Alle gegen Trump

22.02.17
© LaBeouf, Twitter

Amerikas Künstler im Kampf gegen den neuen Präsidenten

Holger Christmann traf für PARNASS den amerikanischen Künstler Robert Longo, eine Begegnung, die Christmann anregte über gegenwärtige politische Kunst unter Präsident Trump nachzudenken. Lesen Sie seinen aktuellen Einblick hier. 

Ein junger Mann mit Vollbart lief in den letzten Wochen vor dem New Yorker Museum of the Moving Image auf und ab und rief vor einer Menschenmenge lautstark: "He will not divide us" ("Er wird uns nicht spalten"). Der Mann war der Schauspieler Shia LaBoeuf, der Angesprochene Donald Trump, der Präsident, der Menschen in Sieger und Verlierer und Bevölkerungsgruppen in Gut und Böse einteilt. Vier Jahre wollte das Künstlertrio LaBoeuf, Rönkkö & Turner eine Kamera vor dem Museum fest installieren und Passanten zu einer "partizipativen Performance" gegen den amerikanischen Präsidenten einladen. Doch auch Trump-Befürworter mischten sich ins Bild, es kam zu Gerangel und Vandalismus. Das Museum zog den Stecker, bevor Schlimmeres passiert. Jetzt zeigt die Website hewillnotdivide.us den anklagenden Satz: "The museum has abandoned us" – das Museum hat uns im Stich gelassen. 

Auch wenn LaBoeuf und seine Mitstreiter enttäuscht waren – ein anderer Standort für die Anti-Trump-Aktion war mit dem El Rey Theater in Albuquerque bald gefunden, denn in einem sind sich Museen und Künstler in den USA derzeit so einig wie nie: in der Ablehnung des Präsidenten Donald Trump. Am Tag der Amtseinführung im Januar öffneten viele Museen im Land gratis, um den Menschen "an diesem dunklen Tag" Trost zu bieten. Im New Yorker Whitney Museum verteilten die Guerilla Girls Anti-Trump-Flyer. Kritiker wie Jerry Saltz hielten emphatische Reden. Aus Protest gegen das von Trump dekretierte und später von Gerichten gestoppte Einreiseverbot für Bürger aus sieben muslimischen Staaten stellte das MoMA Anfang Februar Werke von Künstlern betroffener Länder aus – unter anderem von Zaha Hadid, der aus Irak stammenden verstorbenen Architektin und von Shirana Shahbasi, der iranischen Fotografin. Die Vereinigung der amerikanischen Museumsdirektoren erklärte: "Wir sind zutiefst besorgt, dass Kooperationen in Kunst und Lehre in Gefahr geraten, genau in dem Moment, wo kultureller Austausch und Verständnis wichtiger sind als je zuvor." Kein Tag, an dem nicht Künstler und andere Trump-Gegner mit Worten und Werken in sozialen Medien gegen Trump protestieren, und sei es auf die leicht vulgäre Art, indem sie Fotos von Urinalen posten, um die herum ein Gesicht von Trump gemalt ist, mit dem Pissoir als Mund. Eine Künstlergruppe namens Halt Action Group betreibt seit November den Instagram-Account @Dear_Ivanka und publiziert dort bissige Kommentare über die Präsidententochter.

Keine dieser Initiativen ist jedoch so erfolgreich wie die Plakataktion von Shepard Fairey. Der Street-Art-Künstler aus Los Angeles versteht es genial, in der formalen Tradition der Agitprop- und Propagandaplakate des 20. Jahrhunderts Menschen zum Kampf für soziale Anliegen des 21. Jahrhunderts zu mobilisieren. 2008 war sein "Hope-Porträt" von Barack Obama zum Inbegriff des politischen Neuanfangs der Vereinigten Staaten geworden. Das Time-Magazin hob es aufs Cover, und die Washingtoner Smithsonian Institution erwarb es für ihre National Portrait Gallery. Vor der Amtseinführung von Donald Trump lancierte Fairey im Januar 2017 ein neue Kampagne mit dem Titel "We the People". Drei verschiedene Poster, wieder mit Hilfe von Schablonen in Stenciltechnik gesprüht, wieder in die amerikanischen Nationalfarben Blau, Rot und Weiß getaucht, zeigen jeweils eine muslimische, eine schwarze und eine Latino-Amerikanerin. Darunter steht in großen Lettern die Parole „We the people“, gefolgt von den kleineren Zeile "are greater than fear", "defend dignity" und "protect each other". Auf den Protestmärschen rund um die Amtseinführung Obamas hielten Menschen es in die Höhe. Das ermöglichte die Amplifier Foundation, die sich als "Kunstmaschine für soziale Veränderung" bezeichnet und mit Künstlern wie Fairey zusammenarbeit. Die Stiftung warb online Spenden in Höhe von 1,3 Millionen Dollar ein, verbreitete Faireys Plakat mit diesem Geld an öffentlichen Orten, verteilte es am Inauguration Day und schaltete eine ganzseitige Anzeige in der "Washington Post", wobei sie die Leser aufforderte, die Seite auf ihren Protestmärschen gegen Donald Trump als Transparent zu verwenden. Faireys neues Poster ist schon jetzt die politische Ikone der Anti-Trump-Bewegung. Nebenbei ging der Künstler diesmal Urheberrechtsklagen, aus dem Weg, indem er sich bei den fotografischen Porträtvorlagen nicht bei Nachrichtenagenturen oder im Internet bediente, sondern die Modelle selbst fotografieren ließ.

Shepard Fairey ist der erfolgreichste politische Aktivist der amerikanischen Kunst. Als immer klarer wurde, dass auch keine noch so günstige Fügung Donald Trumps Amtseinführung abwenden würde, schlossen sich ihm immer mehr Künstler an. Inzwischen gibt es kaum einen Kreativen, der die neue Regierung nicht in Wort und Werk bekämpft. Der Appropriation-Künstler Richard Prince etwa zog die Autorschaft an einem Werk zurück, das Ivanka Trump zeigt, wie sie sich vor einer TV-Show die Haare machen lässt. Die publicityverwöhnte Trump-Tochter, geschmeichelt durch das Interesse des gehypten Künstlers, hatte ihm für das Original 2014 angeblich 36 000 Dollar gezahlt, die Richard Prince ihr nun nach eigener Darstellung zurücküberwies. Dazu tweetete er ironisch im Stil von Ivankas twittersüchtigem Vater: "Das ist nicht mein Werk. Ich hab das nicht gemacht. Ich leugne das. Es ist Fake Art." Nicht jeden überzeugt jedoch die Kunst von Richard Prince, und so fragten Kritiker, was an dem Kunstwerk jemals ein Original von Prince gewesen sei.

Seine Hommage an Ivanka Trump war Teil der sogenannten "Instagram-Serie" des New Yorker Künstlers. Sie enstand, indem sich Prince im Internet Bilder von Instagram-Nutzern raussuchte und sie in seinem Atelier mit einem Inkjet-Drucker auf einer Leinwandgröße von rund zwei Metern ausdruckte. Der kreative Anteil des Künstlers besteht darin, dass er auf den Digital-Prints handschriftliche Kommentare anbrachte. Dass er auf der New Yorker Kunstmesse Frieze 37 dieser Instagram-Prints für 90 000 Dollar pro Stück verkauft haben soll, können ihm nur Neider verübeln. Doch Zeitgeist-Ästhetik und der berühmte Name schlagen bei ihm den Faktor künstlerische Originalität. Auch wenn es unfair wäre, Richard Prince die Ernsthaftigkeit seines Anti-Trump-Protests abzusprechen, dürfte die Medienpräsenz, die ihm seine Protestaktion einbrachte, den finanziellen Verlust erträglich machen. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit hat ihre eigenen Gesetze.

Ein schmerzhafteres Opfer brachte der bulgarisch-amerikanische Künstler Christo. Seit 1992 plante er, den einen Fluß im Südwesten der USA mit silbernen Stoffpanelen zu überspannen. Im Arkansas River im Bundesstaat Colorado fand er 1996 die perfekte Topographie und die idealen Lichtverhältnisse. Nach vielen Anträgen, Entwürfen und Umweltstudien erteilten ihm die Landbesitzer, darunter US-Bundesbehörden, die Genehmigung, doch seit fünf Jahren überschattete die Klage einer lokaler Gruppe das Projekt. Der Künstler erklärte jetzt, "wegen Trump" das Projekt endgültig zu kippen. Er wolle nicht, dass der neue "Vermieter" des Territoriums sich im Glanz eines Christo-Projektes sonnen könne. Der Verhüllungsvirtuose machte auch keinen Hehl daraus, dass ihm die Aussicht auf einen langen Rechtsstreit die Lust an dem Projekt verdarb. Mit 82 ist er auch nicht mehr der Jüngste. Wohl auch deshalb beschloss er, der inzwischen ohne seine verstorbene Partnerin Jeanne-Claude auskommen muss, seine Energie und Ressourcen lieber in sein vorläufig letztes Großprojekt zu lenken, die "Mastaba" in Abu Dhabi, wo statt dem mühevollen Gang durch die Institutionen eine schnelle Entscheidung durch den Emir und seine Berater eine schnellere Umsetzung verspricht.

Ganz andere Wege geht Robert Longo. Der New Yorker Künstler, Filmemacher und Meister der fotorealistischen Zeichnung, die er und sein Team mit Kohle und Graphit herstellen, ist der subtilste unter den Trump-Kritikern. Auch er verhehlt nicht seine Abneigung gegen das großmäulige neue Staatsoberhaupt seines Landes. Im Gespräch mit PARNASS aus Anlass seiner jüngsten Ausstellung im Moskauer Kunstmuseum Garage, die von der Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac durch Leihgaben unterstützt wurde, nennt er Trump einen "Con Man" - einen Hochstapler und Schwindler. "Es ist schwer zu verstehen, dass ein solcher Blender Präsident werden konnte. Ich fand schon George W. Bush peinlich, aber Trump übertrifft alles. Sein Sieg könnte Frau Le Pen in Frankreich ermutigen, und wer weiß, was in Deutschland passieren wird." Longo hatte wie seine Frau, die Schauspielerin Barbara Sukowa (zuletzt als Hannah Arendt und in dem Stefan-Zweig-Biopic "Vor der Morgenröte" zu sehen), und die mit ihnen befreundete Künstlerin Cindy Sherman auf einen Sieg Hillary Clintons gehofft. "Ich hatte aber schon befürchtet, dass Trump gewinnt, weil viele nicht gerne zugaben, dass sie ihn wählen würden."

Longo ist überzeugt, dass der Kandidat Trump den Amerikanern einredete, Clinton wolle ihnen ihre Waffen abnehmen, trug zu seinem Wahlerfolg bei. Dem "Cult of the Gun" vieler seiner Landsleute widmete der Künstler Anfang der 1990er-Jahre in New York die Ausstellung "Bodyhammers". Der Besucher blickte in mannsgroß gezeichnete Läufe von Revolvern und war hin und hergerissen zwischen Schönheit, Faszination und Schrecken dieser ultimativen Machtinstrumente. In seiner Kunst kritisiert er Trump bislang nicht direkt. Ihn faszinieren Topoi der amerikanischen Kultur, vom Kult um Waffen und Gewalt über die Faszination militärischer Stärke bis hin zu ungelösten Rassenkonflikten – Probleme, die ein Präsident Donald Trump aus seiner Sicht eher verschärfen wird.

Longos aktuellste Arbeit heißt "Cops" (2016) und stellt auf 2,54 mal 3,60 Metern eine Phalanx von Polizisten dar, die sich während der Rassenunruhen in Baltimore hinter ihren Schilden verschanzen. Ein ähnliches Motiv hatte er 2014 nach den Unruhen in der Kleinstadt Ferguson/Missouri gezeichnet. Der "Guardian" nannte es ein modernes Historienbild und erklärte es zum "wichtigsten Kunstwerk des Jahres". Mit den Unruhen im Süden der Vereinigten Staaten befasst sich auch ein anderes aktuelles Werk Longos: Ein Spieler des Football-Teams St. Louis Rams reckt im Stadion beide Hände empor. Die "Hands-Up"- Geste ist das Symbol der Black-Lives-Matter-Bewegung. Doch auch Europa nimmt sich Longo vor: In gewohnter fotografischer Präzision und auf 1,9 mal 3,6 Metern Größe zeichnete er in "Untitled, Bullet Hole in Window, January 7, 2015" ein Einschussloch in einem Fenster der Charlie-Hebdo-Redaktion. "Ich bin von Natur aus eher unpolitisch", sagt Longo im Interview. "Aber die Anschläge von Paris sind ein Beispiel dafür, warum mich die Realität dazu zwingt, politisch zu sein. Wenn die Gesellschaft sich ändert, werde ich als Künstler einer der ersten sein, denen gesagt wird, was sie zu tun und zu lassen haben. Die Attentäter schossen auf die Freiheit der Kunst." Er wolle das Geschenk der Meinungsfreiheit nutzen und Stellung beziehen. Eine ganze Wand nimmt sein neues Tryptichon "Untitled (Pentecost) 2016" ein. Darauf trampelt ein Kampfroboter aus dem Kinofilm "Pacific Rim" über eine Trümmerlandschaft. Longo entnahm sie Aufnahmen syrischer Schlachtfelder. In Guillermo del Toros Actionfilm steuert ein Pilot den Kampfroboter über neuronale Gedankenübertragung. Was will uns Longo damit sagen, der selbst hin- und hergerissen scheint zwischen Faszination und Furcht vor soviel martialischen Phantasien. Der Künstler weicht aus. Aber die Zukunft sieht er skeptisch. Während in Silicon Valley Visionäre an die Machbarkeit einer goldenen Zukunft glauben, blicke er "nostalgisch in die Zukunft". "Meine Frau wirkt in der TV-Serie 'Twelve Monkeys' mit", sagt er. "Die Pilotfolge sollte in der Zukunft spielen. Wissen Sie, wo man sie drehte? In Detroit. So stellen sich Menschen von heute die Zukunft vor, als kaputte Stadt." Entmutigen lässt er sich aber weder von derlei Untergangsphantasien noch vom Sieg Donald Trumps. Er wolle nun erst recht "gegen Frauenverachtung, Rassismus, Anti-Intellektualismus und Autoritarismus" kämpfen, sagt er im Gespräch. "Wir müssen Lügen beim Namen nennen und für das Land streiten, das wir erstreben." Robert Longo setzt nicht auf Polemik gegen den Präsidenten und seine Marotten. Es geht ihm in seiner Kunst nicht um die Person Trump, sondern um amerikanische Themen, um die großen Konflikte unserer Epoche. Sein Werk ist zeitübergreifend genug, um Donald Trump vier Jahre lang an die ungelösten Probleme seines Landes und der Welt zu erinnern. Und weil er im archaischsten aller Medien, der Zeichnung, arbeitet, so wie die Höhlenmaler der Steinzeit, kann ihm dabei glücklicherweise niemand so einfach den Stecker ziehen.

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