Burhan Doğançay | Albertina

10.04.17
Burhan Dogancay Eddie, 1965 Gouache auf Karton, Albertina, Wien © Dogancay Foundation

"Eine geheime Schrift"

Die Albertina zeigt eine Auswahl von Arbeiten auf Papier des türkisch-amerikanischen Künstlers Burhan Doğançay, die durch eine Schenkung in den Besitz der Grafischen Sammlung übergegangen sind. An den annähernd 60 Werken lassen sich Werkgruppen und stilistische Entwicklung des 2013 verstorbenen Künstlers ablesen.

Als Vertreter eine Generation, die im Istanbul der 1930er und 1940er Jahr aufwuchs, war das Ziel seiner künstlerischen Interessen klar: Paris. Neben dem Studium und seiner Tätigkeit im diplomatischen Dienst erhielt er die Anregungen und Inspirationen, die ihn darin bestärkten, ab den 1960er Jahren, nunmehr in den USA, eine kompromisslos der künstlerischen Arbeit gewidmete Karriere zu starten. Doğançay verschrieb sich in seinem graphischen und malerischen Werk einer offenen Herangehensweise: die Wirklichkeit, gelebter und gesehener Stadtraum, Eindrücke von seinen vielen Reisen, Bilder Anderer, Sgraffitos, Mauerkritzeleien, Plakate und Werbeschriften werden in seine eigene künstlerische Sprache übergeführt. Doğançay ist nicht Schöpfer, sondern Dokumentarist und Interpret eine Wirklichkeit, die ihm jederzeit und überall begegnet. Und in der ihm die kleinsten Details wie auch die auffallendsten Eye-Catcher Anlass für eigene Bildschöpfungen sein können.

In der Ausstellung in der Albertina wird ein kleiner, aber sehr symptomatischer Ausschnitt aus dem Werk des Künstlers gezeigt. Wesentliche Hauptwerke dieses vielleicht bedeutendsten türkischstämmigen Künstlers seiner Generation verwahrt und präsentiert die in Istanbul in einem schönen Stadthaus untergebrachte Stiftung. Dort wie da sind es Einblicke in die großen, vielteilig angelegten Serien, die einen Überblick über die Bandbreite der stets stilllebenhaft anmutenden Werke garantieren. Die "Walls" oder "Ribbons" ebenso wie die "Cones" beziehen sich auf Gesehenes aus der realen Umgebung des Künstlers, die als Wandzeichnungen, Bänderstudien und zu Bildern von zu Stanitzeln zusammengerollten Plakatabrissen werden. Schon seit den 1960er Jahren formulierte Doğançay medienkritische Aspekte in seinen Arbeiten, verwertete Fotografien oder Textfragmente, integrierte gefundenes Material in seine eigenen Kompositionen. Immer entstanden Bilder und graphische Blätter, die an Kalligraphie erinnern können oder an beschriebene Tafeln, an bezeichnete Wände oder verwitterte Billboards. "Eine geheime Schrift" könnte man seine Bilder mit dem iranischen-niederländischen Autor Kader Abdolah nennen, der über einen Text berichtet, der seine Rolle zwischen Entstehungsort und Exil sucht und der nur schwer zu entschlüsseln ist. Geschichten, die aus mündlicher Überlieferung allmählich zu schriftlichem Erbe werden, changieren zwischen Vergangenheit und Gegenwart und siedeln in den Sphären der Imagination. So ähnlich übermittelt Doğançay seinen Bilderschatz an die Betrachter: sie sind Nachrichten und Bilder aus Zeiten und Gegenden, über die er in "geheimer", weil ihm eigenen, Codierung erzählt. Und sie eröffnen einen Interpretationsraum zwischen der Wahrnehmung von Realität und dem Eintauchen in die Imagination. Gerade die graphischen Blätter zeichnen sich durch eine subtile Poesie aus, Collagen und "Fumagen" (mit Kerzenruß geschwärzte Bildteile) erweitern den dieser Technik normalerweise eigenen Montage- und Konstruktionscharakter ins Lyrische. Wie Gedichte lassen sie Bedeutung zwischen den Zeilen zu, integrieren Leerstellen und assoziative Andeutungen in den Gesamteindruck.

Burhan Doğançay mag hierzulande wenig bekannt sein; Galerien und private Sammlungen wie auch Museumsausstellungen und Auszeichnungen waren immer auf die USA, auf die Türkei, auch auf die Schweiz und Deutschland konzentriert. Eine Entdeckung des Meisters zwischen den Welten, zwischen Zeichnung und Malerei, zwischen Adaption und Phantasie, zwischen Interpretation von Gefundenem und Schöpfung von Eigenem lohnt sich anhand der Albertina-Ausstellung allemal.

New Acquisitions & Contemporary Art
6. Juli bis 1. Oktober 2017

Im Rahmen der Ausstellung New Aquisitions & Contemporary Art wird eine Auswahl der Arbeiten von Burhan Doğançay der Öffentlichkeit vorgestellt und ein Katalog präsentiert.

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