Aktuell restauriert: Das Fastentuch-Fragment des Thomas von Villach

25.03.15

Das Fastentuch-Fragment des Thomas von Villach bereichert seit dem Jahr 2009 die Mittelaltersammlung des Belvedere und kann nun, nach langer Restaurierungsarbeit, im Schaudepot des Schatzhauses Mittelalter im Prunkstall besichtigt werden.

Veronika Pirker-Aurenhammer, Kuratorin der Ausstellung, fand im Jahr 2008 in der Sammlung des Carl von Frey (1826-1896) im sogenannten Freyschlössl auf dem Mönchsberg in Salzburg das Fastentuch-Fragment. Eine Sensation! 
Historische Aufnahmen belegen, dass es sich bereits um 1889/90 in der „Freyburg“ befunden haben muss. Doch leider hatte der Fund auch seine Schattenseiten: Das Fragment befand sich in einem sehr schlechten Zustand: es war stark verstaubt, hatte unzählige Pilzsporen und war mit einer Doublierung versehen, die mehr Schaden als Nutzen auf der Originalleinwand angerichtet hatte. Zunächst im Salzburg Museum aufbewahrt, wurde es schließlich vom Belvedere gekauft. Zur „Rettung des Fragments“ wurde die Abegg-Stiftung in Riggisberg bei Bern, im Jahr 2011 herangezogen, die das Fastentuch zur Untersuchung und Konservierung übernahm. Die Doublierung wurde zunächst entfernt und mithilfe strahlendiagnostischer Verfahren wie Infrarotreflektografie oder Ultraviolettfotografie konnten Kontraste betont, Materialunterscheidungen hervorgehoben und Schadensbilder verdeutlicht werden. Durch invasive Analysemethoden am Material wurden weitere Informationen wie zum Beispiel die Bestimmung der Farbpigmente gesammelt. Dank der umfangreichen und erfolgreichen Restaurierungsarbeit kann das Fastentuch-Fragment nun erstmals – passend zur Fastenzeit – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Das Fastentuch-Fragment des Thomas von Artula von Villach (geb. um 1435/40-1520), einem der bedeutendsten Kärntner Maler seiner Zeit, ist die erste und einzige bekannte textile Arbeit des Künstlers, der sich durch eine klare Formensprache auszeichnet. Die qualitätsvolle Tüchleinmalerei schildert in zwei Bildfeldern sechs Episoden aus der Moses Geschichte. Das linke Bildfeld zeigt die Mannalese, Moses, der Wasser aus dem Felsen schlägt und die Eherne Schlange. Episoden also, die das Volk Israel retteten. Das rechte Bildfeld zeigt die Übergabe der Gesetzestafeln an Moses, die Anbetung des Goldenen Kalbes und die Bestrafung der Israeliten durch Moses. Ausdrucksvolle Gesten und Blicke verleihen den Figuren eine besondere Lebendigkeit. Ähnlichkeiten bestehen unter anderem in einem der Hauptwerke des Thomas von Villach, dem Wandmalereizyklus in der kleinen Filialkirche St. Georg in Gerlamoos, der um 1470/80 entstand. Er gibt auch die beste Vorstellung davon, wie das Fastentuch gewirkt haben muss.

In formaler Hinsicht ist dieses Fragment jedoch sehr eigenständig und die dreiteiligen bildhaften Kompositionen sind einzigartig, weisen doch andere Fastentücher des Felder-Typs wie das Gurker-Fastentuch (1458) oder das große Zittauer Fastentuch (1472) sonst nur ein bis zwei Szenen pro Bildfeld auf.
Das älteste und größte Fastentuch Österreichs ist übrigens das Gurker Fastentuch, das 99 Bildfelder auf einer Gesamtfläche von ca. 890 x 890 cm umfasst. Noch heute ist die eindrucksvolle Wirkung des riesigen Tuches im Gurker Dom als „Sichtschranke“ gegen den Hochaltar während der Fastenzeit zu erleben und macht deutlich welche Dimensionen das gesamte Fastentuch des Thomas von Villach gehabt haben muss.

Die Ausstellung zeigt eindrucksvoll die neu restaurierten Fastentuch-Fragmente, die einem bereits beim Eintreten in den Prunkstall auffallen. Anhand von weiteren Tafelgemälden und Reproduktionen des Künstlers zur linken Seite des Werkes kann der Betrachter einen kleinen Einblick davon gewinnen, wie das Fastentuch in seiner Farbigkeit gewirkt haben muss. Erklärende Texttafeln dahinter (wenn nicht sogar versteckt) geben weiters Einblick in die Entstehungsgeschichte der Fastentücher, schildern den Werdegang des Thomas von Villach, geben aufschlussreiche Informationen zum Fragment selbst und hinter dem Werk wird außerdem auf die Restaurierung eingegangen. „Ein besonderes Anliegen dieser Ausstellung ist, den Besucherinnen und Besuchern auch die Funktion und Bedeutung von mittelalterlichen Fastentüchern zu veranschaulichen, die sich vor allem im österreichischen und Schweizer Alpenraum – von der Steiermark über Kärnten und Tirol bis Graubünden – in ungewöhnlicher Dichte erhalten haben“, erläutert Kuratorin Veronika Pirker-Aurenhammer.

Bis 25.Mai 2015 im Prunkstall im Unteren Belvedere