curated by_Vienna 2016 – Diedrich Diederichsen im Interview

08.09.16

Heute abend eröffnet das Galerienfestival und geht damit in die bereits 8. Runde. Von 9. September bis 15. Oktober zeigen die teilnehmenden Galerien ein von internationalen Kuratoren und Kuratorinnen zusammengestelltes Programm. Das diesjährige Festivalthema „Meine Herkunft habe ich mir selbst ausgedacht“ stammt von dem Autor, Journalist und Kulturkritiker Diedrich Diederichsen, der in diesem Jahr eingeladen wurde den titelgebenden Essay zu schreiben. „Meine Herkunft habe ich mir selber ausgedacht“ thematisiert nicht nur den zunehmenden Feudalismus in der Kunstszene, sondern vor allem die Neuerfindung von Vorläuferschaften, den selbsternannten „Großvätern“. Während die Avantgarde stets nach Innovation strebte, wird die gegenwärtige Kunst von Aneignungen, Hommagen, Referenzen und Zitaten geprägt. Warum? 19 Galerien haben 19 Kuratoren bzw. Kuratoren-Dou’s eingeladen, zu diesem Thema insgesamt 19 Ausstellungen zu kuratieren. Sabrina Möller hat bereits im Vorfeld mit Diedrich Diederichsen über diese Entwicklungen und seinen Essay gesprochen.

Sabrina Möller: „Meine Herkunft habe ich mir selber ausgedacht“ ist der Titel der diesjährigen Ausgabe von curated by_vienna. Auf welcher Motivation beruht Ihr titelgebender Essay? Warum ist das Thema künstlerischer Traditionslinien und künstlerischer Bezugnahmen aktuell so relevant?

Diedrich Diederichsen (Foto: © privat) Diedrich Diederichsen: Das diesjährige Thema von curated by_vienna beginnt mit  
 Fragen von Lehre und Vermittlung von Disziplinen und Traditionslinien. Fragen, mit  
 denen ich mich schon lange beschäftigt habe. In gewisser Weise war dieses Thema in
 den vergangenen Jahren immer wieder präsent: Bei jeder größeren Ausstellung — wie
 der Venedig-Biennale oder der documenta — haben sich die Kuratoren gerne auf
 radikale Vorbilder aus der Großvätergeneration bezogen, da gab es eine Fülle von Wieder- oder Neuentdeckungen. Zugleich gibt es eine verbreitete Kritik, dass niemand heute mehr radikal genug ist und „Vatermorde“ begeht, also einen Bruch der Traditionslinien anstrebt. Stattdessen rückt eine Strategie an die Stelle des „Vatermordes“, sich einen „Großvater“ selbst auszusuchen.

Woran liegt es, dass die gegenwärtigen Generationen nicht mehr so „wild“ oder so radikal sind, wie einst die Avantgarde?

Ist es wirklich wild, sich auf diese ödipalen Dynamiken einzulassen? Aus heutiger Sicht wirkt es doch ziemlich peinlich mit welchem rhetorischen Bombast relativ banale Generationswechsel als Umbrüche inszeniert wurden. So wie im Manifest von „Opas Kino ist tot“: Diese Art von Manifesten hatten damals mit herrschenden, patriarchalischen Strukturen zu tun. Ihr Verschwinden hat allerdings positive wie negative Aspekte. Positiv ist, dass davon ausgehend eher ein reflektiertes künstlerisches Handeln stattfinden muss, das sich nicht auf den ödipalen Automatismus verlassen kann. Daher stehen intellektuelle und konzeptuelle Praktiken im Vordergrund. Negativ ist hingegen, dass sich in einem Kunstfeld ohne Vatermord-Ethik der ohnehin inhärente Hang zu Feudalismus und Familienprotektion ausbreitet. In New York etwa fällt auf, dass heute praktizierende Künstler_innen oftmals selbst Kinder von Galerist_innen oder Künstler_innen sind. 

Inwieweit ist das problematisch? Und wie wirkt sich diese Form des Feudalismus auf die Kunstproduktion aus?

Es ist eine Klassengesellschaft, nur noch etwas schlimmer als die bürgerliche Klassengesellschaft, in der wir sonst leben. Für die Kunstproduktion heißt das: Es hat etwas Verengendes. Außerdem stehen damit natürlich mehr oder weniger inhaltliche Probleme in Verbindung; nichts ist so langweilig wie das Seelenleben der Herrschenden und ihrer Kinder. Noch in den 80er-Jahren gab es eine Reihe von Künstlerbiografien, die nichts mit diesen Familien zu tun hatten. Das führt dazu, dass eine Klasse ihre eigenen Regeln etabliert. Künstlerische Entwicklungen werden dadurch sehr vorhersehbar.

Die Anspruch der Avantgarde neben dem Fortschrittsgedanken — war es auch, Traditionslinien zu kappen. Sie bemängeln in Ihrem Text jedoch, dass die darauf folgende institutionelle Umwälzung nicht im gleichen Tempo stattgefunden hat. Dadurch gilt heute noch – insbesondere in Wien – das Prinzip der Meisterklasse in den Kunstakademien. Inwiefern beurteilen Sie die Meisterklassen als problematisch?

Die Meisterklassen tragen dazu bei, die Traditionslinien zu personalisieren oder psychologisieren. Das System der Meisterklassen bildet für die Lehre eine Art Personen-Interface. Natürlich gibt es gute und schlechte Meisterklassen. Doch Fakt ist: Man muss eine Person studieren; man muss sich auf einen anderen Menschen einlassen. Dadurch wird das Erlernte automatisch auf diese Person bezogen. Eine spätere Loslösung erfordert dann, dass man diese Person „umbringt“. Und das wiederum geht eigentlich nur mittels einer intellektuellen Auseinandersetzung. Hier wird es aber eine regressive Auseinandersetzung – man empfindet etwas als persönlich, was gar nicht persönlich ist. Man käme intellektuell sicher weiter, wenn das System nicht so aufgebaut wäre.

Kämpfen Sie für eine Abschaffung der Meisterklassen?

Früher habe ich mich viel dafür eingesetzt, inzwischen habe ich aufgegeben. Man kommt mit diesen Forderungen einfach nicht durch. Nicht nur die Lehrenden wollen das System aufrechterhalten, sondern auch die Studierenden. Es ist ein populäres System und eine Person ist oftmals leichter verständlich als ein Gedanke. Zumindest glauben das viele. Es gab mal eine Phase, in der es möglich schien, das System abzuschaffen. Einige Akademien haben das zu der Zeit teilweise geschafft, doch heute sehe ich keine Chance mehr.

Ist die Bezugnahme auf Künstler bzw. auf die Kunstgeschichte wichtig?

Wir haben zwei oder drei Jahrzehnte hinter uns, in denen diese Auseinandersetzung mit historischen Positionen allgemein als sehr wichtig eingeschätzt wurde. Die Kunst war voll von Referenzen. Ob ironisch oder solidarisch: Man hat sich darauf bezogen, dass man nicht am Anfang der Welt steht, sondern man sich auf vorheriges bezieht. Diese Vorgehensweise ist in den Ausstellungen der vergangenen Jahre sehr stark geworden. Mittlerweile geht es aber nicht mehr ausschließlich um Künstler der Vergangenheit, sondern darüber hinaus um Wissenschaften, Naturwissenschaften ebenso wie Gesellschaftswissenschaften. Allerdings muss das mehr sein als nur die Bezugnahme oder Nennung. Ansonsten bleibt ein Ausstellen von Bildungswissen.

bis 15. Oktober 2016
 

 

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