100 Jahre schwarzes Quadrat – der Wirklichkeitensammler

24.04.15

THOM BARTH in Klagenfurt

Was haben Kasimir Malewitsch (1870–1935) und Thom Barth (*1951) gemeinsam, fragt man sich beim Betreten der RitterGallery angesichts des Ausstellungstitels der Werkpräsentation des deutschen Künstlers Thom Barth? Wer sich Geometrisches erwartet ist auf der falschen Fährte. Im Gegenteil, eine Flut von Bildern und Welten stellt sich ein, die in ihrer Gesamtheit gar nicht zu fassen ist. Dem Minimalismus eines suggerierten schwarzen Quadrates steht der multiple Bild-Kosmos eines Künstlers gegenüber, der sich jedoch letztlich auch einer ganz eigenen Art von „Bilderverweigerung“ verschrieben hat.

Als Kasimir Malewitsch im Dezember 1915 in Petrograd (St. Petersburg) zum ersten Mal sein Schwarzes Quadrat auf weißem Grund ausstellte, hatte er Erklärungsbedarf und fand eine Definitionen und Erläuterung dieser „Ikone der neuen Kunst“, wie er das Bild selbst nannte: „Als ich 1913 den verzweifelten Versuch unternahm, die Kunst vom Gewicht der Dinge zu befreien, stellte ich ein Gemälde aus, das nicht mehr war als ein schwarzes Quadrat auf einem weißen Grundfeld… Es war kein leeres Quadrat, das ich ausstellte, sondern vielmehr die Empfindung der Gegenstandslosigkeit“. Damit war die Frage nach dem Wesen und der Bedeutung von Bildern neu geboren und der Betrachter in seiner Wahrnehmung und Rezeption extrem gefordert.

Für Thom Barth entsteht Kunst vorwiegend „aus Wahrnehmungsprozessen oder Not-Wendigkeiten aller Art. Sie ist Ausdruck eines Aneignungsprozesses der Welt zu einem Ich“. Er reagiert auf die Bild-Produktion des Alltages, die überbordende Bilderflut der Gegenwart, mit der Zurschaustellung ihrer Struktur und fragt nach möglichen Sinnzusammenhängen. Seine Kunst handelt im Wesentlichen davon, wie wir etwas wahrnehmen und verarbeiten. Er„macht sich sein eigenes Bild“ von der Realität aus Vorbildern und Nachbildern, Kopien und Collagen.

Schon in den 1990er-Jahren hat, der in Frankfurt und an der Akademie in Wien ausgebildete Maler und Installationskünstler, auf die Frage nach seiner Profession mit Vorliebe „Bildverarbeitung“ angegeben. Und das, wie Johannes Stahl meint, „gewiss nicht nur als ausweichende Antwort, die eine möglicherweise langwierige und nicht selten unbefriedigende Kunstdebatte elegant umgeht“, sondern auch als Ausdruck seiner individuellen künstler-ischen Arbeitsweise. Denn Barth bedient sich in seiner Arbeit seit Langem gängiger Mittel der technischen „Bildgestaltung“, wie sie in Druckereien und Reproanstalten verwendet werden. Sein bevorzugtes Material sind bis heute Fotovorlagen und handelsübliche transparente Folien, sein Werkzeug ist der Kopierer und Plotter. Mit der individuellen Verarbeitung, der aus dem Offsetdruck kommenden Druckfolien, hat Thom Barth ein perfektes Material gefunden, um seine Sicht der Welt in einem künstlerischen Werkprozess zu bearbeiten. Folien, in ganz normalem Kopierverfahren bedruckt, fungieren für ihn als „Leinwände“. Sie sind sein Arbeitsmaterial, das Inhalte transportiert und Informationen aller Art zum Besten gibt. Seine Motive sind so vielfältig wie unsere Informationsgesellschaft. „Wenn unserer Gesellschaft sich aus Bildern ihren Raum baut, nimmt sie die Lebenswelt in die Zweidimensionalität zurück und fasst sie als Abbild“, schreibt Gerhard Mack zur Kunst von Thom Barth. Diesen Abbildern ist Barth auf der Spur. Als Vorlage dienen ihm allgemein zugängliches Bild- und Schriftmaterial, dessen ausgewählte Ausschnitte durch mehrfaches Kopieren und Vergrößern nicht nur ihre Farbigkeit verlieren, sondern auch Gebrauchspuren des Prozesses und neue Formen sichtbar machen.

Die Beschaffenheit und Transparenz des Materials erlaubt dem Künstler neben dreidimensionalen Objekten, klassischen Bildformaten, Collagen und kaleidoskopartigen Überblendungen, auch große bebilderte Rauminstallationen und Kunst im öffentlichen Raum zu schaffen. Die erste Arbeit dieser Art entstand übrigens 1987, gleich nach Beendigung des  Studiums, im Palais Liechtenstein in Wien. Ein transparenter kubischer Körper füllte den Festsaal des Palais, eines zum Museum Moderner Kunst gehörenden, mit barockem Marmor- und Bildschmuck gestalteten Raumes. Der transparente Kubus hat, wie in nachfolgenden Installationen, einen Dialog mit der Architektur und Elementen des Raumes aufgenommen und die damit gewohnte Sehweisen um 90° gedreht. Veränderung der Wahrnehmung und die Frage nach dem Wesen und der Bedeutung von Bild und Abbild, ist nach wie vor eine der Intentionen des Künstlers.

Die aktuelle Ausstellung in der RitterGallery zeigt eine Auswahl aus verschiedenen auch malerischen Werkserien der letzten zwanzig Jahre und macht deutlich, wie Material und Motiv ineinanderfließen. Einprägsam sind die beiden verdichteten, aus vielen überlagerten Informationsschichten bestehenden, Fensterflügelobjekte aus 1994. Sie geben Einblick in eine noch nicht „ver-digitalisierte“ Welt von Information, die im Vergleich zu heute überschaubar geradezu war. In den neuesten Arbeiten, die Thom Barth „Fetzzen“ nennt, scheinen sich die Informationen auf Folienfragmenten und buntem Zivilisationsresten bereits in Auflösung zu befinden. Der Rahmen ist noch da, doch die Fülle der Möglichkeiten sich mit GoogleEarth und Worldwideweb ein Bild von der Welt zu machen und Informationen abzufragen, sprengt jegliche nachvollziehbare Struktur. Auf die Frage, ob diese aktuellen Objekte als allgemeine Zivilisationskritik zu werten sind, antwortet der Künstler  – mit dem ihm eigenen Schalk – „es geht doch wohl auch um Verführung, so schön bunt und glänzend, wie sie sind!“

Die Kunst vom Gewicht der Dinge befreien, wollte 1915 Kasimir Malewitsch mit seinem schwarzen Quadrat auf weißem Grund. 100 Jahre später befreit Thom Barth die Abbilder unsere Informationsgesellschaft, indem er sie recycelt, überblendet und zerschnipselt und damit unterwandert er die sogenannte „veröffentlichte Wirklichkeit“ und befreit sie, ganz nebenbei, von ihrem Gewicht.

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