Andrej Polukord – Preis der Kunsthalle Wien. Ein Porträt von Sabrina Möller

25.11.16

„Ein echter, echt gefundener künstlicher Pilz“

Der Preis der Kunsthalle Wien wird in Kooperation mit der Universität für angewandte Kunst und der Akademie der bildenden Künste vergeben. Einer der zwei Preisträger ist Andrej Polukord, der derzeit im Rahmen einer Ausstellung — gemeinsam mit Margit Busch — in der Kunsthalle Wien am Karlsplatz gezeigt wird.

Andrej Polukord (* 1990 in Vilnius, LT) steht allein im Wald auf einem Baumstamm. Um ihm herum ist nichts außer Wald, ein paar Kleinstlebewesen und der Kamera, die seine Performance dokumentiert. Doch was ist eigentlich eine Performance, wenn die doch dafür so charakteristische Beziehung zwischen dem Künstler und dem Zuschauer ausbleibt? Was, wenn der einzige „Zuschauer“ der technische Apparat der Kamera ist? Wenn die Bilder der Performance irgendwann im Netz auf seiner Tumblr Page landen? Wird aus der Performance dann eine reine Fotoserie, Dokumentation oder gar eine Skulptur, wenn er die Bilder in der Kategorie „Woodstatue“ ablegt?

Performances sind ortsgebunden. Und Zeit und Raum spielen auch bei Polukord eine essenzielle Rolle; nur der Betrachter wird zu einer Variablen. Ob seine Arbeiten gesehen werden, ist in den teils abgelegenen Wäldern — und abseits der White Cubes — nicht mit Gewissheit zu beantworten. Auch offen bleibt, wer eigentlich damit sein Publikum ist, und ob seine Eingriffe direkt als Kunst entlarvt werden; ist doch der klassische Galeriebesucher hier wohl eher nicht so häufig anzutreffen. Damit wäre zumindest das Überraschungsmoment, das Unerwartete, das für die Arbeiten von Polukord zentral ist, gesichert. Und wohl auch eine deutliche Portion Humor: Etwa wenn man auf dem Weg nach Vilnius mit dem Auto durch den Wald fährt und plötzlich ein scheinbar fliegender, überdimensionaler Pilz zwischen den Bäumen auftaucht, den er heimlich in der Nacht dort installiert hat.

Eine riesige Fototapete dieses fliegenden Pilzes ist auch Teil der Ausstellung in der Kunsthalle Wien am Karlsplatz. Und es ist nicht der einzige Pilz auf PVC-Plane. Im Raum hängen einige von der Decke. Flach sind sie und teilweise — wenn das Licht richtig fällt — schimmern noch Details des ursprünglichen Werbeplakats unter der Farbe durch. Kunst sollte laut Polukord ohne große Investitionen produziert werden, denn so der Künstler: „Nur dann hat Kunst für mich eine besondere Stärke.“ Und so werden die Plakate von Radrennen, die einer seiner Freunde regelmäßig organisiert, zu seinem Material. Vielmehr noch recycled er das zum Abfall degradierte Material. Vielleicht würde es auch kaum anders gehen, wenn man sich so sehr vom Markt distanziert. Und gerade diese Entscheidung, sich so weit abseits des Kunstmarktes zu bewegen, war für den Kurator Lucas Gehrmann ein spannender Aspekt. Um so interessanter, dass Polukord nun quasi mit voller Kraft durch den Preis in das Kunstbetriebssystem hineinkatapultiert wird. 

  Doch zurück zur Pilz-Obsession, die sich in dieser Ausstellung manifestiert  
  und nicht nur, aber auch, jahreszeitlich bedingt ist. „Die Pilze kommen von
  selbst und sie kommen zugleich aus dem Besten, das wir auf unserer Erde
  haben: aus der Natur“, so Polukord im Gespräch mit Lucas Gehrmann und
  Nicolaus Schafhausen. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist in 
  der Ausstellung omnipräsent. Wohl auch, weil er den Umgang der 
  Menschen der Natur permanent kritisch hinterfragt und über mögliche, 
  bessere Recyclingmethoden nachdenkt. Während er selber viel in der 
  Natur unterwegs ist, sind seine Pilze so vor allem eines: künstlich.

 Selbst, wenn die Beschriftungen seiner ausgestellten Pilzsammlung immer wieder ihre
 Echtheit betonen. Die einen sind aus Ton, andere aus Filz, Holz oder rostigen Nägeln;
 nur ihre Form oder Farbgebung verweisen noch auf den Pilz. Eine Ironie, die sich auch  
 im Gespräch mit Polukord immer wieder durchsetzt, wenn er immer wieder behauptet,  
 dass er alle Pilze in Höhlen gefunden hat — und sie natürlich nicht selbst produziert
 hat. Seine Höhlen haben auch relativ wenig mit der reinen Natur zu tun, wie der Film in der Ausstellung zeigt: Hier wird die Hundehütte zur Höhle. Schließlich hat sie ja ein Loch an der Vorderseite. Macht zunächst mal Sinn. Bei dem zentral in der Ausstellung platzierten Mauerwerk fällt die Assoziation zu einer Höhle allerdings schwerer. Schließlich soll eine Höhle Schutz bieten. Diese erinnert eher an einen Schwitzkasten, und ein nahendes Ende, als an Schutz. Passend zum Titel „Sarcophagus“. Vor dem Opening der Ausstellung hat Polukord sich einmauern lassen — gemeinsam mit diversen Objekten und Pilzen — um dann währenddessen auszubrechen und ein Loch in den vorderen Teil zu machen. Tagelang war er dort — entgegen seiner Behauptungen — allerdings nicht drin. Ist auch besser so. 

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