Banalität des Bösen

03.08.15

Die fulminante Schau der US-Fotografin Lee Miller in der Albertina

Wenn Künstlerinnen und Künstler einen sehr aufregenden Lebenslauf haben, so ist die Verführung groß, diesen in den Vordergrund zu rücken. Leider gerät darob manchmal die Auseinandersetzung mit dem Werk ins Hintertreffen.

Die erste große Österreich-Präsentation der Fotografin Lee Miller (1907-1977), die Walter Moser in der Albertina kuratierte, dagegen ist kunsthistorisch fundiert. Sie beginnt mit Millers Kollaborationen mit Man Ray um 1930, mit ihren Solarisationen, Porträtfotografien und anderen frühen Werken. Die Radikalität der gebürtigen Amerikanerin, die später in Paris und England lebte, verblüfft dabei, schon in diesen frühen Jahren: So serviert sie in einer Fotografie Fleischbrocken auf Tellern – erst der Blick auf den Titel klärt darüber auf, worum es sich hier handelt: Es sind abgetrennte Brüste. Miller spitzt so die im Surrealismus  beliebte Fragmentierung des weiblichen Körpers enorm zu und gelangt damit zu einer parodistischen Aussage.

Später fotografierte sie in London, der 2. Weltkrieg war schon über Europa hereingebrochen, für die „Vogue“. Sie ging mit ihren Models genau dort hin, wo der Krieg am sichtbarsten wurde, ließ ihre Modelle zwischen zerbombten Häusern posieren. Bald verschwanden sie überhaupt, und Millers Kamera fing ein Loch in einer Schaufensterscheibe ein, dessen Umriss wie jener einer Figur, eines Geistes aussieht, oder sie bildete eine Kapelle ab, aus deren Tor ein Haufen Ziegelsteine quillt –so, als würde sie diese ausspeien. Hier zeigt sich, wie sie weiterhin surreale Techniken anwandte.

Die Ausstellung strukturiert ihr Material sinnvoll. Im ersten Raum finden sich Millers Arbeiten aus dem surrealistischen Umfeld; die großteils eher konventionellen Fotos aus ihrer Zeit in Ägypten zeigt man in dem Saal nebenan, und jene Fotos, für die sie berühmt wurde, in dem schmalen Raum hinter der Eingangshalle. Eine gute Entscheidung, denn diese Werke stellen in jeder Hinsicht einen radikalen Bruch dar. Es sind jene Fotos, die nach der Befreiung von Nazideutschland entstanden. Miller hatte schon von der französischen Front berichtet, hatte sich – völlig unüblich für eine Frau – den Soldaten angeschlossen und Bombardements fotografiert. Weitaus schlimmer war das Grauen allerdings in den gerade erst befreiten KZs Dachau und Buchenwald. Als sie, einen Tag nach der Befreiung, mit der US-Army in Dachau ankam, starben noch immer Menschen. Dennoch zoomte sie das Grauenhafte so nah wie möglich heran. Tote Gesichter mit aufgerissenen Augen starren den Betrachter an, fixieren seinen Blick geradezu, entziehen sich der Anonymität. Auch in Buchenwald entstanden schockierende Bilder, bisweilen durchaus zwiespältige Werke. Denn Miller setzte dabei ihre inszenatorischen Fähigkeiten ein. So ließ sie ehemalige Häftlinge, noch in Lageruniform, vor einem Haufen von Gebeinen Aufstellung nehmen und diesen anblicken – diese Fotos sind sichtlich gestellt. Zentral an der Stirnseite des Raumes hängte Kurator Moser jene Fotos, von denen eines besonders berühmt werden sollte: Sie entstanden, als Miller und ihr Kollege und Liebhaber David E. Scherman, jüdischer Journalist, einander in der Badewanne in Hitlers Wohnung ablichteten. Sie nahmen so den privaten Bereich eines gestürzten Tyrannen in Beschlag, in einer Art Siegesgeste. Der oft zitierte Begriff der „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) passt sogar auf die Gemächer Hitlers, wie sich hier zeigt.

So großartig die Schau ist, so fehlt ihr doch der Zusammenhang mit dem Haus. Es gibt, streng genommen, keinen Grund dafür, Lee Miller gerade an diesem Ort zu zeigen – auch nicht ihr (übrigens denkbar unspektakuläres) Foto von dem zerbombten Albertina-Gebäude. Man ist dennoch froh, dieses facettenreiche Oeuvre in größerem Umfang in Wien sehen zu können.

 

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