Abstract Painting Now! Florian Steininger im Interview

05.07.17
PARNASS 2/2017 Cover, Nataalia Zaluska, Ohne Titel, 2017 (Detail), Mischtechnik, Collage auf Holzrahmen, 220 x 190 cm, Courtesy Christine König Galerie / Foto: Andrea Kopranovic

Die Eröffnungsausstellung der Kunsthalle Krems nach der Generalsanierung setzt den Schwerpunkt auf die aktuelle internationale Situation des ungegenständlichen Tafelbildes – von der Entwicklung im Anschluss an den Abstrakten Expressionismus bis hin zu jungen Positionen wie Natalia Zaluska (PARNASS Cover 2/2017), Svenja Deininger oder Christoph Schirmer. PARNASS sprach mit Direktor und Kurator Florian Steininger.

 

Florian Steininger: Im Mittelpunkt steht das Tafelbild und nicht die Malerei im erweiterten Kontext. Es ging mir darum, das Medium zu spezialisieren und innerhalb dieses Spektrums das große Feld der Malerei zu analysieren, mit einem klaren Fokus auf die aktuelle Situation der ungegenständlichen Malerei.

PARNASS: Ausstellungen in jüngster Zeit, wie etwa „Painting 2.0“ im Museum Brandhorst und im Wiener mumok, dokumentierten das ungebrochene Interesse an zeitgenössischer Malerei, stellten diese jedoch in Zusammenhang mit der Expansion digitaler Technologien.

FS: Vielleicht ist meine Ausstellung eine Antwort darauf, im Sinne eines Konzentrats, Malerei als Malerei, ohne das andere abzulehnen, ganz im Gegenteil. Es geht mir aber um eine Fokussierung auf ein Medium, das total vital ist und weiterhin entscheidende Akzente setzt. Die Aorta der abstrakten Malerei, die bei Malewitsch und Kandinsky begonnen hat, pulsiert bis heute. Der Fokus ist auch ein sinnlich-emotionales Bekenntnis zum Medium.

P: Was macht deiner Meinung nach diese zeitlose Aktualität der Malerei aus?

FS: Die Malerei stellt eine Art Gegenwelt zur zunehmenden Digitalisierung dar. Sie ist zeitlos und sie ist ein Werk, das von einem Individuum geschaffen wird und Emotion sowie Geist zum Ausdruck bringt. Sie ist ein Medium, das Qualitäten des Analogen bis heute unmissverständlich für sich in Anspruch nimmt. Über die Jahrhunderte hinweg bis hin zur Gegenwart hat sich das Tafelbild als Konstante erwiesen. Und trotz der großen Tradition der Malerei wird sie von Künstlern und Künstlerinnen bis heute befragt, hinterfragt und neu interpretiert – dabei entstehen immer wieder interessante und wichtige Impulse. Die Ausstellung zeigt allerdings keine neuen Tendenzen oder einen neuen Stil, das ist obsolet. Vielmehr geht es um die Vitalität der Malerei, die als Medium meiner Meinung nach über die Jahrzehnte auch eine gewisse Vorherrschaft und Autonomie im Kontext zu anderen Medien behaupten konnte.

P: Du zeigst insgesamt etwa sechzig Positionen, davon circa ein Drittel österreichische Künstler und Künstlerinnen. Damit dokumentierst du auch deren Verbindung zu internationalen Tendenzen und präsentierst sie in einem anderen Kontext als die tradierte These der österreichischen Kunstgeschichte nach 1945.

FS: Ich finde es kontraproduktiv, wenn man stets das Österreichische hervorkehrt und die weitere Entwicklung der Malerei in den 1980er-Jahren vom österreichischen Expressionismus oder vom Informel ableitet und aus diesem engen ­informellen Feld von Staudacher bis Prachensky versucht, eine regionale Kunstgeschichte festzuschreiben. Sicher hat sich die jüngere Generation auch mit der Tradition auseinandergesetzt, aber Künstler wie Hubert Scheibl oder andere haben sich ebenso an der amerikanischen Malerei orientiert, an Künstlern wie Cy Twombly, ­Clyfford Still oder Mark Rothko. In den 1980er-Jahren waren diese Künstler auch alle international vernetzt und in Ausstellungen präsent. So stellte Herbert Brandl mit Adrian Schiess, Albert Oehlen oder Christopher Wool, Franz West mit italienischen Künstlern wie Mario Schifano und Alighiero Boetti aus. Die österreichischen Tendenzen der neuen Abstraktion, die sich ab den 1980er-Jahre entwickelten, bilden ein selbstverständliches größeres Ganzes mit den internationalen Positionen, von den konzeptuellen neugeometrischen Arbeiten von Ernst Caramelle, Gerwald Rockenschaub und Heimo Zobernig über die Arbeiten von Erwin Bohatsch, Herbert Brandl, Hubert Scheibl und Walter Vopava. Letztere haben in den 1980er-Jahren zu einer abs­trakten Bildsprache gefunden, die Bereiche der radikalen und monochromen Malerei berühren. Darauf folgen in der Ausstellung jüngere Positionen, die das Projekt Abstraktion bis heute in voller Bandbreite fortführen.

P: Historische Basis der Schau ist die Entwicklung im Anschluss an den Abstrakten Expressionismus, die vor allem von Gerhard Richter und Sigmar Polke getragen wurde.

FS: Prozess und Geste stehen dabei prägnant am Beginn der Ausstellung im Oberlichtsaal. Der Ansatz ist die Reaktion auf den Abstrakten Expressionismus, in dem die Geste zur Formel des individuellen Ausdrucks und der schöpferischen Kraft wurde. Doch ist diese Intention des befreiten Ausdrucks immer akademischer geworden und viele Künstler, unter anderen Gerhard Richter und Sigmar Polke, haben in den 1960er-Jahren dann darauf mit einer Skepsis gegenüber der Genialität der reinen Gestik reagiert, zum Teil auch von einer figurativen Ausgangsbasis aus. So steht am Beginn der Ausstellung das Bild „Frau in Hollywoodschaukel“ von Gerhard Richter von 1968. Das Motiv wird durch die starke Verwischung destruiert und in einer abstrakten Darstellung aufgelöst. Polke schaltet den handschriftlichen Duktus aus, indem er physikalische Parameter einsetzt, um Farbe rinnen zu ­lassen, und die Autorenschaft in Frage stellt. Daran knüpft dann eine gesamte Folgegeneration an, unter anderem Albert Oehlen, der in der Arbeit „Ohne Titel“ von 1994 sehr hybrid arbeitet und verschiedene Stile miteinander vermischt, in denen das Gestisch-Prozessuale vorhanden ist, doch die neoexpressionistische subjektive Geste nicht im Vordergrund steht. Im Gegenteil: Oehlen geht dazu ironisch auf Distanz. Katharina Grosse, von der auch eine Arbeit in diesem Raum hängt, tauscht den klassischen Pinsel gegen die Airbrushpistole und kreiert irisierende „colour fields“. Sie sieht Malerei als Arena, als Aktionsfeld und begreift sie auch in weiterer Folge stark in Bezug auf den Raum.

P: Du setzt den Fokus auch auf konkrete Positionen und fasst diese unter dem Schlagwort „Gemalte Geometrie“ zusammen.

FS: Der Begriff dokumentiert, dass es mir dabei nicht um eine rein konstruktivistische Kunst geht, sondern um Werke, in denen wieder eine malerische Handschrift dominiert, wie bei Sean Scully, Helmut Federle, Brice Marden oder Günther Förg, aber auch bei ganz jungen Positionen wie bei der in London lebenden, deutschen Künstlerin Tomma Abts, Gewinnerin des renommierten Turnerpreises, André Butzer oder der noch jüngeren Svenja Deininger. In den Werken geht es um malereiimmanente Überlegungen, um Oberflächen, Schichtungen und den Prozess der Malerei sowie um das Verwerfen eines Bildes. Es geht nicht nur um eine Umsetzung einer geometrischen Konstruktion, sondern jedes einzelne Werk wird zu einem individuellen Organismus. Ebenso gehören Positionen wie Natalia Zaluska dazu, die wieder stärker mit Collage und Materialien arbeitet, sich aber als Malerin versteht.

P: Die minimalistischen Streifenbilder von Wade Guyton bilden so etwas wie den Endpunkt der Ausstellung. Achim Hochdörfer, der jüngst im Münchner Museum Brandhorst eine Personale des Künstlers zeigte, meinte in einem Interview im Artforum: „In Guytons Werk verbinden sich verschiedene Zeiten: eine leichte Übereinstimmung von Aspekten von Minimal und Pop, Hochmoderne und Warengestaltung, Appropriation Art und Institutionskritik, vorindustriellen und nachindustriellen Methoden.“

FS: Guytons Werke zeigen die Schnittstelle der Malerei zum Digitalen. Der Bogen schließt sich auch hinsichtlich der Autorenschaft und der individuellen Geste, die bereits im ersten Raum, im Oberlichtsaal, thematisiert wurde. Es ist insofern ein Endpunkt, als Wade Guyton seine minimalistischen Streifenbilder von einem Tintenstrahldrucker erzeugen lässt. Im Ausstellungskatalog bildet der Beitrag von Ulrich Loock über die aktuelle Abstraktion im digitalen Kontext bewusst daher auch eine Art Gegenposition zu meiner medienspezifischen Präsentation der Ausstellung.

P: Abschließend noch eine Frage zur Generalsanierung der Kunsthalle Krems. Was wird sich ändern?

FS: Die Ausstellungsräume bleiben im Wesentlichen gleich, allerdings haben wir uns bemüht, den Charakter des ehemaligen Industriebaus im Obergeschoss wieder stärker zu betonen. Ebenso ist der Durchgang zu den weiteren Räumen größer geworden, sodass insgesamt die Säulenhalle besser zur Geltung kommt. Die große Veränderung betrifft das Foyer, das durch die geplante Verbindung mit der 2018 eröffneten Landesgalerie neu gestaltet wurde. Anstelle des ehemaligen Restaurants werden dort nun der Ticketbereich und der Shop untergebracht. Das Café wird es dann in der Landesgalerie geben. Der Vorplatz zwischen den beiden Häusern soll eine Begegnungszone werden, die auch zu den beiden Achsen der Kunstmeile bis hin zur Minoritenkirche in Stein und zur Dominikanerkirche in Krems überleiten wird. Dazu sind auch Leitsysteme geplant. Neu ist außerdem, dass die Dominikanerkirche als Ausstellungsraum nun der Kunsthalle Krems zugeordnet ist, die einmal im Jahr mit einer Ausstellung bespielt werden wird.

Abstract Painting Now! Gerhard Richter, Katharina Grosse, Sean Scully...
bis 5. November 2017

(PARNASS 2/2017)

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