ART & FUNCTION IM KUNSTHAUS MUERZ

22.12.16

Noch bis Mitte Jänner sind unter dem Titel „art & function“ im Kunsthaus Muerz funktionale Exponate und zeitgenössische Kunstwerke mit durchaus alltagstauglichem Potenzial zu sehen. Kuratorin Sabine Kienzer geht dabei auf die Suche nach spartenübergreifendem Denken und Agieren in der aktuellen Kunst und hat eine beachtliche Zusammenschau von erlebbaren Werken mit Gebrauchsfunktion zusammengestellt.

Die Arbeiten können als „kommunikative Kunstwerke“ bezeichnet werden, über die sich verbindende und zugleich trennende Aspekte zwischen Kunst, Architektur und Design thematisieren lassen. Für Sabine Kienzer ist vor allem die Frage nach dem „Dazwischen“ wesentlich, denn daraus lassen sich neue Definitionen und Sichtweisen ableiten. Was ist Kunst und was kann Kunst heute sein? „Im 19. und auch im 20. Jahrhundert war die Trennung von Kunst und Funktion ein wesentlicher Faktor zugunsten der Autonomwerdung eines Kunstwerks und damit ein Argument, um ein funktionsloses Objekt als definiertes zeitgenössisches Kunstwerk anzuerkennen“, so Kienzer. Die im Kunsthaus Muerz gezeigten Arbeiten erlauben – aufgrund ihrer Performance und Benutzbarkeit – Partizipation und Kommunikation.

Die Ausstellungsobjekte konfrontieren die Besucher mit aktuellen Themen und beleuchten das Spannungsverhältnis zwischen Kunst, Architektur und Design auf ganz unterschiedliche Weise. Dazu gehören die provokant recycelte Jesusfigur von Manfred Erjautz, deren Arme als Uhrzeiger fungieren, ebenso wie Arbeiten mit Körperbezug, etwa die Dirndlburka von Carla Degenhardt, das Dildokleid von Katrina Daschner, der mehrdeutige Arbeiterinnenmantel mit Haarbesatz von Ewa Kaja, oder Werner Reiterers gesellschaftskritische Kopfbedeckung mit dem Titel „social upgrading“, die auch „der Lobbyist“ heißen könnte. Als Möblage – im übertragenen Kunst-Sinn – sind die funktionellen Objekte wie etwa Mathis Esterhazys Gobelinkommode, die Textilarbeiten von Christine und Irene Hohenbüchler, oder das feminisierte Stuhlobjekt von Sabine Ott mit Eigenhaar zu lesen. Constantin Luser und Markus Wilfling widmen sich mit ihren Leuchtarbeiten den Facetten von Licht und Schatten, Gerry Amann lässt die Besucher sogar im Licht duschen und Hans Schabus holt sich selbst als Holzfäller vor den Samtvorhang.

Mihaela Kavdanskas Video thematisiert Meditatives im öffentlichen Raum, Nita Tandon beschäftigt sich mit dem Inbegriff von Identität und Sylvia Eckermann versetzt die Betrachter in einen tagtraumähnlichen Zustand. Dem multifunktionellen Gebrauchsobjekt von transparadiso – entwickelt für die Donau Universität Krems – das sowohl Entspannung als auch Aggressionsabbau zulässt, wird in der Ausstellung ein mit Kaninchenfell überzogener Boxsack von Sofia Goscinski – mit dem vielsagenden Titel „Angsthase“ – gegenübergestellt und Ines Doujaks Blutstropfen-Schirm lässt mehrdeutige Assoziationen zu. Brigitte Kowanz überrascht mit einer Arbeit aus den 1980er-Jahren, einem Schachspiel als Hommage an Marcel Duchamp auf Rädern und Jochen Traars großformatiges Wandobjekt „the mirror works“ nimmt den ganzen Ausstellungsraum auf, öffnet eine neue Dimension und ermöglicht Interaktion.

Sabine Kienzer in einem Gespräch

ULLI STURM: Als Kunstmanagerin hast Du in den letzten Jahren einige Projekte realisiert, die auf Dialog und Vermittlung von zeitgenössischer Kunst ausgerichtet waren. Ist das eines Deiner Kernthemen?

SABINE KIENZER: Am Beginn stand das Kunstmagazin SCHAU, das ich gemeinsam mit Michaela Leutzendorff-Pakesch herausgegeben habe mit dem Ziel Jugendlichen das aktuelle Kunstgeschehen näher zu bringen und zwar auf eine Art und Weise, die ihrer Lebensrealität entspricht. Darin gab es die Rubrik "Schau-Kurz", in der wir immer Kunstwerke mit Bezug zur Alltagsrealität, wie Tische, Stühle, Schuhe und anderes vorgestellt haben. Damals schon ist mir bewusst geworden, dass dieser Ansatz ein geeignetes Tool sein kann, um zeitgenössische Kunst zu vermitteln und es sich lohnt da weiter zu arbeiten.

US: Also alltagstaugliche Kunst mit einem gewissen Anspruch an Funktionalität, die aber nicht im Design angesiedelt ist?

SK: Richtig, wobei es nicht um eine Unterscheidung zwischen Kunst und Design geht, sondern vielmehr um eine erweiterte Definition von Kunst und den Versuch neue Zugänge herzustellen. Es hat ja und gibt in Österreich noch immer großartige Künstler wie Franz West, Oswald Oberhuber oder Hans Kuppelwieser und andere, deren Kunst auch funktionelle Aspekte hat.

US: Womit wir bei beim Thema art & function und der aktuellen Ausstellung in Mürzzuschlag sind. Du beschäftigst dich ja schon länger mit dieser inhaltlichen Klammer und hast unter anderem eine Sonderschau auf der ART&ANTIQUE in der Wiener Hofburg, bei der ART AUSTRIA im Leopold Museum gezeigt, so wie in Innsbruck in der Galerie styleconception. Eine Messebeteiligung ist mit einer klassischen Ausstellung nicht wirklich vergleichbar, was waren die kuratorischen Herausforderungen im Kunsthaus Muerz?

SK: Einmal der Raum selbst, der ja auch als einer gilt, der schwer zu bespielen ist. Ich denke, es ist mir mit einem Farbkonzept ganz gut gelungen den Ausstellungsraum in eine – man könnte fast sagen – theatralische Bühne zu verwandeln. Die hat es mir erlaubt inhaltliche Zusammenhänge aufzuzeigen und den Arbeiten insgesamt mehr Raum zu geben auch um den Aspekt der Funktion, aber vor allem der Partizipation, besser hervorzuheben. Da ist zum Beispiel so etwas entstanden wie eine meditativ-spirituelle Ecke, oder eine Gruppierung von Arbeiten die stark haptisch oder multifunktional erfahrbar sind. Und natürlich hat sich das Spektrum der Arbeiten durch die räumlichen Möglichkeiten erheblich erweitert und so konnte ich erstmals ein größeres Gesamtkonzept verwirklichen.

US: Wie soll es denn weitergehen mit art & function?

SK: Die Ausstellung wird 2017 von der Rathausgalerie/Kunsthalle in München übernommen, allerdings nur mit einer Auswahl von Objekten und mit Beiträgen von deutschen Künstlerinnen und Künstlern ergänzt. Eigentlich habe ich ein grenzüberschreitendes Konzept im Kopf. art & function könnte im Idealfall in allen EU-Ländern gezeigt werden, denn ich würde mich gerne auf die Suche nach verwandten zeitgenössischen Positionen in anderen Kunstlandschaften machen, um zu zeigen, wie sich die Schnittstellen zwischen Kunst und Funktion in anderen Nationen ähneln oder unterscheiden. art & function könnte so langfristig ein europäisches Gesicht bekommen.

bis 15. Jänner

Teilnehmende Künstler und Künstlerinnen
Gerry Ammann, Katrina Daschner, Carla Degenhardt, Ines Doujak, Sylvia Eckermann, Manfred Erjautz, Mathis Esterhazy, Sofia Goscinski, Christine und Irene Hohenbüchler, Ewa Kaja, Mihaela Kavdanska, Brigitte Kowanz, Constantin Luser, Sabine Ott, Werner Reiterer, Hans Schabus, Nita Tandon, Jochen Traar, Transparadiso und Markus Wilfling

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