes Auge für Qualität. Ich finde es schön, dass eine so hochkarätige Privatsammlung internationalen Zuschnitts nun in dem großartigen, auf österreichische Kunst fokussierten Sammlermuseum Leopold gezeigt wird. Heidi Goëss-Horten vertraut mir, ihr Wunsch, dass ich kuratiere, ist auch ein Zeichen der Loyalität mir gegenüber.

Parnass: Sie haben viele Anfeindungen erfahren. Gab es auch Solidaritätsbekundungen?

Husslein: Viele! Künstler, wildfremde Menschen, die mir geschrieben haben. Ich habe viele echte und gute Freunde. Und ich habe viele Neider, der Hass gegen mich ist groß. Was mich enttäuscht hat, war, dass meine Direktionskolleginnen und –kollegen sich nie solidarisch geäußert haben. Aber ich kann in den Spiegel schauen, ich habe stets versucht, einen Mehrwert für die Kunst und die Künstler zu schaffen. Mein Großvater war Künstler, ich weiß, wie schwer dieses Leben ist. Daher habe ich den Künstlern immer großen Respekt entgegengebracht. Und den bekomme ich von den meisten jetzt zurück.

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