Alice Attie, Karin Sander und Jonsuk Yoon in der Galerie nächst St. Stephan

07.02.18
Ausstellungsansicht | Foto: Markus Wörgötter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan

Die Galerie nächst St. Stephan läutet das neue Jahr mit einer schlagkräftigen und dezidiert international angelegten Ausstellung ein. So medial unterschiedlich die abstrakten Arbeiten von Alice Attie (USA), Karin Sander (Deutschland) und Jonsuk Yoon (Südkorea) auch sind, ergibt sich vor Ort in Summe ein äußerst produktives Agitationsfeld autarker Ausdrucksformen.

Die kleinteiligen und äußerst subtilen Blätter der 68-jährigen Amerikanerin Alice Attie erweisen sich hier mit Sicherheit als die inhaltlich anspruchsvollsten Arbeiten der Ausstellung. Die Werkserie "Class Notes", die aus den von Attie besuchten Philosophie- und Physikvorlesungen an der Columbia Universität entstanden sind, oder die verwinkelten Schriftbilder von Arbeiten wie "Professor Taylor Carmen Heidegger 02.15.2017", setzen die Latte jedenfalls hoch an. Tritt man ganz nah an ihre Zeichnungen heran und willigt in einen kontemplativen Dialog mit den formalen Qualitäten der Werke ein, entsteht aber auch abseits streng intellektueller Pfade eine unmittelbare Dynamik zwischen Bild und BetrachterIn. Hier − ein haarfeines Wortgewebe dessen Typographie sich langsam zu Abstraktionen zersetzt, dort − gestisch verlaufende Spuren aus Tinte, die sich ereignishaft zu gewichtigen Aussagen verdichten: "Self". Hat man einmal die Verletzlichkeit dieser Rezeptionssituation empfunden, erscheint die kuratorische Entscheidung mehr als nachvollziehbar: Die hochsensiblen Arbeiten Atties werden nur im ersten Raum der Galerie gezeigt und so einer expliziten Konfrontation der beiden anderen Positionen vorgelagert.

In den Folgeräumen wirken die humoristischen Setzungen von Karin Sanders Objekten wie feinsinnige Interpunktionen, die auf die Hinterfragung von standardisierten Präsentationsnormen der Kunst abzuzielen scheinen (Stichwort: Sockelproblematik). Ihre im Fließen erstarrten Glasgerinnsel besetzen selbstbewusst die Fensterbretter und Schreibtische des Galerieraumes. Gleichzeitig unterstützen diese aber auch die syntaktische Struktur der Gesamtpräsentation, indem sie Anschauungsräume erweitern, formale Gegenpositionen ironisch besetzen und mitunter brüchige Dialoge mit der großformatigen Malerei Jongsuk Yoons eingehen. Die 53-jährige Malerin aus Südkorea gibt hier, als Neuzugang im Programm der Galerie, mit expressiv gestischen Großformaten ihr Debüt. Dabei wird die ursprüngliche Herkunft Yoons vor allem in den figurativen und kalligraphierten Bereichen der Bilder deutlich, die sie mit dem intuitiv-abstrakten Vokabular westlicher Prägung verknüpft und somit zwei sehr verschiedenartige Bildwelten auf der Leinwand überlagert.

Mitten unter der zurückgenommenen Farbigkeit von Yoons großflächiger Malerei und nach Atties kleinteiligen Zeichnungen, wirken Sanders Werke wie ein dritter Terminus, der schwer greifbar und explizit kritisch zwischen den Kategorien (herum)liegt. Die selbstironische Formlosigkeit der Glasarbeiten (es fällt schwer hier von Plastik zu sprechen) wird als ästhetische Strategie genutzt und besteht vage zwischen den etablierten Systematiken. Diese sehr differenten Ausdrucksformen artikulierter Zersetzung (Attie), humoristischer Grenzaufhebung (Sander) und gestischer Überlagerung (Yoon) gehen in der Galerie nächst St. Stephan noch bis 3. März ein produktives und kontrastreiches Wechselverhältnis ein.

Die Ausstellung "Alice Attie, Karin Sander, Jongsuk Yoon" ist noch bis 3. März 2018 in der Galerie nächst St. Stephan zu sehen.

Bild: Ausstellungsansicht "Alice Attie, Karin Sander, Jongsuk Yoon", Galerie nächst St. Stephan, Wien
Foto: Markus Wörgötter, Courtesy: Galerie nächst St. Stephan
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