After the Fact | Lenbachhaus

26.07.17
COCO FUSCO, Ein eigenes Zimmer: Frauen und Macht im Neuen Amerika, Performance, Whitney Biennial 2008, Courtesy by the artist und Alexander Gray Associates, New York © VG Bild-Kunst, Bonn, 2017

Die Städtische Galerie im Lenbachhaus widmet ihre Sommershow einem heiklen Thema. In der umfangreichen Gruppenausstellung "After the Fact" sind unterschiedlichste Positionen zu sehen, teils explizit, teils abstrakt. Eine architektonische sowie inhaltliche Unterteilung in mehrere Sektionen und Zwischenräume strukturiert den Besuch. Wandtexte informieren begleitend dazu. Die Thematik? Propaganda, im 21. Jahrhundert!

 

Hört man das Wort Propaganda, denkt man zunächst an negativ behaftete, historische Geschehnisse. Mit dem 21. Jahrhundert verbindet man den Begriff kaum und falls doch, dann wohl eher im Zusammenhang mit Ereignissen im Nahen Osten (Islamischer Staat). Blickt man aber zurück, zieht Bilanz über 17 Jahre im neuen Jahrtausend und reflektiert hinsichtlich des Begriffs, zeigt sich: Propaganda war immer da und ist vielleicht präsenter denn je. Heute werden lediglich Großteils Euphemismen wie "Marketing" oder "strategische Kommunikation" eingesetzt, um diverse Methoden der Meinungsbildung anzudeuten. Als Initialereignis unserer Zeit kann sicherlich der 11. September 2001 genannt werden. Jener Tag, an dem zwei Flugzeuge in die Tower des amerikanischen Wahrzeichens World Trade Center flogen, gelenkt von Extremisten. Mit diesem Angriff begann der War on Terror, ausgerufen von George W. Bush. Und ab dann häuften sich die weltweiten Herausforderungen: Kriege im Nahen Osten, Amerika / Russland / die Europäische Union, die Krim-Krise, die Türkei-Krise, die Flüchtlingskrise, der Brexit, Trump.

Um kuratorischen Freiraum zu gewähren, um das Böse im Guten und das Gute im Bösen zeigen zu können unterteilte die Kuratorin Stephanie Weber den Kunstbau in einzelne Bereiche. Die trennenden, in weiß gehaltenen Zwischenräume dienen der Dokumentation der Gegenwart. Mittels Zeitungsartikeln, Internet-Phänomenen oder Youtube-Videos werden Tagesgeschehen und Popkultur beleuchtet.

Die großflächigen, schwarzen Sektionen sind in verschiedene Überthemen, wie Imperien, Kreativindustrie, Traditionalismen, Staatsgewalt, Öffentlichkeitsarbeit, Weltordnungen, Identität oder Aggression unterteilt, wodurch Besuchern eine sukzessive Entdeckung der Kunstwerke ermöglicht wird.

Julian Röders Bildserie "Mission and Task" ist an den Grenzen des 'Imperiums' Europa entstanden und dokumentiert den enormen Aufwand zum Schutz vor illegalen Einwanderern. Durch Verwendung von Kunstlicht und anschließender Bildbearbeitung erinnern die Fotografien in ihrer Ästhetik an ein Filmset, sind kulissenhaft und irreal, was die EU verteidigt bleibt offen. (Imperium) Coco Fuscos "Field Guide for Female Interrogators" behandelt Weiblichkeit und Sexualität als Machtmittel erfolgreicher Verhörtaktiken. Der fiktionale Leitfaden bezieht sich auf die verstärkte Beteiligung von Frauen bei Verhören in amerikanischen Gefängnissen (Guantánamo). (Traditionalsimen) Franz Wanners "Battle Management Drawings" beschäftigen sich mit dem Sprachgebrauch hinsichtlich Wirtschaft und nationaler Identität. Er unterläuft einen Anspruch auf Eindeutigkeit, dadurch dass er unfreiwillige Zweideutigkeiten politischer Sprache in seiner eigenen, konzisen Ausdrucksform zuspitzt. (Öffentlichkeitsarbeit) Carmen Dobre-Hametners Fotografien dokumentieren die "Furry Community". Eine lose, internationale Gruppierung, deren Teilnehmer sich mit einem Tier, oder vielmehr dessen anthropomorpher Interpretation (bekannt aus Trickfilmen oder Comics) assoziieren. Die "fursonas" leben diese (zweite) Identität aus, verkleiden sich entsprechend ihres Tieres und geben sich ausgewählten Charakterzügen – beispielsweise der listige Fuchs – hin. Dobre-Hametner rückt die Furries ins Zentrum ihrer eigenen Weltansicht, indem sie Vertreter der Gruppe in Panoramaperspektive abgelichtet hat. (Spektakel, Identität) Auch die Kunst und der Markt werden in der Soundinstallation "betaversion 4.0" von Beate Engel aufgegriffen. Schlüsselbegriffe einer vertonten Rede (Leipzig, 2913) der sozialistischen Arbeiterführerin Rosa Luxemburg werden ausgetauscht. Auf den Kunstmarkt passend gemacht, wenden sich Proletarier nicht mehr gegen Kapitalisten, sondern Künstler gegen Galeristen (Kreativindustrie).

"After the Fact" ist eine Ausstellung die sich eindringlich mit der Thematik Propaganda auseinandersetzt. Dabei wird der Begriff vor dem Hintergrund jüngster gesellschaftlicher, politischer und technologischer Entwicklungen untersucht und aufgezeigt, dass Propaganda längst nichts weit Entferntes mehr, sondern uns räumlich, zeitlich aber auch kulturell Nahes ist (und war!?). 

After the Fact
bis 17. September 2017

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