Baum und Busch und Tier und Berg – Dresdens Reichtum

25.10.16

Schon früh sammelten die sächsischen Kurfürsten flämische Landschaftsgemälde. Jetzt sind die „Paradiese auf Erden“ in einer großen Ausstellung zu sehen.

Bewundert wurden die Niederländer schon im 16. Jahrhundert für ihre Landschaften. Nicht für die realen, sondern für die gemalten. Selbst Michelangelo soll sich zu ihnen geäußert und ihre Eigenart erkannt haben. „Ferner malen sie grüne Felder, schattige Bäume, Brücken und Flüsse und was sie so Landschaften nennen, und dazu viele lebhaft bewegte Figuren, hierhin und dorthin verstreut.“ Allerdings soll er diese Malerei nicht besonders geschätzt haben, denn er meinte, dass sie nur jenen gefallen würden, die von wahrer Kunst nichts verstünden: sehr junge und sehr alte Frauen sowie Mönche und Nonnen.

Tempi passati - nicht erst heute steht die niederländische und flämische Landschaftsmalerei gleichberechtigt neben anderen Werken ihrer Zeit. Die sächsischen Fürsten waren immer von ihr begeistert. Schon 1587, direkt nach der Gründung der kurfürstlichen Kunstkammer in Dresden, kaufte Kurfürst August „16 Schöne Gemalete täflein“ bei dem Amsterdamer Künstler Hans Bol (1534-1593). Acht von ihnen befinden sich noch heute in den Sammlungen und sind jetzt Teil der Ausstellung „Das Paradies auf Erden. Flämische Landschaften von Bruegel bis Rubens“. Insgesamt besitzen die Dresdener Sammlungen 400 Gemälde flämischer Maler, darunter 160 Landschaftsbilder.

In der aktuellen Ausstellung zeigen sie nicht einfach, was sie alles besitzen, sondern setzen den Fokus auf die Entwicklung der flämischen Landschaftsmalerei. Denn die lässt sich anhand der Sammlung bestens vorstellen, zumal Dresden nicht nur Gemälde sondern auch Zeichnungen und Druckgrafik in seinem Bestand hat. „Die Dresdner Sammlung zählt weltweit zu den bedeutendsten ihrer Art, ist jedoch in der Vergangenheit wenig gewürdigt und kaum ausgestellt worden. Ihre umfassende Untersuchung und wissenschaftliche Bearbeitung sowie die Restaurierung von mehreren Hauptwerken kommen einer Wiederentdeckung gleich“, heißt es in der Ankündigung zur Ausstellung, die in der Kunsthalle im Lipsiusbau bis 15. Januar zu sehen ist.

Vor himmelblauen Wänden sind nun 75 Gemälde aus dem Bestand der Gemäldegalerie Alte Meister und 20 Leihgaben aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, dem Königlichen Museum der Schönen Künste Antwerpen, dem Rijksmuseum Amsterdam und anderen bedeutenden europäischen Sammlungen zu sehen. Dazu kommen 30 Zeichnungen und 20 Druckgrafiken aus dem Kupferstichkabinett und eine zeitgenössische Arbeit: die Kamerafahrt durch ein Waldstück von David Clearbout.

Die Vorstellung großer Vielfalt in der Landschaftsmalerei gelingt anhand der hervorragenden Sammlung durchaus. Es gibt Gemälde von Roelant Savery, von Gillis van Coninxloo, Lucas van Valckenborch, Peter Bruegel d.Ä. und Jan Brueghel d.Ä., Joos de Momper, um nur einige zu nennen, deren Blick auf die Landschaft individuell und überaus vielfältig war. Denn auch wenn die Landschaft eine bedeutende Rolle im Bild spielte, durfte sie noch nicht alleinige Darstellerin sein. Auf Jan Brueghels d.Ä. „Die Schlacht der Israeliten gegen die Amalekiter“ von 1602 kämpfen Hunderte auf einer Hochebene am Waldrand. Roelant Savery versammelt auf seinem 1620 entstandenen Gemälde „Vor der Sintflut“ auf einer Lichtung mehr als 100 Tiere, die „genau beobachtet und anatomisch meist so akkurat und detailliert wiedergegeben (wurden), dass sie zoologisch bestimmbar sind“, schreibt Kunsthistorikerin Konstanze Krüger im ausstellungsbegleitenden Katalog.

Diese Vielteiligkeit im Ausstellungsrundgang zu erfassen, ist allerdings schier unmöglich, zumal viele Gemälde eher klein sind. Eine didaktisch kluge, unaufdringliche aber die Besonderheiten hervorhebende Ausstellungsgestaltung wäre daher sehr wünschenswert gewesen. Denn das Nebeneinanderhängen verschiedener Bilder füllt zwar die Ausstellung, lässt den Besucher aber doch ziemlich allein in Landschaften voller kleinstteiliger, oft religiöser Motive und vieldeutiger Anspielungen.

Immerhin gibt es zwei Filme zur Ausstellung, die die Restaurierungsarbeiten erklären - einer wird in der Ausstellung gezeigt, ein weiterer ist im Internet abrufbar. Denn alle Dresdner Landschaftsgemälde wurden für den ersten Bestandskatalog strahlendiagnostisch, dendrochronologisch, mikroskopisch untersucht und neu vermessen. Zwölf mussten in Vorbereitung der Ausstellung restauriert werden. „Die meisten Gemälde sind in einem guten Zustand. Das größte Problem sind die Firnisvergilbungen“, sagt Christoph Schölzel, Restaurator in der Gemäldegalerie Alte Meister. Sein Kollege Axel Börner widmete sich der Reinigung und Untersuchung von Roelant Saverys „Vor der Sintflut“, einem Gemälde voller Tierdarstellungen, das allerdings wegen des stark vergilbten Firnisses seit langem nicht mehr ausgestellt wurde. Jetzt ist es gereinigt und zeigt wieder, was für ein hervorragender Tiermaler Savery war.

bis 15. Januar 2017

Katalog (Sandstein Verlag): 28 Euro, (im Buchhandel: 39,80 Euro)

Ort: 
Autor: