Anita Witek im Kunst Haus Wien

05.04.16

Wenn die Fotografin Anita Witek eine neue Serie beginnt, sucht man die Kamera im Arbeitsprozess vergeblich. Zumindest am Beginn. Mit einem Stanleymesser bewaffnet, arbeitet sich Witek durch Lifestylemagazine, zerlegt Werbe- und Produktfotografien. Nicht, wie man zunächst annehmen möchte, um die jeweiligen zu bewerbenden Gegenstände oder Models freizulegen, denn dem Hauptmotiv kommt keine weitere Bedeutung zu. Vielmehr wird das Kernsujet zu einem Wegwerfprodukt, es landet im Müll. Was Witek interessiert, sind die scheinbar unbedeutenden Hintergründe, die Leere. „About Life“ ist der Titel ihrer Ausstellung, die noch bis zum 22. Mai 2016 im Kunst Haus Wien besucht werden kann.

Es erfordert einen zweiten Blick, ein Spiel mit der Distanz des Betrachters, um die Architekturen von Anita Witek als fiktiv zu entlarven. Aus der Ferne betrachtet, wirken ihre Fotografien wie seriell angelegte Architekturdokumentationen, die von starken Hell-Dunkel-Kontrasten geprägt sind. Erst mit der Bewegung des Betrachters und einer zunehmenden räumlichen Annäherung an das Werk, werden bewusst gesetzte Fehler sichtbar. Diese Fotografien bilden definitiv keine real existierenden Architekturen ab.

Dass die glänzende, glatte Oberfläche der Fotografie – die einst zur Dokumentation und Abbildung unserer Realität diente – trügerisch erscheint, ist nichts Neues. Längst ist unsere Gegenwart von einer zweidimensionalen Bilderwelt geprägt, die die Unterscheidung von Realität und Fiktion nahezu unmöglich macht. Produkte werden modifiziert, optimiert und die Social Media Kanäle ermöglichen es, teils fiktive Persönlichkeiten, Leben oder schlicht Selbstinszenierungen zu präsentieren. In Zeiten, in denen wir mittels verschiedener Apps uns selbst oder unsere Umwelt ein Upgrade verschaffen können, demonstrieren Hashtags wie #nofilterneeded oder #reallife einen neuen Gegenhype – und das selbst wenn diese in der gleichen Weise wie die scheinbare Realitätsabbildung der Fotografie missbraucht werden können. Auch Witek’s Fotografien sind konstruiert – sie zerlegt gefundenes und teils modifiziertes Fotomaterial, um mittels einzelner Stücke neue Fotos zu konstruieren. Und dennoch arbeitet sie gegensätzlich zur Werbe- oder Produktfotografie. Statt die Bildmodifikationen zu verschleiern, legt Witek die Montage des Bildes und damit auch den Arbeitsprozess offen dar. Auf die Dekonstruktion der gefundenen Magazinseiten und Werbungen folgt eine Neukonstruktion: Witek fügt die verschiedenen Papierschnipsel der Hintergründe der Fotografien neu zusammen und verwendet sie als ihr Material. Aus der scheinbaren Leere der Hintergründe erarbeitet Witek neue Räume, die von Licht und Schatten, Formen und Architekturassoziationen geprägt sind. Ihre Vorgehensweise erinnert dabei an das Herstellen einer Collage – mit nur einem wesentlichen Unterschied: Ihre Papierschnipsel werden zu keinem Zeitpunkt aufeinander fixiert, was zur Folge hat, dass die Schnittstellen wesentlich stärker sichtbar sind. Einzig die Fotografie vermag den temporären Moment des fragilen, geschichteten Werkes festzuhalten. In der Fotografie verschmelzen die Papierschnipsel zu einem Ganzen. Aus dem scheinbar kollektiven Bildhintergrund der Werbefotografie werden skulpturale, dreidimensionale Schichtungen angelegt, um sie dann wieder als ein Ganzes in die zweidimensionale Fotografie zurückzuführen.

Die Fragilität und das Temporäre ihrer Konstruktionen sind dabei wesentlich für die seriell angelegte Arbeitsweise. Im Anschluss an jedes Foto wird die Konstruktion der Papierschnipsel erweitert, neu angeordnet oder das Konstrukt abgebaut. Theoretisch ließen sich die Papierschnipsel nahezu beliebig reproduzieren, dennoch wirft Witek keinen einzigen weg. Über die Jahre hat sie sich ein ganzes Sammelsurium verschiedener Papierschnipsel – nicht mehr verortbarer Elemente – angelegt. Ein Archiv, auf welches sie bei neuen Serien immer wieder zurückgreifen kann. „Für mich werden die ausgeschnittenen Teile zu einem ganz persönlichen Formenvokabular, dem ich mich immer wieder bediene“, so Witek. In der Idee des Archivs manifestiert sich auch erst der kollektive Bildgrund, der immer wieder als Teil eines Neuen funktionieren kann.

So viel zur Theorie. Denn Witek geht in ihrer Ausstellung im Kunst Haus Wien einen Schritt weiter und macht das skulpturale, temporäre Moment ihres Arbeitsprozesses erlebbar – und begehbar. Überdimensionale „Papierschnipsel“ hat sie im Raum angeordnet. In einer Größendimension, die sogar das Durchschreiten einzelner Öffnungen zwischen den Papieren durch den Betrachter ermöglicht, selbst wenn man sich durch die Fragilität des Papiers gerne davon abhalten lässt. Die Installation basiert auf einer Auseinandersetzung mit dem Plakatarchiv des Kunst Haus Wien – eine Möglichkeit, die sich spontan im Gespräch mit der Künstlerin ergeben hat. Mittels von Licht und Schatten kreiert Witek in ihrer Rauminstallation eine Sichtbarkeit dessen, was sie zuvor auslöschte: Die Schatten erinnern an einzelnen Stellen an Köpfe oder Motive – mögliche Hauptsujets, die sie im Arbeitsprozess aussortiert. Am Ende ist die überdimensionale Skulptur jedoch vor allem eines: fragil und temporär. Dokumentiert und festgehalten durch die Fotografie.

Bis 22. Mai 2016

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