Carla Filipe & Radhika Khimji | Politische Brisanz bei Krinzinger Projekte

10.07.17
Radhika Khimji, House breast (Detail), 2017, 20 x 36 cm, ink and digital transfer on paper, Krinzinger Projekte © Daniel Brezina

Die Galerie Krinzinger zeigt in ihrer Dependance Werke von Carla Filipe und Radhika Khimji, die im international angelegten Artist-in-Residence Programm 2017 entstanden sind. Die formal sehr unterschiedlichen Arbeiten werden vor Ort in zwei Einzelausstellungen unter dem Dach von Krinzinger Projekte zusammengezogen.

Teil des Chaos

Die Werkserie "Be Part of Chaos" der portugiesischen Künstlerin Carla Filipe (*1973) setzt bereits im Titel einen explizit politischen Imperativ. Eine heterogene Gitterstruktur überzieht die sieben großformatigen Stoffbahnen, die sich von der Decke des Ausstellungsraumes bis zum Boden erstrecken: Man erkennt darin die Kanaldeckel Wiens. Es sind dies vertraute Momente heimischer Urbanität, die über das Verfahren der Frottage Eingang in die Bildträger finden. Street Art expressis verbis. Das grelle Kolorit des aufgetragenen Acrylsprays befördert zusätzlich den Konnex zum öffentlichen Raum und nutzt die subkulturelle Formensprache des Graffitis.

Versucht man die Bedeutungsebenen der Arbeiten Filipes weiter offen zu legen, schlägt die Vertrautheit bekannter Formen jedoch bald in ein befremdliches Reflexionsmoment um. Collagierte Satzfragmente aus internationalen Zeitungen werden, aus ihrem syntagmatischen Zusammenhang gelöst, neu zusammengelesen und treten nun Assoziationen in den Betrachtern los. Die aktuellen Banalitäten heimischer Innenpolitik ("Kern zwischen Dämpfer und Aufwind") reihen sich dabei nahtlos an die bedrückenden Schlüsselwörter unserer Zeit ("Bombe", "Attentat", "Terror"). Daneben befinden sich Bilddokumente kapitalistischer Entfremdung neben hochpolierten Werbeanzeigen des Boulevards. Die darüber in verwaschenen Zügen applizierten Buchstaben lassen sich schließlich zu den jeweiligen Werktiteln zusammensetzen. Benennungen wie "identity is not inherited, it is voted" oder ":) we never will be safe" legen hier mit einer gehörigen Portion Ironie den Finger auf die Wunden unserer Zeit. Wir verstehen die rhetorische Figur und lächeln, dabei täuschen wir uns nur oberflächlich darüber hinweg tatsächlich bereits selbst konstitutiver Teil des Chaos zu sein.

Gestalten im Werden

Die von Radhika Khimji (*1979) installierten Holzwände fassen die in der zweiten Ausstellung präsentierten Werke zu einem Gesamtkonzept zusammen. Erstmals wird damit im Œvre der Künstlerin explizit die bewusste räumliche Positionierung der Betrachter thematisiert. Auf Werkebene wirken die Formen und Gegenformen sowie zahlreiche formale Echos wie Gelenkstellen, welche die verschiedenen mixed-media Arbeiten raumübergreifend aneinander binden. Die Ausstellung erhält so eine stark prozessuale Komponente, die sich auch im Titel "Becoming Landscape" widerspiegelt. Einige der Einzelwerke, wie beispielsweise "Circles" und "Mountain Building", werden entlang der Galeriewand zu assoziativen Einheiten gruppiert. Ähnliches gilt auch für die beiden Teile der anthropomorphen Silhouette "Benjamin" im mittleren Teil der Ausstellung, wodurch deren Sinngehalt über die bloße Einzelerscheinung hinaus befragt werden kann. Die Sujets der im Oman geborenen Künstlerin kreisen dabei stets um das konstruktive Moment von Landschaft (thematisiert werden hier die zahlreichen Großbaustellen des Oman) und Formen weiblicher Körperlichkeit. Der Konflikt von Identität und Konstruktion wird dabei im Werk bis in die feinen Nuancierungen der verschiedenen Oberflächenstrukturen hin ausgetragen. Haptik und zerklüftete Textur der teils benähten Bildoberflächen sind deshalb auch inhaltlich besetzt. Von Farbe aufgeweichtes, zerrissenes Papier stellt die symbolische Fragilität des Bildgegenstandes aus. Die in den Werken der Künstlerin erstmals eingesetzten fotografischen Transfers sind meist fragmentiert oder beschädigt. Diese mitunter sehr abstrakten, fragilen Partien werden an anderer Stelle mit opaken, tiefschwarzen Flächen kontrastiert, die wiederum geschlechtliche Konnotationen und prekäre Semantiken des Weiblichen eröffnen.

Obwohl vor Ort kein expliziter Dialog zwischen den beiden Einzelausstellungen entsteht, lässt sich die kritische Aktualität dieser politisch geladenen Werkkomplexe als lose inhaltliche Klammer der Präsentation deuten.

Carla Filipe: Be Part of Chaos / Radhika Khimji: Becoming Landscape
bis 5. August 2017

Ort: 
Autor: