DANAE STRATOU: Sichtbarmachen um zu verstehen – It’s Time To Open The Black Boxes!

31.08.16

Die griechische Künstlerin Danae Stratou steht für politisch und sozial engagierte Kunst. Für ihre Projekte recherchiert sie menschliche Bedingungen rund um die Welt und fügt das Erfahrene zu eindringlichen Installationen, Video- und Fotoarbeiten. Beim diesjährigen "European Forum Alpbach" sprach sie über die beiden parallelen Realitäten, die sie als Künstlerin verbindet: Auf die geistige Auseinandersetzung mit inneren Bildern folgt der Versuch, diese in eine reelen Kontext zu setzen. In der Neuen Galerie im Museum Krems am Körnermarkt ist von 9.9. – 26.10.2016 ihre Multimediainstallation „It’s Time To Open The Black Boxes!“ zu sehen – eine Fortsetzung des Projekts, das 2012 am Höhepunkt der Krise in Griechenland den Ängsten und Hoffnungen der Menschen eine Stimme gegeben hat. Das folgende Interview ist einen Tag nach der Teilnahme der Künstlerin am Globart Talk im Jänner 2016 entstanden, in der die Frage nach der Rolle der Kunst in Zeiten der Krise im Fokus stand. Ist es möglich, die Black Box unseres globalen Unglücks vorzeitig zu öffnen und durch dieses Verständnis die drohende Gefahr abzuwenden? Oder schlicht: Kann Kunst die Welt verändern?

Parnass: Die Vorstellung, dass Kunst die Welt verändern kann, ist für Ihre Arbeit und Sie persönlich sehr wichtig. Daher ist meine erste Frage, wie es der Kunst möglich ist, tatsächlich die Welt zu verändern?

Danae Stratou: Das ist eine vielschichte Frage. Am Anfang steht der Wunsch – und ich denke, dass es vielen Menschen so geht – etwas Sinnvolles mit dem eigenen Leben zu tun. Man steckt viel Energie und Reflexion in die Dinge und möchte damit etwas Gutes tun. Ich bin Künstlerin und möchte etwas verändern – so, wie viele Menschen in vielen Gebieten es möchten. Dadurch entsteht Veränderung, und nicht einfach so. Wenn man sich darüber im Klaren ist, über die Welt, in der wir leben, in welche Richtung wir uns bewegen, dann können wir unsere Arbeit tun und wirklich etwas verändern, diskutieren, ein Bewusstsein schaffen. Ihre Frage war, wie Kunst die Welt verändern kann. Und das ist der Beginn davon: Dass ich mir wünsche, dass sie es kann. Die Kunst hat eine Art und Weise, die Menschen zu berühren, die anders ist als der Mainstream. Sie funktioniert nicht wie die Politik oder andere sehr direkte Mittel, nach dem Motto: Ich erkläre dir das und dann kannst du dich ändern. Sie berührt auf eine tiefere Art, auf eine bewusstere oder auch unterbewusste Art. Sie beleuchtet verschiedene Perspektiven außerhalb des allgemeinen Trends. Man muss auch kein Experte sein, um etwas von dem Thema zu verstehen. Es sickert einfach ein, in den Geist, in das Gefühl, Fenster werden geöffnet und man sieht die Dinge in einem anderen Licht. Das geschieht nicht in einem Moment: Vielleicht hat man etwas Interessantes gesehen, oft bemerkt man es gar nicht, aber schon setzt dieser langsame, subtile Prozess ein und man beginnt, anders zu denken. Ich habe von einem befreundeten Bildhauer aus Paris eine Geschichte gehört, die das vielleicht zeigen kann: Er hatte einen riesigen Steinblock bei sich im Atelier. Ein Freund kam ihn mit seinem Sohn besuchen. Als die beiden ein paar Wochen später wiedergekommen sind, hatte er bereits damit begonnen, eine Figur aus dem Stein zu schlagen. Der Bub sagte: „Woher hast du gewusst, dass das da drinnen ist?“ Das ist faszinierend – durch ein Kind kann man erkennen, dass wir in einer magischen Welt leben. Ich finde, das ist eine wunderschöne Geschichte. Sie zeigt, denke ich, die Art und Weise, wie der Künstler die Dinge berührt und untersucht und schließlich an die Oberfläche bringt – es gibt eine verborgene Welt, die da ist aber nicht für jeden erkennbar. Auch deshalb, da unsere heutige Lebensweise so schnell ist, dass wir keine Zeit mehr haben, nachzudenken. Und die KünstlerInnen, wie auch SchriftstellerInnen, DenkerInnen und viele andere, stehen auf der einen Seite im Leben, auf der anderen Seite aber ist es unsere Arbeit, zu denken, zu kritisieren und mit ausgefahrenen Antennen zu sehen, was in der Welt vor sich geht. Und jeder wird das dann in der Welt wieder ausdrücken. Und so ist es möglich, auf verschiedene Arten und Weisen, erhellend zu wirkend. Ich glaube, das ist eine hilfreiche Alternative um zu verstehen. Und durch Verständnis kann Veränderung herbeigeführt werden – oder Veränderung geschieht in uns.

P: Auf der Website Ihrer Plattform „Vital Space“ steht, dass Sie Kunst und Politik zusammenbringen wollen.

DS: Nicht so sehr Kunst und Politik, als Kunst und andere Disziplinen, es geht um den Dialog zwischen einer Künstlerin und einer Ökonomin, einer Künstlerin und einer Schriftstellerin, einer Künstlerin und einer Wissenschaftlerin. Die meisten Künstler betreiben Recherche. Wir sind keine Experten für irgendetwas. Jedes Projekt wird an irgendeinem Punkt verlangen, sich darauf einzulassen. Und in meinem Fall, und das trifft auch auf viele andere mir bekannte Fälle zu, bringt jedes Projekt einen dazu, eine ganze, neue Welt zu erkunden. Es ist also nötig, mit einem Wissenschaftler, einem Techniker, einem Filmemacher etc. zusammenzuarbeiten. Diese Dialoge geschehen also sowieso; zumindest in meiner Arbeit ist jedes Projekt wieder ein Abenteuer, da ich nicht immer dasselbe Medium verwende, sondern das suche, das am besten geeignet ist. Der verbindende Faktor meiner Arbeit ist, dass ich versuche, für den Betrachter eine Erfahrung zu schaffen. Und mit der Zeit fand ich diese Zusammenarbeiten und Dialoge faszinierend, die nötig waren, um die Arbeiten zu schaffen. Also entsteht in der Arbeit von jedem Künstler sowieso ein interdisziplinäres Moment. Entweder durch Bücher oder durch etwas anderes. Jeder Mensch kann durch seine eigenen Vorgänge, seinen eigenen methodologischen Prozess lernen. Aber kein Kunstwerk ist einfach eine Frage der Inspiration. Inspiration ist nur der Anfang, dann folgt eine Menge harter Arbeit. Und diese Arbeit beinhaltet es, zu lernen, tiefer in die Dinge zu gehen. Andere Disziplinen zu verwenden ist Teil davon. Das durch „Vital Space“ zu zeigen war sehr interessant. Ich habe damals meinen Ehemann getroffen, Yanis Varoufakis, ein Akademiker, ein Ökonom, der sich vor allem für politische Ökonomie interessierte, für Philosophie und all das. Also ich für mein Projekt „CUT – 7 Dividing Lines“ recherchierte, war es meine Vision um die Welt zu Orten zu reisen, dahin, wo Menschen gewaltsam getrennt werden und beide Seiten der Trennung zu fotografieren. Diese Trennungen sind aus unterschiedlichen Gründen gesetzt worden, seien es politische, wirtschaftliche, religiöse – wie auch immer. Ich habe mir das angesehen und mit Experten dieses Feldes gesprochen. So habe ich ihn während dieser Recherchen getroffen und schließlich haben wir gemeinsam die Orte mit den passenden Charakteristiken ausgesucht. Das Grundthema waren Grauzonen, und davon gibt es viele. Im Allgemeinen ist eine globale Perspektive sehr interessant. Das ist eine Gemeinsamkeit, die ich mit Yanis teile. Wir blicken beide auf die Welt, jeder mit seiner Spezialisierung; er als Ökonom mit besonderem Fokus auf Politik und politische Ökonomie, ich als Künstlerin. Zwei völlig unterschiedliche Felder. Aber es ist uns gemeinsam, die Dinge in einen globalen Kontext zu setzen, einen größeren Kontext. Daher habe ich auch darauf geachtet, was für andere Trennungen die conditio humana noch aufweist: Trennungen in uns selbst, in unserer Familie –und dementsprechend habe ich einen, sagen wir, symbolischeren Ausdruck dieses Zustands gesucht. Dieses ganze Abenteuer begann mit diesem Treffen, diese Zusammenarbeit und schließlich sind wir gemeinsam gereist. Und auch er hatte schließlich eine Idee, durch die Arbeit im Feld, die sehr anders ist, als das theoretische Nachdenken über Dinge: wirklich mit den Menschen vor Ort zu sprechen ist sehr viel nahegehender als das Lesen von Artikeln in Magazinen und Zeitungen. Es inspirierte ihn zu dem Text „the Globalising Wall“, der schließlich zu einem gemeinsamen Projekt führte: Ich habe seinen Text durch ein Video visualisiert, einer Abfolge fotografischer Stills. Es wurde also zu einem gemeinsamen Projekt. Und gleichzeitig war es der Beginn von „Vital Space“. Wir beide dachten, dass es sehr schön und positiv sein könnte, dieser Art der Zusammenarbeit eine Plattform zu bieten und das weiter auszudehnen. Wie ich auch gestern während des Globart Talks gesagt habe, war es ein sehr spannender Moment, als die Krise so mächtig  nach Griechenland kam und nach Europa und die Blase, in der wir gelebt hatten, platzte. Ich spürte sehr deutlich die Notwendigkeit von der eigenen Person wegzugehen und in Projekten zusammenzuarbeiten, sich diesen Gemeinschaftsarbeiten zu öffnen. Wie schon gesagt, arbeite ich immer mit anderen zusammen – das weiterzutragen ist wunderbar und ich bin froh, dass solche Gemeinschaftsarbeiten sich vermehren und etwas Neues daraus entstehen kann.

P: Das ist eine spannende Vorstellung. Bereits in „Desert Breath“ haben Sie zu dritt zusammengearbeitet – vielleicht aber auch aus schierer Notwendigkeit, aufgrund der unglaublichen Größe des Projekts. In einem der Interviews auf Ihrer Website sagen Sie, dass es einen bestimmten Punkt gab, an dem sie bemerkten, dass wir Verantwortung haben und jeder von uns etwas tun muss. Dieses Thema war auch gestern sehr präsent – jeder einzelne muss handeln, jeder einzelne muss Europa verändern, wir können nicht darauf warten, dass es ein anderer für uns tut. Jeder muss seine eigene Menschlichkeit nutzen um etwas zu geben…

DS: …um bewusster eine Veränderung herbeizuführen, denn wann immer wir zusammen das Leben durch ein Kunstwerk betrachten, vertieft das unser Verständnis und es bringt uns weiter. Wenn also viele Köpfe und Ansichten sich in einem Gespräch treffen, beschleunigt sich der Prozess, denn ein Mensch, eine Ansicht bringt die anderen weiter. Das war auch bei „Desert Breath“ der Fall, aber auf eine sehr andere Art und Weise. Aber ich bin bestimmt der Ansicht, dass Dialog und Gespräch viel weiterbringt und wir, wenn wir dann zu unseren eigenen Gedanken zurückkehren, diese dann auch weiterentwickeln. Es ist ein laufender Prozess von Veränderung und dann Entwicklung und dieser Prozess bedeutet zu wachsen und zu reifen und die Welt zu verstehen. Und darum geht es im Leben, denke ich.

P: Was ich besonders an Ihrer Arbeit mag ist, dass – wie Sie bereits erwähnten – Sie immer versuchen, den Betrachter in das Werk einzubeziehen; als Person ist man wirklich in der Arbeit, man wird hineingezogen. Sehr oft erhalte ich das Gefühl zurück, dass die Welt ein wundersamer Ort ist. Das ist auf alle Fälle etwas, was die Kunst kann.

DS: Das Verbindende in meiner Arbeit ist genau das – eine Erfahrung für den Betrachter zu erschaffen. Das war von Anfang an für mich interessant. Eine andere Sache ist es, dass ich gerne Platz für den Betrachter lasse, damit er oder sie eine eigene Erfahrung machen kann. Es wird also nicht alles in der Arbeit beantwortet. Manchmal fehlt vielleicht etwas, und es ist genau das, was Platz macht für die Entwicklung eigener Vorstellungen. Der Prozess ist dann, alles Unnötige wegzunehmen und zu einer Art Minimalismus zu kommen, wo man nur das Essentielle behält, gerade genug, um etwas zu tun, aber nicht zu viel, damit die Ideen nicht verschüttet werden.

P: Beim Globart Talk haben Sie von vier Arten der Krise gesprochen, eine davon war die „Crisis of the Human Spirit“ – die Krise des menschlichen Geistes. Können Sie erklären, was damit gemeint ist?

DS: Das ist etwas, was ich erst kürzlich unglücklicherweise erlebt habe, in meinem Land, in Griechenland, wo das geschehen ist. In meinem Projekt zu den Black Boxes wurde das Wort „Würde“ am öftesten genannt. Ich mochte am liebsten das Wort „Hoffnung“. Hoffnung ist sehr wichtig um weiterzumachen oder etwas zu verändern. Wenn wir die Hoffnung verlieren, verlieren wir alles. Solange es Hoffnung gibt, sogar in den trostlosesten Situationen, gibt es noch eine Möglichkeit. Wenn man das verliert… Leider ist das in Athen, in Griechenland, in Gefahr. Viele Menschen haben keine Hoffnung mehr, weil sie alles verloren haben. Das ist es, was ich gemeint habe. Das ist etwas, was viele Menschen in den Nordeuropäischen Ländern vielleicht nicht verstehen – Großteils ist das die Schuld der Presse. Die Presse ist eine irrsinnig mächtige Instanz – wir wissen das natürlich, aber es so aus erster Hand zu erleben… die Art und Weise, wie sie die Dinge verdrehen – sie haben eine riesige Verantwortung für unser Schicksal! Dabei geht es auch um Ethik und das meine ich auf gar keinen Fall religiös! Es ist so interessant zu sehen, wie unterschiedlich wir empfinden. Auch darauf habe ich versucht, hinzuweisen: Die Menschen im Norden, in Ländern mit wirtschaftlichem Überfluss,  denken, dass wir all diese Kredite genommen haben, sie den Steuerzahlern gestohlen haben. Aber tatsächlich erreicht dieses Geld Griechenland ja gar nicht, in dem Sinn, dass es der Wirtschaft helfen würde, wieder ins Wachstum zu kommen – kein Grieche will die Schulden nicht zurückzahlen. In unseren Augen werden wir dazu gezwungen, diese Kredite anzunehmen, wohl wissend, dass wir nicht fähig sein werden, sie zurückzuzahlen und dass sie nicht einmal in die Griechische Wirtschaft fließen. Es gibt also zwei sehr unterschiedliche Wahrnehmungen und es gibt sehr viel, dass von der Presse anders dargestellt wird. Das ist ein teuflisches Dreieck: Politik, Presse und Macht und ich denke, dass viele Griechen das bemerkt haben und den Glauben an das, was sie hören, verloren haben. Der große Beweis war das Referendum im Juni, wo 62% der Menschen „nein“ gestimmt haben, obwohl Sie sich die Propaganda im Fernsehen nicht vorstellen können. Sie war so extrem, dass sie offensichtlich wurde – die Menschen erschienen wie nackt. Sie traten auf wie die Wahnsinnigen, in Panik, die Dinge sagten, wie: „Wenn Sie „nein“ wählen, werden Sie sterben! Es wird eine Katastrophe, wir werden aufhören, zu existieren!“ Verstehen Sie, diese Propaganda war so jenseits von allem und demgegenüber standen die Menschen, die leiden, die in ihrem Leben den Verlust deutlich spüren – viele haben ja tatsächlich alles verloren, ihre Arbeit, alles. Ich glaube, die Selbstmordrate in Griechenland ist um 36% gestiegen. Ich will nur zeigen, dass es hier einen riesigen Einfluss auf das Leben der Menschen gibt. Das ist der „Human Spirit“, der menschliche Geist, von dem ich gesprochen habe. Wir müssen uns die Hoffnung bewahren.

P: Im Rahmen des Global Art Talkes erzählten Sie von einem speziellen Moment, wo sie für ein Projekt bereits den Ort und das Sponsoring hatten, als dann plötzlich die Flüchtlingskrise akut wurde und Sie sich überlegt haben, ob es nicht sinnvoller wäre, Geld und Raum diesen Menschen zu spenden – und dann verstanden haben, dass es wichtiger ist, wirklich etwas zu tun. Ist das auch Teil dieses „Human Spirit“: ihn aufzubauen, an ihm festzuhalten, ihn, wenn nötig, wiederzubeleben?

DS: Es hat mit meinem Glauben zu tun, dass wir die Kunst brauchen. Sie hilft, Dinge zu beleuchten, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren und auf verschiedene Arten Interesse zu wecken. Meine 20 oder 30 000 Euro hätten nicht viele gerettet – und am Ende würde es nicht viel ausrichten. Denn was ist unser Ziel, letztendlich? Wenn man die Leute auf seine eigene Art und Weise erreichen kann, dann ist das wichtiger – man sieht sich das große Ganze an. Natürlich war es gut und korrekt, dieses Gefühl zu haben. Aber es war auch richtig, das zu überwinden und eine Lösung zu finden, die besser sein kann. Ich weiß immer noch nicht, ob das Projekt zustande kommt, mein Antrag ist vorgelegt und ich warte auf eine Antwort, ich möchte daher noch nicht mehr darüber sagen. Aber ich bin zu dem Schluss gekommen, dass mein Projekt es wert ist, umgesetzt zu werden, da es helfen wird, Bewusstsein herzustellen. In den Pressefotografien sehen wir die sterbenden Kinder – das schockiert uns und es ist gut, darüber informiert zu sein, was geschieht, aber wir brauchen eine zweite Ebene, eine dritte Ebene des darüber Nachdenkens. Wenn man auf der Straße einen Unfall sieht, ist man entsetzt, aber dann muss man handeln. Man braucht Zeit und Raum um sich wirklich auf Dinge tiefer einzulassen als nur auf den ersten Schock. Und hier kann die Kunst helfen.

P: Und sie kann die andere Seite der Medaille zeigen, wie etwa in Griechenland.

DS: Und selbst, wenn das Thema ein schwieriges, dunkles ist, kann man doch schließlich das Licht am Ende des Tunnels sehen, kann man wieder Hoffnung sehen – nicht nur durch Kunst, auch durch gute Filme und Bücher. Das ist es, was ein Kunstwerk kann – es trägt in sich all die unterschiedlichen Zeichen: Dunkelheit und Licht zur gleichen Zeit. Und das brauchen wir.

P: Daher ist es auch sehr problematisch, wenn in Zeiten der Krise die Förderungen für Kunst gekürzt werden, etwa in Griechenland, wo Sie Probleme haben, überhaupt zu arbeiten, weil es nichts mehr gibt. Schlussendlich wird Kunst von der Öffentlichkeit als Luxus gesehen und nicht als Notwendigkeit.

DS: Ja und das verstehe ich auch und ich bin überzeugt, dass das meiste Geld verwendet werden sollte um den schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft zu helfen, aber andererseits denke ich, dass der Glaube an zeitgenössische Kunst von Seiten des Staats auch eine Strategie sein kann. Ein bisschen Geld wird ohnehin in die Kultur fließen. Wir können also eine Strategie entwickeln, die es mehr in Richtung der zeitgenössischen Kunst gehen lässt. Ich bin natürlich stolz auf die Kultur des antiken Griechenland - ich denke, dass sind wir alle und ich glaube nicht, dass ich mehr Anspruch darauf habe, als Sie, zum Beispiel, oder irgendjemand in einem anderen Land. Dafür ist es zu lange her und es ist zu einem gemeinsamen Erbe geworden, das wir natürlich schützen müssen und auch ausstellen, damit es erhalten bleibt und die Menschen es sehen können. Aber wir müssen in die Zukunft investieren. Und um das zu tun müssen wir die Kultur unterstützen, zeitgenössische Kultur. In allen Feldern. Das ist etwas, worüber wir sehr genau nachdenken sollten, denn was Sie gesagt haben, stimmt: Wir können es schaffen, eine Möglichkeit für etwas Besseren zu schaffen, die zeigt, was wir alles tun können – die positiven Kräfte in uns, in unserer Gesellschaft. Natürlich sollte der größte Teil des Budgets dorthin gehen, wo er gebraucht wird, aber es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass man auch mit wenig Geld viel machen kann, wenn man es richtig leitet. Dafür braucht man einfach Leute, die verstehen, wie man das nutzen kann, und es ist ja nicht nur das Geld, viele Dinge können unterstützend sein: Räumlichkeiten, zum Beispiel. Ein Staat, der alle Möglichkeiten hat, sollte gut darüber nachdenken, was damit zu tun ist und Strategien finden, Arbeitsplätze und so weiter zu schaffen – mit bescheidenen Mitteln. Natürlich beginnt das mit den Initiativen von uns allen, aber irgendwann braucht man jemanden – und das wurde auch gestern im Gespräch gesagt – irgendwann braucht man den Staat der koordiniert und hilft, sonst stirbt die Initiative wieder.

P: Im September eröffnen Sie in der Neuen Galerie im Museum Krems am Körnermarkt eine Ausstellung – wie ist diese Idee entstanden?

DS: Globart hat mich zum Gespräch eingeladen und mich gleichzeitig gefragt, ob ich interessiert an einer Ausstellung wäre. Ich habe zugesagt, da es für mich sehr spannend ist, hier in der Mitte Europas zu sein, in Wien, mit der Möglichkeit, wirklich über mein Werk zu sprechen. Es ist notwendig, über die Arbeit zu sprechen – ein notwendiges Übel, denn kein Künstler spricht gern über seine Kunst. Aber wir zeigen sie gerne, denn dabei bekommt man feedback. Also freue ich mich darauf, tatsächlich meine Arbeit hier zeigen zu können und Rückmeldungen darauf zu erhalten, das wird sehr spannend. Ich arbeite gern in einem speziellen Kontext: Der Kontext des Raums, die Bedingungen – ob physisch oder kontextuell. Ich werde also den Raum ansehen und wir werden zusammen darüber sprechen, was sich anbietet, was Sinn macht, hier zu zeigen. Immer, wenn ich meine Arbeit zeige, versuche ich Dinge einzubeziehen: Kontext, Raum und so weiter. Wir werden sehen, ob ich eine neue Arbeit zeige oder eine bestehende adaptiere.

P: Wäre es interessant für Sie, etwas über die Griechenlandkrise zu zeigen und damit die andere Seite der Medaille, da wir im Norden eben diese sehr falschen Vorstellungen von der Situation in Ihrer Heimat haben?

DS: Ja, auf alle Fälle, aber es kommt eben auf sehr viele verschiedene Dinge an. Selbst wenn es nicht jetzt passiert, wäre es sehr spannend damit zu arbeiten – vielleicht sogar mit einer Gruppe von Künstlern, die man aus verschiedenen Nationen zusammenbringt, aus Süd- und Nordeuropa, so wie ich es jetzt gerade für eine Ausstellung für „Vital Space“ zusammenstelle, die heuer in Athen gezeigt wird. Ich werde versuchen, die verschiedenen Positionen in einen Dialog zu setzen, Künstler aus Athen und Künstler aus Europa, aus Spanien, der Türkei und vielleicht jemanden aus Österreich – es wird spannend, was in diesem Kontext entstehen kann.

Ein anderes spannendes Projekt ist die Weiterführung von „It’s Time to open the Black Boxes“. Ich möchte das auch mit anderen Nationen versuchen. Das originale Projekt war ein griechisches, aber ich denke, dass es auch in Österreich spannend sein könnte, die Hoffnungen und Ängste der Menschen durch Kunst sichtbar zu machen. 

Die Ausstellung "It’s Time To Open The Black Boxes" läuft vom 9. September bis 26. Oktober 2016.

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