Ästhetik der Veränderung. 150 Jahre Universität für angewandte Kunst Wien. Ein Rundgang von Nina Schedlmayer

08.01.18

Die Aufgabe ist enorm: Wie soll man die 150-jährige Geschichte – und möglichst auch die Gegenwart sowie Zukunft – einer Kunstuniversität darstellen? Wie dem komplexen Gebilde zwischen Kunst, Technik und Wissenschaft gerecht werden, das die Universität für angewandte Kunst ist? Für die groß angelegte Schau „Ästhetik der Veränderung. 150 Jahre Universität für angewandte Kunst Wien“, die sich in beiden großen Ausstellungssälen des MAK ausbreitet, werkte eine ganze Gruppe an Kuratoren: MAK-Kuratorin Elisabeth Schmuttermeier, die das Wiener-Werkstätte-Archiv betreut, Patrick Werkner, Sammlungsleiter der Angewandten, Rektor Gerald Bast sowie Peter Weibel, der schon 1984 an dort eine Klasse für Medienkunst initiierte, die erste in Europa.

Die Ausstellung versammelt 400 Exponate aus den Sammlungen der Angewandten und des MAK, ergänzt durch Leihgaben, und ist in zwei Teile strukturiert: Im Erdgeschoss wirft man einen Blick auf die Geschichte, der jedoch bis in die Gegenwart ragt. Im ersten Stock versucht man sich an Überlegungen zur Zukunft. Die beiden Hallen sind atmosphärisch, räumlich und didaktisch völlig gegensätzlich angelegt. Im Erdgeschoss, das Schmuttermeier und Werkner gestalteten, werden entlang einer alphabetischen Gliederung Werke von Schülern und Lehrern präsentiert, wird gleichzeitig mit Hilfe intelligent gewählter Begriffe die Geschichte der Kunstuniversität erzählt. Da ergibt sich bisweilen ein charmantes und witziges Nebeneinander: Das Modell von Zaha Hadids futuristische Vitra Fire Station kommt neben Oswald Haerdtls Weltausstellungs-Pavillon sowie einer „Musikkiste“, aus dessen Meisterklasse zu stehen, die einen gewissen Retrocharme versprüht; gleich daneben erhebt sich ein skelettartiges Objekt von Julie Hayward. Die großen, international ausstrahlenden Lehrer und Absolventen von Gustav Klimt über Josef Hoffmann bis Maria Lassnig werden anhand ihrer Arbeiten ebenso gewürdigt wie einzelne Strömungen – etwa der Wiener Kinetismus mit Erika Giovanna Klien, Marianne Ullmann und Elisabeth Karlinsky, der bekanntlich in der Klasse Franz Čižeks an der Angewandten seine Wurzeln hatte. Auf der Kunstuniversität, die direkt aus dem MAK hervorging, durften schließlich, auch daran wird erinnert, von Anfang an Frauen studieren. Ebenso widmet man einige Kapitel der Zeit des Nationalsozialismus, in der die Angewandte wie alle anderen Universitäten auch gleichgeschaltet war – Plakatentwürfe, etwa für die „Deutsch-italienische Ausstellung junger Kunst“ zeugen davon. Und eine riesige Tafel mit einer Chronologie dokumentiert nicht nur das stete Ansteigen der Anzahl der Studierenden, sondern erinnert auch daran, welche internationalen Koryphäen hier schon unterrichteten haben: von Zaha Hadid über Karl Lagerfeld bis Vivienne Westwood. Die Ausstellungsgestaltung von BWM Architekten unterstützt den assoziativen Zugang, der die trockene Chronologie aufbricht.

Ganz anders jener Teil, der von Bast und Weibel gestaltet wurde: In dunkles Licht getaucht, dominiert hier die neue Technologie, die Weibel schon immer interessierte. Bereits 1967 erdachte er, technisch damals freilich nicht machbar, seine „Information Unit“ vereinte Walkie-Talkie, Fotoapparat und Fernseher. Im Gegensatz zu deren Umsetzung, dem Smartphone, sollte da allerdings zusätzlich ein Rasierapparat eingebaut sein. Ein Plakat zeigt Entwürfe dieses Geräts, dessen Nachfolger heute enorme Auswirkungen auf die Menschheit hat. Und so kann man Weibel, der ja selten von Selbstzweifeln angekränkelt zu sein scheint, wohl auch nur beipflichten, wenn er sich selbst wie bei der Presseführung als Visionär bezeichnet. Doch ob auch die anderen hier präsentierten Kunstwerke zukunftsweisend sind?

„Das Besondere an unserer Ausstellung ist, dass wir etwas thematisieren, was es noch nicht gibt“, sagte Rektor Gerald Bast in einem Interview mit Karla Starecek im aktuellen Parnass. „Die Zukunft passiert nicht, sie wird gestaltet. Das wollen wir vermitteln.“ Im „Future Room“, entwickelt von der Klasse für Digitale Kunst, ist jedenfalls Pessimismus angesagt. „Die Schere geht auf“, tönt es aus Lautsprechern in der igluartigen Architektur, „werden Unternehmen Staaten kaufen?“ Futuristisch anmutende Animationen begleiten die düsteren Prognosen. Kurz zuvor hat ein Besucher das Stichwort „finance“ in ein Mikrophon gesprochen. Nach demselben Schema werden auch noch andere Begriffe angeboten, über die die Installation auf Befehl philosophiert, etwa „migration“ oder „globalization“. Auch sonst gibt es viel Interaktives hier, per Smartphone kann man sich durch die Ausstellung lotsen lassen. Ein kinetisches Objekt transferiert Wellenbewegungen vom Pazifik ins MAK, ein Roboter zeichnet eine riesige Papierfläche voll, darüber hinaus geben Tafeln an der Wand Auskunft über Migrationsströme.

Ein wenig erinnert dieser dunkle Raum an die Ausstellungen der Ars Electronica; die erhellenden oder aufwühlenden Kunsterlebnisse bleiben hier allerdings spärlich. Und Forderungen wie „Universität als Prozess statt als statischer Ort“, wie sie Banners unter der Decke verkünden, klingen nicht gerade so, als wären sie erst gestern erdacht worden. Das beweist schließlich die glänzende Geschichte der Angewandten, aus der so viel Wegweisendes hervorging, selbst hinreichend.  

bis 15. April 2018