Camille Henrot im Interview

12.05.17
Camille Henrot, Tuesday (Video Still), 2017

Die französische Künstlerin Camille Henrot (*1978) lebt und arbeitet in Paris und New York. Ihre Einzelausstellung "If Wishes Were Horses" ist derzeit in der Kunsthalle Wien zu sehen und steht in Relation zu ihrer Ausstellung im Palais de Tokyo (Oktober 2017), für die sie die Carte Blanche erhalten hat. Sabrina Möller traf Henrot und sprach mit ihr über die Ausstellung, die Hintergründe und was uns in Paris im Herbst erwartet.

 

In deiner Ausstellung "If Wishes Were Horses" konzentrierst du dich auf binäre Machtstrukturen. Wie kam es zu der Auseinandersetzung mit dieser Thematik? Gab es einen Ursprungsmoment, der das Konzept der Ausstellung grundlegend bestimmt hat?

Diese Ausstellung in der Kunsthalle Wien ist Teil eines größeren Werkkomplexes, der im Oktober im Palais de Tokyo präsentiert wird. Es wird thematisiert, inwieweit die Wochentage als ein organisatorisches Prinzip für unseren Alltag fungieren könnten. Diese Auseinandersetzung ist auch von dem mythologischen Glauben inspiriert, dass jeder Tag der Woche einem anderen Planten zugeordnet wird: der Montag dem Mond, der Dienstag dem Mars und der Mittwoch dem Merkur,… Mich hat interessiert, inwieweit sich dieses Konzept mit unserem gegenwärtigen Umgang mit Zeit verbinden lässt. Es scheint, als ob wir in unserem digitalen Zeitalter in einem Modus sind, in dem Arbeit und Freizeit bzw. Ruhephasen komplett miteinander verflochten sind. Vielleicht könnte die Idee, einen bestimmten Tag mit einer bestimmten Aktivitäten oder einem bestimmten Thema zu verbinden, diesen Zustand verbessern.

Inwieweit thematisierst du mit deiner Arbeit unsere gegenwärtige Gesellschaft, und insbesondere auch die Machtstrukturen in den USA, wo du derzeit lebst?

Aktuell ist es schwierig, Kunst zu machen. Viele Künstler haben das Gefühl, auf die gegenwärtige politische Situation reagieren zu müssen. Aber wenn man beginnt, über diese Themen zu sprechen, gibt es plötzlich nur mehr sehr wenig Raum um eine ambivalente Position einzunehmen. Mein Umfeld hat die gleichen Ansichten wie ich, wodurch der Drang, eine Debatte anzuregen, relativ klein ausfällt: Wir sprechen nur in unserer „Blase“ miteinander. Das ist vermutlich auch der Grund, warum die Wahlergebnisse in den USA für viele so überraschend waren. Jeder in meinem Umfeld, und auch mein gesamtes Netzwerk in sämtlichen Social Media Kanälen war davon überzeugt, dass Hillary Clinton gewinnt. Und das ist zugleich das Problem: Wenn wir alle — oder dein Umfeld — die gleichen Werte und Überzeugungen teilen, beginnst du zu glauben, dass die Welt ist, in der wir leben. Eine Welt voller Toleranz, Akzeptanz und Feminimus… doch dann ganz plötzlich explodiert diese Blase und du realisiert, dass die Gruppe viel kleiner als gedacht hast. Dennoch haben die Proteste gegen Trump haben bewiesen, dass diese Gruppe an sich nicht klein ist, sondern lediglich viele dieser Menschen — die diese Ansichten teilen — nicht wählen dürfen. Weil sie keine US-Staatsbürgerschaft haben, kein Visum — oder weil sie vielleicht einfach nicht wählen gegangen sind. Erst kürzlich fand ich heraus, dass viele Menschen, die ich kenne, in Frankreich noch nie gewählt haben. Das sind beispielsweise Künstler, die ihre Ansichten zwar durch ihre künstlerische Praxis vermitteln, aber dennoch nicht wählen gehen. Wir müssen versuchen herauszufinden, welche Maßnahmen wir ergreifen können. Das ist die große Frage, die jeder gerade für sich zu beantworten versucht. Ich habe darauf keine Antwort, ich habe nur Fragen.

Muss Kunst politisch sein? Und wenn ja, inwieweit? Diese Diskussion kam in den letzten 1-2 Jahren immer wieder auf. Auch ich habe den Eindruck, dass diese Diskussion fast schon überflüssig geworden ist. Mehr und mehr Künstler drücken künstlerisch ihre politische Position aus. Und nicht nur Künstler.

Ich denke es gibt da keine Auflagen oder Verpflichtungen. Es wäre falsch von Künstlern zu erwarten, dass sie klare, politische Meinungen ausdrücken müssten. Es wäre viel effektiver Menschen dazu anzuregen, anders zu denken; sie aus ihrer Komfortzone zu locken. Für Künstler und Kunstkritiker ist es wichtig sich weiterhin bewusst zu sein, dass die Kunst und Künstler ihre eigene, spezifische Sprache haben. Ihre Aufgabe ist es nicht, andere Menschen zu repräsentierten oder für sie zu sprechen. Sie sollten nicht die Lösung und die Antwort auf unsere Fragen sein, auch wenn sie natürlich durchaus Lösungen anbieten können. Kunst ist wie ein Untertitel. Sehr komplex.

Deine Arbeit "Tug of War" bildet das Zentrum der Ausstellung. Übersetzt bedeutet der Titel der Arbeit "Tauziehen". Beim Tauziehen gibt es immer zwei Teams, die in entgegensetze Richtungen ziehen. Hier in der Ausstellung hingegen kann niemand den Kampf gewinnen, weil eine Position von Beginn an ausgeschlossen wird.

Die Arbeit aufzubauen, war ein wirklich interessanter Prozess. Es war durchaus ein gewisser Kampf. Auch wenn der Titel der Arbeit sich auf das Tauziehen bezieht, ist es natürlich kein real stattfindender Kampf. Vielmehr ist es eine gewisse Hyperstabilität, denn die Funktion eines Zopfes ist es, die Haare zu stabilisieren, damit die einzelnen Strähnen nicht umherfliegen. Das Haar wird in der Geschichte immer wieder mit Sexualität assoziiert. Es kann aber auch ein Zeichen von Unterdrückung und Kontrolle sein. In einigen Kulturen steht das geflochtene Haar einer Frau zum Beispiel dafür, dass sie verheiratet ist.

Ich bin auch sehr an der Herkunft des englischen Wortes "Braid" (dt. Zopf) interessiert: an dem Brot, das geflochten wird. Und "Braid" und "Bread" sind zwei sich ähnelnde Worte. Interessanterweise wird "Bread" im Französischen mit "Pain" übersetzt, was im Englischen wiederum Schmerz bedeutet. Es gibt verschiedene Bedeutungsebenen für den "Zopf" (Braid) und das macht es spannend. Man kann die Herkunft des Namens "Französischer Zopf" (engl. French Braid) ursprünglich in Nordafrika verorten.

Vielleicht gerade deswegen assoziiere ich einen Zopf oder die geflochtene Form mit weichen Materialien. Du hast für deine Arbeit "Tug of War" hingegen starke Seile und Metallketten zum Flechten verwendet. Warum?

Ich assoziiere den französischen Zopf mit einer eher schmerzhaften Geschichte. Viele Kinder erinnern sich an den Schmerz, den sie verspürten, wenn an ihren Haare gezogen wurde, damit sie dann geflochten werden können. Einerseits steht der Zopf für ein gewisses Kontrollinstrument, andererseits kann es ein Symbol für eine Familie sein. Für mich persönlich ist der Zopf anthropologisch sowohl positiv als auch negativ besetzt. In meiner Arbeit "Tug of War" werden diese komplexen Assoziationen durch die physikalischen Einschränkungen festgehalten: denn man kann mit einer Metallkette nicht wirklich flechten, aber durch das Flechten wird die Härte des Materials von einer gewissen „Softness“ ausbalanciert.

Wenn man deine Ausstellung besuchen möchte, muss man sich zuvor die Schuhe ausziehen. Eine Bedingung, die den Besuchern eine neue Körpererfahrung im Ausstellungsraum ermöglicht. Irgendwie ist das Ausziehen der Schuhe etwas sehr persönliches in einem öffentlichen Raum und verunsichert. Man muss sich sehr konzentrieren, um sich auf dem weichen Grund zu bewegen und die Balance zu halten. Was ist deine Intention hinter den Matten bzw. der Wahl des weichen Grunds?

Ich mag die Idee, dass man ohne Schuhe eine Ausstellung betritt. Ein Raum, der ein bisschen mit dem Gewohnten bricht — wie eine Bücherei, oder ein Krankenhaus. Und ich mag auch den weichen Grund. Für die Besucher ist es interessant sich aus dieser unstabilen Position auf dem weichen Grund den Strang, als Symbol von Kontrolle, zu betrachten. Ich habe mich auch gefragt, was für einen Einfluss das Laufen auf einem weichen Grund — im Vergleich zu einer harten Straße — hat, und auch die Bewegung eines Objektes.

Ich habe mit dem Soundtrack und den Slow Motion Elementen in deinem Video "Tuesday" umgehend Soft-Porn assoziiert.

Während ich die Arbeit produziert habe, hab ich darüber nicht nachgedacht. Ich mag die Idee von Songs, die nicht richtig anfangen oder enden, und die keine Höhepunkte haben. Viele Leute haben nicht realisiert, dass der Film in Slow-Motion präsentiert wird — und das ist wirklich witzig. Aber vermutlich ist dem so, weil alles langsam ist: die Musik und die Bilder. Dadurch nimmt man die Langsamkeit als etwas natürliches wahr. Und diese Langsamkeit verleiht der Ausstellung eine gewisse "Softness".

Für deine Ausstellung im Palais de Tokyo hast du die Carte Blanche erhalten. Was genau erwartet die Besucher?

Die Ausstellung wird entsprechend der Wochentage strukturiert sein. Ich werde mich auf Ideen von Abhängigkeiten konzentrieren, sowie die Art und Weise, wie das menschliche Dasein von Bedürfnissen, Frustrationen und Wünschen geprägt wird. Und inwieweit diese verschiedene Typen von Abhängigkeiten — egal ob Familie, Internet, Medikamente, Religion oder Sport — einander ersetzen können. Die Ausstellung setzt sich auch damit auseinander, welche die Rolle temporale Strukturen in diesen Zusammenhängen spielen.

Vielen Dank!

Camille Henrot. If Wishes Were Horses
bis 28. Mai 2017

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