Aufbruch in den Freiraum des Möglichen – Richard Kriesche in der Neuen Galerie Graz

02.06.16

Die Neue Galerie Graz am Universalmuseum Joanneum hat mithilfe einer Sonderfinanzierung des Landes Steiermark mehr als 60 Arbeiten des legendären und international anerkannten Medienkünstlers Richard Kriesche angekauft und zeichnet dessen künstlerisches Werk von den Anfängen in den 1960er-Jahren bis heute in Form einer großen Ausstellung nach, die heute Abend eröffnet.

„Richard Kriesche gehört einer Generation von Künstlern an, die einen sehr weiten Bereich abdecken“, erzählt Kurator Günther Holler-Schuster, der wie die meisten kunstaffinen Grazer den Künstler seit Jahrzehnten kennt.

„Man kann von einer vordigitalen Zeit sprechen, die Richard Kriesche in der Nähe der „OP-Art“ positioniert. Dabei bleibt es nicht, denn sein Frühwerk ist mitten in der „Konkreten Kunst“ anzusiedeln, womit er einer internationalen Avantgarde angehört, die mit Marc Adrian, Helga Philipp und Jorrit Tornquist hierzulande ein sehr aktives Lebenszeichen von sich gegeben hat“, sagt Holler-Schuster. „In dieser Phase muss der Künstler erkannt haben, dass die Dynamik vom Bild zu den Daten entscheidend ist und die Realität eine der Daten ist. Kunst hat an diesem Punkt nichts mehr mit Subjektivität, individueller Note oder Handschrift zu tun“, erklärt er. Es geht vielmehr um systemisches Denken, um visuelle Forschung und um Medienrealität.

Ein eleganter Herr in Anzug und Turnschuhen der Marke Prada, ein perfekt organisiertes und untadeliges Büro und Archiv, in dem die neuesten Arbeiten an den Wänden hängen und wohl formulierte Sätze weisen Richard Kriesche als einen Mann von Welt aus. Einen, dessen internationale Karriere, dessen zweimalige Teilnahme an der Documenta in Kassel, dessen Preise der Biennale in Venedig und anderswo seinen Verbleib in Graz erstaunlich und zugleich erfreulich erscheinen lassen. „Graz war besonders in den 70er- und teilweise noch in den 80er-Jahren für Kulturschaffende auf der Liste“, meint Günther Holler-Schuster. Es war die Hochblüte des „steirischen herbst“, des Forum Stadtpark, der Trigon Ausstellungen im Grazer Künstlerhaus oder der „Manuskripte“ des Alfred Kolleritsch.

Und Richard Kriesche war unmittelbar an diesem Hype beteiligt. Seine Art Kunst zu machen, aber auch sein Engagement in der Mediengalerie „poolerie“, dem Audiovisuellen Zentrum „AVZ“ oder dem Medienunternehmens „Kulturdata“ haben Graz intellektuell beflügelt. Als Lehrerpersönlichkeit hat er mehrere Generationen von KünstlerInnen gefördert und mit ihnen eine Szene entwickelt.

Kriesche wurde 1940 in Wien geboren, ist aber nach dem Studium an der Akademie 1963 als Lehrer an die damalige Ortweinschule berufen worden um letztendlich in Graz zu bleiben. Er läutete den künstlerischen Aufbruch in die Medientechnologie ein und stellte mit der Frage „Wo ist Kunst Bestandteil des gesellschaftlichen Denkens?“ das althergebrachte Kunstverständnis auf den Kopf. „Es roch überall nach Öl und Leimfarbe“, beschreibt Kriesche augenzwinkernd, während er schon einen Schritt weiter war.

Inspiration kam für Kriesche unter anderem vom Symposium „Nove tendencije“ in Zagreb und von Aufenthalten im Ausland. Werner Hoffmann, der damalige Leiter des 21er-Hauses in Wien, glaubte als erster an ihn und kaufte für sein Museum eine Medienarbeit des damals ganz jungen Künstlers an. Step by step gelangen Ausstellungsteilnahmen in Wien, in London und New York. Zeitschriften, wie der Daily Mirror wurden auf Richard Kriesche aufmerksam und die VIPS wie John Lennon und Yoko Ono begannen seine Ausstellungen zu besuchen.

Meilensteine in Richard Kriesches Werk waren die 30 Sekunden Kunstfilme, die er für das in Graz beheimatete Schuh Handelsunternehmen Humanic in Venedig und anderen Orten drehte. „Ich habe den Eigentümer Hans Mayer-Rieckh und dessen Werbeberater Horst Gerhard Haberl gewarnt, dass kein klassischer Werbefilm mit Schuhen entstehen wird und man hat mich gewähren lassen.“ Ebenso erfolgreich war Kriesches Intervention für das Landeskrankenhaus Graz, als er mit dem Projekt „Help“ und einem überdimensionalen Plakat am Dach der Chirurgie dazu beitrug, dass 500 Mio. Euro vom Finanzministerium überwiesen wurden und man in der folge das Experiment wagte Krankenzimmer nach seinen wissenschaftlich begründeten Vorstellungen farbig umzugestalten.

Richard Kriesche arbeitet immer im Kontext mit der Realität. Themen des Zusammenlebens, aber auch der Weltraumtechnik, Gentechnologie oder Hirnforschung sind im Laufe der Jahre zu Grundlagen seiner medialen Kunst geworden. Vieles vom dem ist als Performance zu sehen gewesen also temporär und oftmals nur in Aufführungszusammenhängen verständlich. Zu manchem gibt es Videos, Fotos oder Objekte, aber alles in allem ist sein Werk „museal schwer fassbar“, wie Günther Holler-Schuster sagt.

Er hat die letzten zwei Jahre gemeinsam mit dem Künstler jedes Stück des Medienblocks gesichtet, teilweise auf neue Medien umgearbeitet, digitalisiert oder in neue Zusammenhänge gestellt, um die bahnbrechenden Positionen des Richard Kriesche für die Ausstellungsbesucher verständlich zu machen und für die Nachwelt zu erhalten.

Kunst ist für Richard Kriesche Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens und seine Mission ist es „Leute auf die Reise in den Freiraum des Möglichen mitzunehmen“.

 

RICHARD KRIESCHE
Neue Galerie Graz, 1. Obergeschoss
Neutorgasse 1, 8010 Graz
03.06.-02.10.2016

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